Danziger Werft: Im Dock der Künstler und Kumpel - DER SPIEGEL
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Danziger Werft Im Dock der Künstler und Kumpel

Rastatypen oder Rockmusiker, die lässig zwischen all den grimmigen Männern mit verölten Händen durch das blaue Werkstor schlendern, so etwas hat es, als die Danziger Werft noch Lenin-Werft hieß und Weltgeschichte machte, nicht gegeben. In den ehrwürdigen Gebäuden hat sich eine Künstlerkolonie niedergelassen.
Von Swantje Strieder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mihail, den erkennt man leicht an seiner langohrigen Russenmütze und Monika an der rostroten Punkfrisur und den Piercings", sagt der Pförtner der Danziger Werft. Im Übrigen sehe ja ein Blinder, dass das Pärchen nicht zu den 3000 Werftarbeitern gehöre. Die beiden bummelten Händchen haltend über die Kais, während die Kumpel von der Solidarnosc ihre harte, gefährliche, wunderbare Drecksarbeit machten, nämlich Schiffe bauen.

Aber Mihail und Monika, die seien okay. Da gäbe es ganz andere Typen in dieser Künstlertruppe, die sich wie eine Kolonie scheckiger Elstern auf der Werft eingenistet habe und sich weder durch Händeklatschen noch durch Beschimpfungen vertreiben ließen, weil sie hier dummerweise ganz legal wohnten. So etwas habe es, als die Danziger Werft noch Lenin-Werft hieß, nicht gegeben: Rauschebärte, Rastatypen oder Rockmusiker, die lässig zwischen all den grimmigen Männern mit schwieligen, verölten Händen durch das blaue Werkstor schlenderten - durch Tor II, das beim Werftarbeiter-Streik 1980 Weltgeschichte machte.

"Die Werft ist cool und sie ist unser Zuhause", sagt Monika, die mich durch die Welt der alten Docks führt, durch silbrig schimmernde Pappelalleen, über verwaiste Gleise, vorbei an efeubewachsenen Schuppen. 73 Hektar morbide Schönheit. Natürlich könnte ich mich auch an den dinosaurierhaften Kränen, die sich wie von Geisterhand bewegen, oder am Lärm in den wenigen Hallen, wo noch Schiffsleiber geschweißt werden, orientieren, aber der größte Teil der Werft liegt im tiefen industriellen Dornröschenschlaf. Nur in der Künstlerkolonie, einem kahlen Bürobau der Sechziger, ist was los.

Walesa wer? heißt es in der Künstlerkolonie

Der direkte Weg zu den jungen Bohemiens führt hinter dem Werkstor rechts durch den Garten des Solidarnosc-Museums, wo Plastiken, Fotos und ein Spähpanzer von den dramatischen Tagen der polnischen Gewerkschaftsbewegung zeugen. "Das hat nichts mit uns zu tun", sagt Monika spitz, aber dann genießt sie doch den historischen Schauder: "Genau hier war es, hier haben sie den jungen schnauzbärtigen Lech Walesa nach dem siegreichen Streik auf die Schultern gehoben." Damals am 31. August 1980, der Geburtsstunde der Solidarnosc-Bewegung. Die Bilder, auf denen die aufständischen Arbeiter ihre Arme zum Victory-Zeichen reckten, gingen um die Welt. "Komisch, da war ich ja noch gar nicht geboren", sagt die 22-Jährige und fährt sich durch die Punkfrisur.

Längst ist Lech Walesas viriler Schuhbürsten-Schnurrbart eisgrau geworden. Das Intermezzo des Helden als erster Präsident im postkommunistischen Polen? Naja. Das Schiff Solidarnosc schlingert durch schwere See, die Werft, das Herz der Bewegung, ist von 16.000 auf knapp 3000 Arbeitsplätze geschrumpft, der Pleite näher als dem Überleben. Alte Solidarnosc-Mitglieder treten aus, junge Polen halten die erste freie Gewerkschaft des Ostblocks für völlig retro. Walesa wer? heißt es in der Künstlerkolonie, soll der doch angeln gehen! "Aber frag mal Ola", rät mir Mihail. Frau Olszewska, die Kioskfrau beim Werftarbeiterdenkmal, sei eine lebende Chronik der Solidarnosc - und eine Art Großmutter der Danziger Werft.

Ola, die muntere Endsiebzigerin mit dunkelrot ondulierten Haaren, lädt Monika oft zum Tee in ihren winzigen Kiosk. Hier tönt weihevoll der erzkatholische Sender Radio Maryja, der Innenraum ist ein Solidarnosc-Schrein, neben Kioskware voll gestopft mit Papst- und Marienbildchen, Walesa-Kugelschreibern und einem Solidarnosc-Poster mit Nastassja Kinski. Gegenüber dem Kiosk steht, mit Blumen und Kränzen geschmückt, das Denkmal von 1980, drei Anker mit gekreuzten Masten.

"Ob Kommunismus, Kapitalismus oder jetzt die EU, ist doch alles gleich besch..."

