Bürgerzorn in Babelsberg: Schluss mit lustig - DER SPIEGEL
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Bürgerzorn in Babelsberg Schluss mit lustig

In Babelsberg herrscht helle Aufregung. Nach jahrelanger Toleranz wird in den Unesco-geschützten Potsdamer Parks die Parkordnung rigoros umgesetzt. Der Zorn der gemaßregelten Bürger entlädt sich an den Wachleuten. Selbst ein Indianer aus South Dakota schaltet sich ein.
Von Tobias Schreiter
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Babelsberg - Niklas Wanke zeigt gern "seinen" Park. Der Vorsitzende des Potsdamer Tierschutzvereins geht mindestens dreimal am Tag mit seinen Hunden im Babelsberger Park spazieren. Laut Parkordnung, die derzeit die Gemüter erhitzt, muss er seine Hunde anleinen. Wanke leint sie aber nicht an.

Der 43-Jährige lehnt an einer weiß-roten Fahrradbarriere am Eingang "Grenzstraße/Allee nach Glienicke". "Es fängt schon mit diesen Barrieren an", sagt Wanke, "sie sollen das Radfahrverbot erzwingen." Zwei junge Frauen fahren auf den Park zu. Sie steigen von ihren Fahrrädern, schieben sie durch den schmalen Pfad zwischen den beiden Barrieren, schauen sich um, steigen wieder auf und fahren verbotenerweise weiter.

"Schauen Sie, so läuft das. Kaum einer hält sich an die Parkordnung. Warum auch nach all den Jahren?", sagt Wanke. Einige Meter neben ihm hängt der Grund seines Ärgers: Die Parkordnung. Sie ist keineswegs neu. Neu ist nur ihre rigorose Anwendung. Seit zwei Monaten treiben Wachmänner Verwarngelder für Dinge ein, die den Babelsbergern selbstverständlich schienen: Baden, Liegen, Radfahren. 150 Sünder wurden schon mit 5 bis 35 Euro zur Kasse gebeten.

Spaß und Erholung versus Recht und Ordnung

Wanke wurde auch schon erwischt – als er illegal eine Wiese betrat, um eine Plastikflasche aufzusammeln. "Ich habe aber nicht bezahlt, die Ordnungshüter haben keine Handhabe. Sie dürfen mich nicht festhalten", erzählt er. Wanke ist Mitglied der Bürgerinitiative "Babelsberger Park". Zwischen dieser und der Stiftung "Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg" tobt seit Wochen ein Konflikt, der den Namen "Spaß und Erholung versus Recht und Ordnung" tragen könnte.

Die Stiftung beruft sich auf den Denkmalschutz, denn ebenso wie die beiden anderen Potsdamer Parks - Sanssouci und Neuer Garten - ist der Babelsberger Park Unesco-Welterbestätte. "Für alle Denkmäler gelten die gleichen Maßstäbe. Wir können da nicht Klassenunterschiede machen", sagt Michael Rohde, der Gartendirektor der Stiftung. Pressesprecherin Elvira Kühn betont, dass man sich auch im Falle des Babelsberger Parks auf die Stiftungsanlagenverordnung zur Abwehr von Gefahren für die Anlagen beruft. Das weiß auch Warnke. Doch im Vergleich zu den beiden anderen Parks habe der Babelsberger doch mittlerweile "Volksparkcharakter" und müsse gesondert behandelt werden.

Der "Drive", ein unasphaltierter Weg, führt einmal um den Park herum. Gern von Radfahrern genutzt, um den Stadtverkehr zu entkommen, sackt der sandige Weg zu den Rändern hin ab. Pfützen haben sich gebildet – Wetter und motorisierter Zulieferverkehr haben hier ihre Spuren hinterlassen. "Anfangs wollte die Stiftung den Radfahrern diese Schäden in die Schuhe schieben", sagt Wanke. Bei solchen Anschuldigungen könne man doch gut verstehen, dass sich Ärger in der Bevölkerung breit macht.

Wachmänner attackiert

Der Ärger hat sich allerdings vereinzelt Ventile gesucht, die die Bürgerinitiative verurteilt. Ein Wachmann wurde mit einem Schlag ins Gesicht niedergestreckt, ein anderer mit Steinen beworfen. Schilder wurden zerstört oder verschandelt. Besonders die Schilder mit der Aufschrift "Fahrradschiebestrecke" sind ins Fadenkreuz von Randalierern geraten. Bei einem dieser Schilder wurden sieben Buchstaben abgekratzt, nun ist es wieder eine "Fahrradstrecke". Die Fahrradschiebestrecke ist eine seltene Ausnahme in Deutschland und zeigt die Absurdität der verschärften Auslegung der Parkordnung.

Früher einmal, da war die Fahrradschiebestrecke Teil des Radweges der Bundesgartenshow, die 2001 in Potsdam ausgerichtet wurde; eine für Fahrradfahrer sichere Verbindung zwischen Babelsberg und Potsdam. Heute sollen die Radfahrer mitten im Park absteigen und schieben - ein Schildbürgerstreich? Wanke zeigt auf einen neuen Pfad, der im Nichts endet. Wer nicht umkehren will, muss querfeldein über eine Wiese wandern. Das ist verboten. Es gibt auch neue Fahrradständer im Park, die man mit dem Fahrrad allerdings nicht mehr erreichen darf. Denn verboten ist hier nicht nur das Fahrradfahren, sondern laut Parkordnung auch das Mitführen von Fahrrädern.

Erste Kompromisse

Auf den Wiesen, die an den "Tiefer See" grenzen, sonnen sich Babelsberger, die den Eintritt für das benachbarte Strandbad nicht zahlen wollen. Nun auch offiziell - auf einer ausgeschilderten Liegewiese. Sie ist ein erster Kompromiss zwischen Stiftung und Bürgerinitiative. "Sogar das Baden wird hier geduldet", sagt Warnke. Stiftung und Bürgerinitiative haben weitere Treffen geplant. Die Bürgerinitiative soll konsultiert werden, wenn es um die Aufstellung von Bänken und Mülleimern geht. "Aber so billig lassen wir uns nicht abspeisen. Wir wollen wieder mehr Rechte im Park", sagt Wanke.

Die Bürgerinitiative hat mittlerweile schon 8000 Unterschriften gegen die Parkordnung gesammelt. Und die stammen nicht nur von Babelsbergern. Besonderen Zuspruch gab es aus den USA. Der Indianer Ferdinand Romero alias "Freddy Umherstreifender Wolf aus Wamblee, South Dakota" wandte sich in der Tageszeitung "Märkische Allgemeine" an die Babelsberger: "Ihr seid Teil der Mutter Erde, genau wie der Käfer, der Wolf, der Adler und der Schmetterling. Es ist das Wesen der Natur, sich frei zu bewegen. Lasst Euch nicht Eure Freiheit und das Recht auf die Natur wegnehmen."

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