Dresden: Volle Dröhnung Barock - DER SPIEGEL
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Dresden Volle Dröhnung Barock

Dresden putzt sich. Im Oktober wird die Frauenkirche geweiht, im nächsten Jahr feiert die Stadt ihren 800. Geburtstag. Grund genug, einen Streifzug zu glanzvoller Kunst und in bunte Szeneviertel zu unternehmen.
Von Uwe Rasche
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ganz schön frech, das Fräulein. Da stehen wir nun auf dem Theaterplatz, unter dem Reiterdenkmal König Johanns, umzingelt von Semperoper, Zwinger, Residenzschloss und Kathedrale. Geben uns also die volle Dröhnung Barock und Renaissance, um im Jargon der Frau zu sprechen, die sich Fräulein Kerstin nennt und schon optisch wie das perfekte Gegenmittel zu einer Überdosis geschichtsträchtiger Gemäuer daherkommt. Pechschwarze Zöpfe, bordeauxrote Marlene-Hose, kariertes Kleid. Eigentlich heißt sie Kerstin Klauer, hat früher in Szeneclubs Platten aufgelegt und macht seit einigen Jahren Stadtführungen, laut Eigenwerbung: "Stadt(ent)führungen".

Man muss sich schließlich unterscheiden von der Konkurrenz, den 300 anderen privaten City-Guides. Und dann legt Fräulein Kerstin los, plaudert über den Mann, dem Dresden wie keinem anderen seine historische Pracht zu verdanken hat und dessen Statue auf dem Neustädter Markt erst kürzlich mit frischem Blattgold überzogen wurde: über August den Starken, Sächsischer Kurfürst von 1694 bis 1733, bauwütig und so besessen vom Schönen und Kostbaren, dass seine Sammlungen ein halbes Dutzend Museen füllen - von der Galerie Alte Meister über die Rüstkammer bis zum Kupferstich-Kabinett.

Sicher habe er eine Vision gehabt und die Stadt während seiner Regentschaft zu einem Zentrum der Kunst und Kultur in Europa gemacht, erzählt Fräulein Kerstin. Aber er habe sein Volk auch ganz schön ausgepresst, "um sich all die schicken Buden leisten zu können". Und privat sei er, offen gesagt, "ein ziemlich fieses Schwein" gewesen. Erst die stolze Gräfin Cosel total verliebt machen und sie dann 49 Jahre ins Gefängnis sperren - "nicht gerade die feine Englische". Überhaupt, sein Frauenverschleiß: Mit Feuerwerk und Tanz habe er die Damen in seiner "Party-Location", dem Innenhof des Zwingers, gefügig machen wollen. Und wenn das nicht reichte, ging's nach nebenan ins romantische Nymphenbad. Spätestens dort, im "Chill-out-Bereich", gelangte er ans Ziel. Nicht weniger als 365 Kinder solle der Kurfürst und König von Polen so in die Welt gesetzt haben. "Auch wenn manche meiner Kollegen behaupten, es wären nur neun gewesen. Aber das wär' ja fast ein bisschen langweilig, oder?"

Der Betonklotz gehört zu Dresden

Eine Portion Respektlosigkeit, mit augenzwinkerndem Charme garniert, kann eine so stolze und selbstbewusste Stadt wie Dresden vertragen. Zumal Kerstin Klauer die Erste ist, wenn es gilt, ihre Geburtsstadt gegen despektierliche Bemerkungen von Nicht-Dresdnern zu verteidigen. Warum der Kulturpalast nicht längst abgerissen worden sei, möchte ein Rentner aus Hamm-Uentrop wissen; so ein sozialistischer Betonklotz verschandele doch das ganze historische Ensemble. Fräulein Kerstin fragt zurück, ob in Hamm auch alle Bauten aus den sechziger und siebziger Jahren abgerissen würden? Wie schön man mit dem Westgeld alles restauriert habe, sagen Touristen aus den alten Bundesländern gönnerhaft. Und Kerstin Klauer erlaubt sich die Bemerkung, dass die Dresdner schon in den Nachkriegsjahren Lose für den Wiederaufbau des Zwingers gekauft hätten. Wieso man über die schwarzen Stellen auf den Sandsteinfassaden nicht mal mit dem Dampfstrahler gehe? "Weil die Patina den Stein schützt", sagt Frau Klauer, und fügt mit einem Lächeln hinzu: "Das ist doch kein Disneyland hier. Von eurer Oma könnt ihr schließlich auch nicht erwarten, dass sie mit 80 keine Falten hat."

