Einwanderer-Museum: So deutsch sind die USA
Deutsches Museum in Washington Ick war ein Berliner
Die Tür des Hauses an der 6th Street in Washington gibt den Blick frei auf eine lange Treppe. In bunten Farben leuchten die Stufen, auf sie sind Namen gemalt, die jeder in den USA sofort erkennt: Elvis Presley, Fred Astaire, Babe Ruth, Dwight D. Eisenhower, Doris Day. Ganz oben, am Ende der Treppe, hängt das Bild einer Blue Jeans.
Alles sieht sehr amerikanisch aus. So wollte das Rüdiger Lentz haben, der vor den Stufen steht. Lentz ist Direktor des neu gegründeten German American Heritage Museum in Washington - und sein oberstes Ziel ist es, das neue Museum bloß nicht zu deutsch aussehen zu lassen.
Zumindest nicht so, wie viele US-Klischees immer noch Deutschsein malen. "Es geht uns nicht um Deutschtümelei, um Bierseidel und Gemütlichkeit", sagt Lentz. Sein Zentrum über die deutsche Einwanderung, das erste dieser Art in den USA, will vielmehr die gemeinsamen Wurzeln von Amerikanern und Deutschen zeigen.
Immerhin haben 46 Millionen Amerikaner deutsche Vorfahren. Rock'n'Roll-Revolutionär Presley (Name der deutschen Ahnen: Pressler) genauso wie Tanzpionier Astaire, Baseballlegende Ruth, Präsident Eisenhower oder Schauspielstar Day - und der Erfinder der Blue Jeans, Levi Strauss.
Museumsdirektor Lentz hat viele Jahre für die Deutsche Welle aus den USA berichtet. "Auf Recherchereisen im ganzen Land traf ich immer wieder Amerikaner mit deutschen Ursprüngen", sagt er. Doch wie tief diese Wurzeln reichen, wurde auch ihm erst in seiner neuen Aufgabe bewusst.
Villa eines Kaffeehändlers
Zwei Millionen Dollar sammelte die German-American Heritage Foundation für das Projekt. Mit dem Geld erstand sie als Museumssitz ein Gebäude im Herzen Washingtons, das einst John Hockemeyer gehörte, einem erfolgreichen deutschen Einwanderer. Hockemeyer kam 1858 im Alter von 15 Jahren in die USA, er kämpfte im Bürgerkrieg und wurde danach ein erfolgreicher Kaffeehändler. Sein prachtvolles Heim avancierte zu einem Treffpunkt der deutsch-amerikanischen Gemeinschaft, ein "Rathskeller" und ein Freimaurertempel lagen gleich um die Ecke. Penn Quarter heißt die Gegend noch heute, benannt nach William Penn, dem Gouverneur von Pennsylvania, der besonders deutsche Einwanderer umwarb.
Das Museum soll an diese Anfänge erinnern. Steigt man die Stufen hoch, führen Tafeln durch die Geschichte der deutsch-amerikanischen Erfahrungen - erzählt eher anhand von persönlichen Geschichten als von Ausstellungstücken. Die frühesten Zeugnisse stammen aus dem 17. Jahrhundert, als sich die Flüchtlinge aus Europa auf überfüllten Schiffen drängten - "voll mit Seuchen und wie schwimmende Särge", schrieb ein Überlebender.
50 Taler kostete die Überfahrt, ein Währungsname übrigens, von dem die Amerikaner ihren Begriff Dollar ableiteten. Viele hatten das Geld nicht, sie mussten ihre Arbeitskraft im Voraus verkaufen. "Dann nannte man sie die weißen Sklaven, weil Kinder sogar bis zum 21. Lebensjahr für die Geldgeber ihrer Überfahrt arbeiten mussten", sagt Lentz. Eine brutale Praxis, die aber auch viele Einwanderer rasch die Sprache ihrer neuen Heimat lehrte und ihnen eine solide Ausbildung bescherte.
