Costa Brava Das Erbe der Dalí-Erpressung
Cadaqués - Die weiße Stadt am blauen Meer, diesen Beinamen hat das pittoreske Hafenstädtchen Cadaqués in der Nähe des Cap de Creus schon lange. Ist "pittoresk" andernorts nur werbewirksam ausgeschmückter Bestandteil einer Marketingcampagne, ist es in Cadaqués immer noch wahr. In der Tat hat sich hier im Gegensatz zu fast allen Nachbargemeinden seit rund einem Jahrhundert so gut wie nichts verändert.
Weiße Stadt am blauen Meer
Einer, der den größten Anteil an der noch heutigen Ursprünglichkeit von Cadaqués hat, ist der spanische Surrealist Salvador Dalí. Als Sohn eines wohlhabenden Notars aus dem Nachbarstädtchen Figueras verbrachte er dort während der Kindheit viel Zeit mit den Eltern, der Schwester und seiner Großmutter. Der in der Öffentlichkeit gern als Exzentriker auftretende Dalí hat sich bis zu seinem Lebensende nicht von dieser grandiosen Kulisse aus mit Zypressen bewachsenen Hügeln und skurrilen Felsformationen trennen können.
Schon mit 14 Jahren zog es ihn mit der Staffelei in die Hügel der Umgebung. Die Ortsansicht von Cadaqués war eines der beliebtesten Motive der frühen Bilder Dalís. Vom Surrealismus noch keine Spur, dafür um so mehr von keimender Heimatliebe. Als der Vater ihm die Koffer vor die Tür stellte, weil man weiland noch nicht einfach mit einer verheirateten Frau zusammensein konnte, kaufte Dalí in der Nachbarbucht von Cadaqués vom ersten eigenen Geld eine Fischerhütte. Die traumhafte Landschaft am Mittelmeer wollte er nicht aufgeben.
Heute ist das Haus der Dalís ein Museum, für jedermann offen. Nach und nach entstand ein kleiner Komplex, indem Dali sein Grundstück und die erste kleine Behausung vergrößerte. Das war aber auch alles. Längst berühmt geworden, begann der Tourismus um Cadaqués herum weite Teile der Costa Brava zu verändern.
Wie vor hundert Jahren
Der mittlerweile berühmt gewordene Salvador Dalí drohte jedoch den Verantwortlichen mit seinem Wegzug, falls man den Ort nicht belassen würde wie er war. Schließlich lebte der Katalane Dalí außerhalb der Scheinwerfer (fast) wie jeder andere Dorfbewohner auch. Er hatte ein Lieblingsrestaurant, seine Stammbodega, und das sollte auf keinen Fall dem Massentourismus in die Hände fallen.
So präsentiert sich das Fischerdorf Cadaqués immer noch so malerisch wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, und das erst recht in der Vorsaison, wenn auch die Tagesgäste nur sporadisch hierher finden. Zum Baden kommen in dieser Zeit schließlich nur die verwegensten Urlauber. Der Blick über die Bucht auf die Häuser am Wasser ist der gleiche. Die wenigen Touristen bestaunen die weiße, in den blauen Himmel ragende Kirche - immer noch das höchste Gebäude - und erkunden die angrenzenden versteckten Buchten. Die Pause gönnt man sich danach im Ort in der Bodega La Habana.
Die Felsen am Cap de Creus machen nachhaltig klar, woher der Name "Wilde Küste" kommt. Besonders bei rauer See gibt es ein einzigartiges Naturschauspiel zu bewundern, wenn mit tosendem Donner gigantische Wellenberge an die Felsen klatschen.
Ruhiger und beschaulicher geht es im antiken Empuries nicht all zu weit von Cadaqués zu. Die griechische Siedlung entstand zur selben Zeit wie Marseille und hatte einst auch die gleiche Bedeutung. Auf einem riesigen Areal sind nun Mauern, Säulen, Bodenmosaike sowie die Reste des Amphitheaters zu bewundern.
Die Kathedrale von Castello d' Ampuria hat jedoch keine solche Geschichte nach sich gezogen. In der Hoffnung erbaut, das monumentale Gotteshaus würde einen Bischofssitz mit allen angenehmen Begleitumständen aus dem mittelalterlichen Städtchen machen, ging der Plan ins Leere. Das Kaff blieb verschlafen wie es war. Die Kathedrale ist das einzig Beeindruckende geblieben.
Überall und zeitlos präsent sind dagegen die immergrünen Zypressen. Sie sind neben den oft figürlich wirkenden Felsen der Costa Brava das vielleicht charakteristischste Merkmal der Region. Beides findet sich auf vielen Werken Dalís verewigt.
Dalís Museumsdreieck
Der Maler und Bildhauer setzte sich indes ein eigenes Denkmal, als die Geburtstadt Figueras ihm das im Bürgerkrieg zerstörte Theater als Museum anbot. Dalí sagte zu und gestaltete das Teatro Museo bis ins Detail selbst. Mitte der siebziger Jahre war der Umbau der Ruine abgeschlossen. Besucher aus aller Welt bewundern seitdem das berühmte Mae-West-Sofa, den von Pflanzen überwucherten Cadillac im Innenhof, Originalgemälde oder die Grafikserien wie die der mediterranen Mythologie.
Schloss Pubol auf dem Land komplettiert das Museumsdreieck um den berühmtesten Katalanen. Dort lebte Dalí einige Zeit nach dem Tod seiner Frau, bis er nach einem Brand im Schloss für seine letzten Lebensjahre in einen Flügel seines Museums zog, zurück in die Geburtstadt Figueras. Seit dem 15. März sind die Museen in Pubol und Portlligat wieder geöffnet, wie üblich bis zum 1. November.
Wenn in Figueras bald der Hochgeschwindigkeitszug TGV einen Halt einlegen wird, ist die gute alte Zeit wohl endgültig Vergangenheit. In Cadaqués aber scheint es, als ob Dalís Vermächtnis in Ehren gehalten wird. Die weiße Stadt am blauen Meer verschläft die Zeit weiter. Hoffentlich.