Und nicht 80, sondern 800 Jahre alt wird die Stadt im nächsten Jahr - und will sich zu diesem Anlass den Besuchermassen so prächtig und aufgeräumt präsentieren wie nie zuvor. Die meisten Gerüste werden abgebaut sein, die Presslufthammer endlich schweigen, und schon am Hauptbahnhof darf sich der Gast dann die Augen reiben. Nicht mehr wegen des Baustellenstaubs, sondern aus Verwunderung über das neue, weiße Membran-Dach, das der britische Stararchitekt Sir Norman Foster zurzeit noch über Gleise und Bahnsteige spannen lässt.

Der Kultur-Countdown

Am Altmarkt zählt eine große Funkuhr die Tage, Stunden und Sekunden bis zur Jubiläumsfeier. Ein Kultur-Countdown, begleitet von etlichen Zwischenerfolgen: Das Grüne Gewölbe, Europas prunkvollste Schatzkammer, kehrt nach fast 45 Jahren vom Albertinum zurück ins Schloss - mit erheblich mehr Exponaten. Das Stadtmuseum beherbergt seit Jahresbeginn eine für Dresdner Künstler reservierte Galerie, und die Bundeswehr lässt für 35 Millionen Euro das Militärhistorische Museum umbauen - nicht von irgendwem, sondern von Daniel Libeskind.

Und doch, so scheint es, sind dies nur Randnotizen im Vergleich zu dem Ereignis, das die Dresdner und ihre Gäste in diesem Jahr mehr bewegen wird als alles andere: die endgültige Fertigstellung, Wiedereröffnung und Weihe der Frauenkirche. "Wir rechnen mit einem außerordentlich großen Ansturm", sagt Dr. Anja Häse, Leiterin des Besucherdienstes der Stiftung Frauenkirche.

Schon seit langem wird der Eingang F der Frauenkirche von morgens bis abends belagert, als gäbe es dort Freikarten für die Fußball-WM. Geduldig stehen die Menschen für eine der bis zu zehn täglichen Führungen an. "Führung" ist eigentlich das falsche Wort, da es ausschließlich in die bereits 1996 fertig gestellte Unterkirche geht, in der ein Vortrag gehalten und ein Film über die Geschichte des Wiederaufbaus gezeigt wird. Das Erstaunliche: Obwohl sie nur im Vorbeigehen einen Blick auf das neu erschaffene, prachtvolle Innere des über dem Keller liegenden Gewölbes werfen dürfen, zieht es vor allem Dresdner immer wieder hierher.

Die Nacht, in der Dresden zerstört wurde

Einmal pro Woche, immer montags, leitet ein älterer Herr namens Gottfried Eimert die Führungen. Der fast 70-Jährige hatte als Polier am Wiederaufbau mitgearbeitet. Als der Auftrag erledigt war, musste die Baufirma Leute entlassen und schickte ihn in den Vorruhestand. Doch Eimert konnte sich nicht lösen von der Kirche, kommt seit nunmehr acht Jahren und stellt sich ans Rednerpult. Die meisten Zuhörer im Saal kennen seine Geschichte nicht. Aber vielleicht spüren sie, dass da jemand spricht, der diesem Bauwerk mit ganzer Seele verbunden ist.