Dennoch waren nicht alle frühen Immigranten erfolgreich. Gut jeder fünfte kehrte desillusioniert in die Heimat zurück, einer schrieb: "Ich dachte, die Straßen wären mit Gold gepflastert. Doch ich musste feststellen, dass sie gar nicht gepflastert waren. Und dass ich derjenige sein würde, der dies tun musste."
Roosevelt als Karnevalsgast
Nach einer ersten Einwanderungsphase, in der vor allem Einzelkämpfer die Überfahrt wagten, fanden die Gruppen sich stärker zusammen. Gegen 1900 erlebten die Deutschen in den USA eine Blütezeit. Plaketten zeigen, wie sie über 500 deutsche Zeitungen verlegten, wie sie ihre deutschen Clubs feierten. Selbst Theodore Roosevelt, damals US-Präsident, war 1907 bei einer Karnevalsveranstaltung dabei. Er schickte ein begeistertes Dankestelegramm, das sich Lentzs Museum gesichert hat.
Doch der Erste Weltkrieg ließ die Deutschen in der neuen Heimat zu Außenseitern werden. Wie groß die Ablehnung war, zeigen Wortschöpfungen, die an den transatlantischen Streit nach dem Beginn des Irak-Kriegs erinnern - als in der Cafeteria des US-Kongresses aus Ärger über französische Kritik am Krieg french fries in freedom fries umbenannt wurden. Damals begannen die Amerikaner, statt von der Frankfurter vom Hot Dog zu reden, aus Sauerkraut wurde das liberty cabbage.
Diese Spaltung verschärfte sich mit dem Aufstieg Adolf Hitlers und dem Zweiten Weltkrieg. Nun strömten Flüchtlinge aus Deutschland in die USA, von Thomas Mann über Bertolt Brecht bis Albert Einstein. "Euer Gewinn ist unser Verlust", schrieb der deutsche Generalkonsul in New York resigniert.
"Nach der Kriegserfahrung war es nicht mehr populär, sich als Deutsch-Amerikaner zu bekennen", sagt Museumsdirektor Lentz. Es dauerte Jahrzehnte, bis sich dies änderte, und ganz ist der Umschwung immer noch nicht vollzogen.
Erst Bier, dann Gesang
Genau wie die Aufarbeitung der Einwanderungsgeschichte. Die Haltung der deutsch-amerikanischen Gemeinschaft im "Dritten Reich" und die zwiespältige Rolle prominenter Emigranten wie des Raketenpioniers Wernher von Braun findet im neuen Museum noch keinen Widerhall. Dessen Mäzenen geht es oft eher um ihre eigenen Erinnerungen und ihre Wurzeln, allzu differenzierte Betrachtungen passen dazu weniger.
Auch die deutsche Gemütlichkeit ist nicht ganz verbannt. In einer Ecke des Museums erinnern Aufnahmen von Chören an das Liedgut aus der Ferne. Deutsche Gesangsvereine boomten um die Jahrhundertwende in den USA, sie existieren bis heute. Auf einem großen Schild ist eine Definition der guten alten Gemütlichkeit zu lesen: "Es ist die Wärme, die dem Winter seine Schärfe nimmt, wenn Du und Deine Freunde sich um den Tisch versammeln... Sie verlangt nach Bier - das Singen folgt ganz zwangsläufig."
Sitzen, singen, Bier trinken - die Klischees überlagern eben immer noch vieles. Am Eröffnungstag überträgt ein US-Fernsehsender live aus dem Museum, und die Reporterin lässt begeistert eine Schuhplattlergruppe aus Washington filmen. Es sind Amerikaner mit deutschen Vorfahren, sie lieben diesen Tanz. "Sie haben mich kontaktiert", sagt Lentz. "Da haben wir sie für heute eingeladen."
Bunte Stufen mit amerikanischen Namen hin oder her.
Info: German American Heritage Center, 719 Sixth Street NW, Washington, DC, 20001. Täglich geöffnet, Eintritt frei.