Budapest: Zeugnis des 19. Jahrhunderts - DER SPIEGEL
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Budapest Zeugnis des 19. Jahrhunderts

Die Andrássy út in Pest ist eine Straße wie aus einem Guss. Vor gut hundert Jahren wurde die Prachtstraße im Jubiläumstaumel der Ungarn erbaut. Noch heute gleicht ein Spaziergang über die großzügige Straße oft einer Reise in die Vergangenheit.
Von Urs Zietan
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Boomtown Budapest - schon vor gut hundert Jahren ging es der Stadt dermaßen gut, dass gebaut wurde, was das Zeug hielt. Dies ist ein Grund dafür, warum Teile von Pest auf der östlichen Seite der Donau noch heute aussehen wie aus einem Guss. Schade und charmant, dass die Ungarn an vielen Stellen seitdem den Putz nicht ausgebessert haben. Wenn eine der großen Budapester Straßen noch heute als Zeugnis dieser Zeit dienen kann, dann die Prachtallee Andrássy út.

Ein wichtiger Grund, weshalb die Ungarn um 1896 diese Straße und den Park an ihrem Ende bauten, ist ihr Nationalstolz: Genau 1000 Jahre früher sollen die ersten Ungarn sich nach Jahrhunderte langer Wanderung im Karpatenbecken niedergelassen haben. Daher auch der Name für die erste Metro auf dem europäischen Festland: die Milleniums-U-Bahn. Noch heute rappelt sie als die gelbe Metrolinie M1 im Minutenabstand unter der Andrássy út entlang vom zentralen Verkehrsknotenpunkt in Budapest, dem Deák Platz (Deák Ferenc tér), zum Stadtwäldchen (Városliget).

Großstadt-Oase

Dort kann man seinen Tag verbringen und die Touristen bedauern, die es nicht weiter schaffen als auf den - zweifellos ebenfalls reizvollen - Burgberg. Ein solcher Tag abseits der 08/15-Attraktionen kann auch in einer quirligen Stadt wie Budapest entspannend sein: Bei schönem Wetter auf der Wiese im Stadtwald liegen, zwischendurch über den Heldenplatz flanieren und bei Regen die Vajdahunyad Burg (Vajdahunyad vár), die vier Baustile in sich vereint, besichtigen.

Das nahe gelegene Schwimmbad verlockt dazu, dort in der Sonne zu liegen. Doch das Freibad im Széchenyi-Bad (Széchenyi Fürdö) taugt auch dazu, einen regnerischen Nachmittag im Freien zu verbringen. Knapp 40 Grad warm ist das Wasser in den beiden Thermalbecken unter freiem Himmel. Dort, wo beleibte und betagte ungarische Herren gerne eine Partie Schach im Wasser spielen. In dem Schwimmbecken zwischen den Heißwasser-Pools ist meist genug Platz für sportliche Badbesucher. Der Ungar geht nicht ins Széchenyi-Bad, um sich zu bewegen. Was dem Finnen seine Sauna, ist dem Budapester sein Themalbad.

Kultur satt

Wintersportler tummeln sich in der kalten Jahreszeit im Stadtwäldchen. Dann nämlich zieht dort eine Freiluftschlittschuhbahn die Budapester in Massen an. Zwischen der Vajdahunyad-Burg und dem Heldenplatz (Hösök tere) tummeln sich sportliche Ungarn nach Feierabend. Kinder allerdings ziehen es vor, auf dem Vergnügungspark - ein kleiner "Prater" - im Stadtwald eine Runde auf dem Karussel zu drehen, während Feinschmecker, die die exquisite der deftigen ungarischen Küche vorziehen, lieber im nahe gelegenen Restaurant Gundel Fleisch, Nockerln in allen Variationen und anschließend den Gundel-Palatschinken genießen.

Kulturbegeisterte spazieren statt dessen entlang der Andrássy út in Richtung Stadtmitte, um sich den Zentren der klassischen Kultur den Kunstgenüssen zu nähern: Oper und Franz-Liszt-Musikademie sind die beiden auch architektonisch sehenswerten Häuser, in denen man der ungarischen Sprache nicht mächtig sein muss, um sich zu ergötzen.