Absolute Stille, als Eimert mit gefalteten Händen und in "Wir"-Form von der Nacht des 13. Februar 1945 erzählt, jener Nacht, in der Dresden von der britischen Luftwaffe bombardiert und in einem Feuersturm zerstört wurde. 40.000 Menschen fanden den Tod. An der steinernen Kuppel der Frauenkirche seien die Bomben abgeprallt, sagt Eimert. Erst das dauerhafte Feuer mit einer Hitze von mehr als 1000 Grad habe den Sandstein immer weiter ausglühen lassen, bis die Kuppel zwei Tage später in sich zusammenstürzte. Dann erzählt er von einem kleinen Wunder: 300 Menschen, die meisten Frauen und Kinder, hatten in der Frauenkirche Schutz gesucht und bis zum Morgen des 14. Februar dort ausgeharrt - sie alle überlebten. Am Ende geht Eimert beherzten Schrittes auf einen der Plexiglaswürfel zu, in denen bereits viele Münzen und einige Euroscheine liegen. Die Besucher sollten nicht vergessen, vorm Hinausgehen das Portemonnaie zu zücken, schließlich würde der 130 Millionen Euro teure Wiederaufbau zum Großteil aus Spenden finanziert.

Nun ist es aber genug mit der Frauenkirche, würde Fräulein Kerstin sagen, schließlich gibt es in Dresden auch noch jüngere Geschichte zu erleben. In der äußeren Neustadt zum Beispiel, dem Szeneviertel auf der anderen, der nördlichen Elbseite. In dem zu DDR-Zeiten ziemlich heruntergekommenen Arbeiterbezirk wurde nach der Wende die "Bunte Republik Neustadt" ausgerufen, eine Spielwiese für Lebenskünstler, Studenten und Hausbesetzer. Inzwischen sind die "Laßt euch nicht BRDigen"-Sprüche an den Häuserwänden verblasst. Oder überstrichen, denn die Straßenzüge, lange vom Abriss bedroht, wurden in den neunziger Jahren saniert und bilden heute eines der größten und am besten erhaltenen Gründerzeitviertel Europas. Das hat zur Folge, dass der Bier liebende Dreadlock-Träger seinen Lebensraum nun mit dem Banker teilt, der nach Feierabend in der neuen Lounge seinen Caipirinha trinkt.

Jazz-Club und Feierabendkneipe

Die Bars sind quasi das Barock der Neustadt - aber von keinem Touristen zu bewältigen. Man müsste schon nach Dresden ziehen, um alle 150 Kneipen und Restaurants des Viertels zu besuchen. Wenn man allerdings sieht, was los ist in der "Scheune", im "Aqualounge" oder in "Hebedas Familieneinkehr" - zu DDR-Zeiten eine typische Feierabendkneipe -, dann möchte man fast glauben, dass viele Leute genau das getan haben. Denn wo sonst findet man zum Beispiel einen Jazz-Club wie das "Blue Note", der seine Gäste am Wochenende nicht vor morgens um zehn zum Ausgang bittet?

Wer sich schon tagsüber berauschen will, muss in die Kunsthofpassage gehen, Schmuckstück des Viertels, zwischen Alaunstraße und Görlitzer Straße gelegen. Fünf ehemalige Hinterhöfe, in denen Künstler und Kunsthandwerker eine Welt aus Figuren, Farben und Licht geschaffen haben. Im Hof der Tiere reckt eine Giraffe aus Elbsandstein vor einer steppengrünen Häuserwand den Hals in die Höhe, sehen die Balkone aus wie Baumhäuser. Im "Hof der Elemente" ranken sich trompetenförmige Trichter an einer meerblauen Fassade empor - wenn es regnet, gibt's Wasser-Musik aus vollen Rohren. Im "Hof der Metamorphosen" ragen zwei rostige Schilde bis zum vierten Stock hinauf, und in der Dämmerung verwandeln sie sich in schlanke Säulen aus Licht. Künstlerische Überraschungen auf Schritt und Tritt, und das nicht etwa in musealer Atmosphäre.

