Buenos Aires Zwischen Glamour und Gosse
Buenos Aires - Am Morgen ist es noch ruhig in der "Bar Tarzan" in Buenos Aires. Der Tag beginnt in Argentinien für viele Menschen nicht vor Mittag. José Reboredo, 71 Jahre alt und noch etwas verschlafen, schaut sich um in seinem Reich. Er und seine Bar, sie seien "das Beständige in Buenos Aires", sagt er. Seit mehr als 80 Jahren gibt es sie schon unter der Adresse Esmeralda 917. Der Alltag in der Hauptstadt Argentiniens ist geprägt durch scheinbares Chaos. Dem stimmt auch José zu: Genau so sei er, der Charakter der Metropole und ihrer neun Millionen Bewohner.
Sie ist voller Kontraste, die schon im Stadtbild nicht zu übersehen sind: Hochhäuser mit im Sonnenlicht glänzenden Glasfassaden werfen ihre Schatten auf kleine alte Gebäude. Sogar die Kirchen, die in Europa meist die höchsten Bauwerke der Städte sind, versinken mit ihren Türmchen im Beton-Meer um sie herum. Sie stammen meist noch aus der Zeit, als Buenos Aires eine kleine Hafenstadt am Rande der Welt war.
Doch egal ob alt oder neu, fast alle Häuser sind peinlichst geputzt. Das gilt besonders für ihre goldglänzenden Portale. Im Inneren finden sich jedoch meist nur Mini-Apartments, die den Mietern gerade Platz für das Nötigste bieten. Diejenigen, die sich diese Lage im Zentrum leisten können, zeigen auch sonst gern, was sie haben.
Exklusivität und Elend
Und diejenigen, die nichts haben, können das auch nicht verbergen. Sie schlafen am Tag mitten auf den Gehwegen, leben von Almosen und arbeiten nachts. Ihr Beruf heißt "Cartonero". Sie suchen nach Pappe und Papier im Müll, das sie für ein paar Centavos verhökern können, und verdienen ihren Lebensunterhalt mit dem Ausschlachten der Plastiksäcke, die abends vor die glänzenden Türen gestellt werden. Exklusivität und Elend, Glamour und Gosse nebeneinander, in derselben Straße, zur selben Zeit.
Das Leben in Buenos Aires ist ein dauerndes Durcheinander, ein ständiger Wechsel der Extreme - schnell, unüberschaubar und chaotisch. Das gilt auch für den Straßenverkehr, der pro Jahr mehr Todesopfer fordert als die seit Jahren ständig steigende Kriminalität. Die schwarz-gelben "Radio-Taxis" halten auf einen kurzen Fingerzeig am Straßenrand hin sofort. Ebenso wie es auch alle Busse der Stadt tun, an deren Haltestellen Menschen inmitten des Durcheinanders brav in Linie aufgereiht Schlange stehen.
Die Busse zwängen sich in langen Kolonnen durch die engen und aufgeheizten Straßen und vernebeln sie mit dem grauen Schleier ihrer Abgase. Die Luft ist oft schlecht in Buenos Aires. Alles ist in einem großen Fluss auf den Straßen und den sehr schmalen Gehwegen, der wie eine unsichtbare Macht jeden Einzelnen entweder mit sich zieht oder vor sich her schiebt. Hinzu kommt der Krach von hupenden Autos, singenden Straßenfegern oder Türwächtern und aus den CD-Läden, die mindestens den ganzen Block mit ihrer Musik beschallen.
Die Nacht ist lang
Ruhe gibt es nur auf kleinen "Inseln" wie der "Bar Tarzan", dem alte "Tunon" oder dem "Café Tortoni". Ebenso wie die vielen kleinen "Parillas", die nur um die Mittagszeit ihre Grills befeuern, um die Hungrigen aus den Büros der Innenstadt zu versorgen - inmitten der Hochhaus-Schluchten der Großstadt.
Selbst das Wetter scheint Gefallen am radikalen Wechsel zu finden. Gewitterwolken und kalte Südwinde beseitigen innerhalb von Minuten blauen Himmel und brütende Hitze. Verdrängt später die Dämmerung das Sonnenlicht, wandelt sich Buenos Aires erneut. In der blauen Stunde zwischen 20 und 21 Uhr legt sich eine gespannte Unsicherheit über das wuselnde Szenario in den Straßen und Gassen. Denn das nächtliche Buenos Aires ist eine ausgelassene Welt, in der Bars, Restaurants und "Boliches" die Vergnügungssüchtigen empfangen.
Gut gekleidete Damen und elegante Herren stehen vor Theatern, Schlangen von Jugendlichen vor den an jedem Tag überfüllten Discos wie dem "Big One" oder dem "Roxy". Hell erleuchtet sind die Bars, in denen noch nachts Tango getanzt wird. Die Nacht ist lang - und endet oft erst in den späten Morgenstunden. Der Morgen beginnt langsam, lässt sich Zeit - und es dauert eine Weile, bis Buenos Aires gegen Mittag erneut erwacht.
Von Andreas Moring, gms