Die Blumen kauft Ola von ihrem eigenen Geld. "44 Menschen sind bei den Aufständen gegen die Kommunisten umgekommen", sagt sie bitter. Viele der Opfer wie die junge Poetin, die einfach nur Flugblätter verteilte, habe sie gut gekannt. "Vielleicht habe ich deshalb ein Herz für euch Künstler." Für einige zumindest. "Aber wehe, wenn deine Punkfreundin Krystyna sich wieder mit 'ner Bierdose ans Denkmal setzt! Die jage ich mit dem Besen weg wie damals die Männer von der Geheimpolizei!"

Olas Lieblingkatze, die Getigerte, streicht heran und landet mit grazilem Sprung auf dem Tresen. Die alte Frau füttert nämlich alle wilden Katzen der Werft. "Mieze, hast du 's gut bei Großmütterchen Ola", brummt ein älterer Mann im Drillich, bevor er um eine Packung Kekse bittet. "Kann ich bei dir anschreiben lassen, Ola?" fragt er dann verlegen. "Die Bosse da", er zeigt mit dem Daumen zur Werft, "die schulden uns Arbeitern zwei Monatslöhne. Ob Kommunismus, Kapitalismus oder jetzt die EU, ist doch alles gleich besch..." Vor einer Dame traut er sich nicht zu fluchen.

Mihail war der Erste; der 25-jährige Fotostudent zog 2001 ins alte Bürohaus auf die Werft, Freundin Monika folgte. "Ein aufregendes Zuhause, wo Strom, Wasser, Heizung nicht selbstverständlich sind", sagt sie und legt nasse Socken auf die Heizspirale, die trotz Frost wieder nur lauwarm ist. "Dafür aber spürt man den heißen Atem der Geschichte."

Anfangs ging's auf der Werft wie auf einem Militärstützpunkt zu. Die "Hippies" wurden von den Pförtnern besonders scharf gefilzt. Alkohol ist auf dem Werftgelände verboten, von Joints ganz zu schweigen. Inzwischen ist der Ton lockerer geworden und Mihail hat nicht nur Ola samt Kunden und Katzen, sondern die halbe Werft fotografiert: Schweißer, Elektriker, Maler, Entroster, Helmtaucher - es ist die Dokumentation einer untergehenden Welt. Irgendwann kamen auch die brummigsten Wachmänner zu Mihail ins Studio: "Junge, machste uns mal Passfotos?"

Kranballett zu Tschaikowsky und Pink Floyd

Mihail und Monika leben im vierten Stock der Kolonie; die Flure sind mit Nintendo-Drucken, abstract art, Zeitungsklippings und Holzplastiken, komponiert aus alten Türen, bestückt. Die Wohnungen sind klein und karo einfach. Neben dem Labor bewohnen Mihail und Monika noch einen kleinen Salon mit bonbonrosa Wänden und gemütlichen Oma-Sofas.

Durchs Fenster heben sich die Werftkräne wie eiserne Ritter gegen den orangeroten Winterhimmel ab. "Einer von uns hatte 'ne tolle Idee: ein Ballett der Kräne zu Musik, Tschaikowsky und Pink Floyd", sagt Mihail und zeigt auf die Kolosse. Die Generalprobe, die Dramaturgie, die Musik, alles klappte. Die Kranführer ließen die eisernen Vögel zur Lautsprechermusik Balztänze aufführen, hatten richtig Spaß dabei. "Aber plötzlich zog der Werftmanager die Genehmigung zurück", erzählt Monika, "behauptete, übergangen worden zu sein." Auf der Werft wird gearbeitet und nicht getanzt!

Doch es gibt große Pläne für die Docks. Danach sollen hier schon bald keine Containerschiffe mehr, sondern Büros, Lofts und Shoppingmalls gebaut werden. "Mlode Miasto", Junge Stadt, soll die schöne neue Welt heißen, die die polnisch-amerikanische Investorengruppe "Synergia 99" plant. Sie kaufte 73 der 137 Hektar des Werftareals und wirbt um Investoren.

"Danzig muss wieder ans Wasser wachsen", sagt Roman Sebastyañski, einer der adretten Manager. "Mit einer Hafencity, wie uns das Baltimore, Boston und Rotterdam vorgemacht haben. Hamburg ist wohl auch gerade dabei?" Wir sitzen in einem gründerzeitlichen Backsteingebäude, das als Kontor der Kaiserlich-Preußischen Werft schon bessere Tage gesehen hat. "Das Industriezeitalter ist vorbei", seufzt der Synergia-Mann, 20 Jahre später als in Westeuropa habe die Schiffsbaukrise auch Polen erfasst. "Schauen Sie", sagt der Architekt und beugt sich über ein Modell, "hier kommt die Freiheitspromenade hin, das Geschäftszentrum in die Wallstraße, klingt nach Wallstreet, nicht wahr? In den Kasematten..." - in den was? - "da, wo Hitler seine U-Boote bauen ließ, entstehen Büros."

"Das ist eure Chance, macht was draus!"