Festivalstimmung

Kulturliebhaber sind gut beraten, zwischen dem 16. März und dem 1. April 2002 einen Abstecher in die ungarische Hauptstadt zu machen, denn dann steht dort das Budapester Frühlingsfestival auf dem Programm. Dutzende Konzerte für jeden Geschmack, aber auch Tanz-, Film- und Theaterprofis geben sich dann in der Donaumetropole ein Stelldichein.

Auf dem Weg vom Park in das Herz Budapests passieren die Kulturfans den Kódaly körönd, den Platz an dem der Komponist Zoltán Kodály lange lebte und wo eine reizende alte Dame heute durch seine mit Instrumenten gespickte Wohnung führt. Die wenigsten der Besucher, die zum Frühlingsfestival anreisen, werden diesen Abstecher wagen, doch er lohnt sich. Zeitgenossen, die lieber das In-Viertel der Donau-Metropole suchen, kommen gar nicht so weit. Sie setzen sich nahe dem großstädtischen Oktogon in eines der Cafés, die am Franz-Liszt-Platz (Liszt Ferenc tér) zu westeuropäischen Preisen die neuesten Mixgetränke anbieten.

Jüdisches Budapest

Im siebten Bezirk, südlich der Andrássy út, sind noch heute die Reste eine einst jüdischen Stadtviertels zu bereisen: Die große Synagoge ist da nur das auffälligste Denkmal. Kulinarisch lässt sich das Budapester Judentum noch heute erleben, wenn man sein Pörkölt im "Kádár" ist. Diese kleine Kantine am Klauzál tér, die freitags koscher serviert ist nur mittags geöffnet und dann gerammelt voll. Kein Wunder: Der Geheimtipp ist schon längst keiner mehr.

Spätestens am Vörösmarti Platz (Vörösmarti tér) ist der Reisende endgültig angekommen in einem Zentrum Budapests, wo Straßenhändler, Musiker und Cafés um die Gunst der Neugierigen buhlen. Wer glaubt, nun sei er endgültig in der Gegenwart gelandet, sollte sich ein Gulasch im Keller des Resti Kocsma genehmigen. Ein Restaurant, in dem der Gast in eine ungarische Epoche reist, auf die die Magyaren heute weit weniger Stolz sind als auf das 19. Jahrhundert: die Zeit des Sozialismus.

Lesen Sie im 2. Teil Tipps und Informationen. Tipps:

- Touristeninformation: Am zentralen Deák Platz (Deák Ferenc tér) nahe des Ausganges der gelben Metrolinie M1.

- Termine: In der Zeitung "Der neue Pester Lloyd", die mittwochs erscheint. Aktuelles zu Land und Leuten findet sich ebenfalls in diesem deutschsprachigen Wochenblatt.

- Reiseführer-Tipp: "Budapest, A Critical Guide" von dem Dissidenten András Török. Auch auf deutsch zu haben.

- Shopping: Entlang der Ringstraße (körút) finden sich auch in den Hinterhöfen kleine Lädchen, in denen man alles findet. Mondäner, teurer und touristischer kommt die zentrale Einkaufsstraße Váci utca daher. Noch teurer wird es in den Shoppingmalls, die noch immer überall aus dem Boden sprießen. Beispielsweise das "Mammut" am Moskau Platz (Moszkva tér) oder das Westend City Center nahe des Westbahnhofs (Nyugati pályaudvar).

- Kino: Die meisten Kinos zeigen ausländische Filme im Original mit ungarischen Untertiteln. Das Standardprogramm gibt es etwas günstiger als in Deutschland in den Shoppingmalls. Etwas ausgefallenere Filme im Müvész Kino an der Teréz kötút.

- Cafés: Klein, aber nicht übertrieben fein: Das Müvész Kávéház gegenüber der Oper an der Andrássy út. Viele Kaffeesorten nebst Kulturprogramm und deutschen Zeitungen gibts im Café Eckermann im Goethe-Institut direkt neben der Oper. Modern, aber in der alten Kaffeehaustradition steht das Café Central nahe des Franziskaner Platzes (Ferenciek tere). Schick, aber auch oft überlaufen: Das Café Europa (Szent István körút).

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