Bei "Mrs. Hippie" hängt schrille Mode, aus dem Ballett-Studio Espiral dringt Klaviermusik, nebenan, im "Perro Borracho", dem besoffenen Hund, geht ein Tapas-Teller nach dem anderen über den Tresen, und abends erlebt man hier Straßentheater oder Konzerte. Obwohl die Höfe inzwischen in jedem Reiseführer stehen, bleiben sie von der Touristenbelagerung noch verschont. Dabei wäre es bloß ein kleiner Umweg für die Busse, die weniger als hundert Meter entfernt im Minutentakt bei "Pfunds Molkerei" vorfahren - mit ihren handbemalten Kacheln und Fliesen der schönste Milchladen der Welt, so steht es sogar im "Guinness-Buch der Rekorde".

Vinothek mit deutschen Weinen

"Am Anfang war es wirklich ein Problem, dass sich niemand hierher verirrt hat", erzählt Imke Jörns von der Schmuckwerkstatt "Ultramaringelb" im Hof des Lichts. Aber neulich hatte sie eine Kundin, die allein wegen des Kunsthofs nach Dresden gekommen war. "Die Leute merken es langsam: Während in der Altstadt die Rekonstruktion der Vergangenheit stattfindet, passiert hier jeden Tag etwas Neues."

Was nicht ausschließt, dass manches Neue doch wieder mit Bewahrung von Tradition zu tun hat. Ein paar Schritte weiter haben Jens und Brita Dusil ihr Geschäft. Eine Vinothek. Mit ausschließlich deutschen Weinen. Riesling statt Rioja, Müller-Thurgau statt Merlot. Ausgerechnet hier, im trendigen Kunsthof. Doch etwas zu wagen sind sie gewohnt: Nach langem Kampf mit den Behörden seien sie 1989, noch vor der Grenzöffnung, in den Westen gegangen, erzählt Jens Dusil. Im Rheingau, ihrer neuen Heimat, entdeckten sie die Liebe zum Wein. "Und jetzt, seit wir wieder zurück sind", sagt seine Frau, "da kommen uns die Rheinländer besuchen und wollen unbedingt sächsische Weine probieren."

Bis zum nächstgelegenen Weingut, dessen Flaschen die Vinothek im Sortiment hat, ist es keine Viertelstunde mit der Straßenbahn. Im Kavaliershaus, direkt neben Schloss Albrechtsberg, produzieren Dr. Christian Müller und sein Sohn Lutz Weißweine von den Elbhängen. Die Reben haben es hier wegen der oft extremen Wetterbedingungen - Frost, zu viel Regen, zu wenig Sonne - nicht leicht, doch wenn es nicht allzu schlimm kommt, gibt gerade das den Weinen einen ausgeprägten Charakter. Die Müllers liefern den Beweis mit Riesling, Grauburgunder, Kerner und anderen Sorten.

Elbtal zum Weltkulturerbe ernannt

An schönen Tagen kann man sie auf dem Weinberg über der Elbe probieren, an schweren Eichentischen, mit Blick auf vorbeifahrende Schaufelraddampfer und das Panorama von Dresden. Eine Idylle, seit Juli vergangenen Jahres sogar hochoffiziell. Er habe sich wahnsinnig gefreut, sagt Christian Müller, als er von der Unesco-Entscheidung erfuhr, das Elbtal zum Weltkulturerbe zu ernennen. "Das Schönste dabei ist, dass sowohl im Antrag als auch in der Begründung der Weinanbau eine Rolle gespielt hat." Das wird wohl noch mehr Touristen anlocken. Und irgendwann muss er vielleicht ein paar Bänke mehr aufstellen, weil auch bei ihm die Busse halten. "Ich würde mich nicht wehren", sagt der 56-Jährige, der seinen Wein fast ausschließlich direkt ab Gut verkauft. Und dann, nach kurzem Überlegen: "Aber es muss auch nicht unbedingt sein."