Architekten aus dem In- und Ausland entwickelten in Workshops mehr als zwei Dutzend Projekte. Dazu gehört ein Technologiepark, für den es bereits einen Vertrag mit einem Hamburger Unternehmen gibt. Dänische Investoren planen ein Geschäfts- und Bürozentrum, das mit Hotels und Apartments durchmischt sein soll - ein Konzept gegen den Tod der neuen Waterfront nach 18 Uhr.

Pech nur, dass die ohnehin marode Danziger Werft ihre einzige Schiffsrampe mit Millionenkosten auf die gegenüberliegende Ostrowo-Insel verlegen müsste. Weshalb die Solidarnosc absolut nichts von der "Jungen Stadt" hält und die Politiker die Entscheidung stets aufs Neue vertagen. So kam Manager Sebastyañski, der als Student großer Rockgitarrist war, auf eine geniale PR-Idee und bot zwei Dutzend jungen Künstlern bis zum Bau der "Jungen Stadt" kostenloses Quartier an. "Es ist mir ganz egal, wie gut ihr seid", sagte Sebastyañski, als die ersten Bildhauer, Maler, Komponisten, Heavymetal-Rocker, Computerdesigner, Tänzerinnen und Theatermacher einzogen, "das ist eure Chance, macht was draus!"

Das taten sie. In der bizarren preußischen Direktorenvilla experimentiert nun das ZNAK-Theater. Einige Stars kamen auch. BoŸena Eltermann, eine der besten polnischen Solotänzerinnen, machte mit ihrer Gruppe "tranquilo" ein Ballett-Studio auf, wo sie Jazz Dance, brasilianische Capoeira, Ausdruckstanz, Stretching und Sivananda-Yoga unterrichtet. BoŸena hat in Berlin gelebt und auf großen Festivals wie Edinburgh, Spoleto und Charleston getanzt, aber dann zog es sie heim nach Danzig. "Ein eigenes Studio war immer mein Traum", sagt die lebhafte Künstlerin und durchschreitet stolz ihre frühlingsblaue Halle mit Schwingboden. Als nächstes plant sie mit ihren Freundinnen Anna und Katarzyna ein eigenes Stück: "Woman's body suits you"- Dein Frauenkörper steht dir! Ob die drei auch hier auftreten? Da guckt mich die Primaballerina an, als habe sie sich verhört. "Wir treten nur in big places wie Zopot oder Gdynia auf - oder sind wir kleine Mädchen?"

"Sind halt Scheißzeiten"

"Kunst macht frei", steht an der Wand der zugigen Halle, wo sich der Bildhauer Grzegorz Klaman mit seiner Werkstatt "Modelarnia" niedergelassen hat. Der Kunstprofessor mag es, wenn seine Besucher zusammenzucken, weil sie sich an das KZ-Motto "Arbeit macht frei" erinnert fühlen.

Für seine Studenten ist Klaman ein Genie, für den Danziger Stadtrat ein agent provocateur, er selbst fühlt sich als Verfolgter des schlechten Geschmacks. Nach dem Ende des Kommunismus glaubte der Professor an die Morgenröte der Kunst, richtete seine Werkstatt "Modelarnia" auf der Danziger Halbinsel Wyspa ein, scheiterte, kreierte das Zentrum für Moderne Kunst, bis ihm die Behörden auch hier den Geldhahn abdrehte.

Eine seiner Studentinnen, Dorota Nieznalska, wurde zu sechs Monaten gemeinnütziger Arbeit verurteilt, weil sie es gewagt hatte, einen gekreuzigten Christus mit Penis darzustellen. Eine Anspielung auf den real existierenden polnischen Machismo. "Jetzt bin ich hier", sagt Klaman, "lieber friere ich mir hier im Winter die Finger ab, als länger die Schikanen der Danziger Spießer zu ertragen."

Aus dem Keller der Künstlerkolonie dröhnt Hämmern, Knallen, Fiepen, Ächzen und Klingeln - Fortsetzung von Werftlärm mit anderen Mitteln. Tomek Lipnicki, Polens angehimmelter Rockstar der Gruppe Lipali, probt mit seiner neuen Heavy-Metal-Band. Gitarrist Adrian ist extra aus Breslau angereist, um einmal mit seinem Idol Tomek zu proben. Die Wände sind mit Tausenden von Eierkartons isoliert, über dem Mischpult lächelt Mona Lisa mit einem Joint im Mund. Der glatzköpfige Bandleader dreht uns gerade den Rücken zu, so dass das Christuskreuz-Tattoo an seinem Hinterkopf geheimnisvoll leuchtet. Ist es nicht schade, dass Werftarbeiter und Künstler keine Gemeinsamkeiten haben? "Sind halt Scheißzeiten. Ich weiß, wie die Kumpels sich fühlen", sagt Tomek, "bin ja selbst Arbeiterkind aus Danzig-Nowy Port." Dann wummern die Jungs los, dass die Spitzendeckchen auf dem roten Sofa zittern.

Abends ist Party. Im Morgengrauen wanken die letzten Gäste zum blauen Tor II hinaus, während die ersten Werftarbeiter gähnend zur Frühschicht antreten. Die Getigerte streicht durchs Gitter und landet mit grazilem Sprung auf dem Kiosktresen. Sie wartet auf Ola.

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