Dresdner Semperoper Heikle Wendungen
1. Akt Die Muse rennt
Es ist zehn Tage vor der großen Premiere, als die Muse Amok läuft. Ihr Angriff kommt aus der Dunkelheit, von ganz hinten im Zuschauersaal. Patricia Neary stürzt nach vorn, und unterwegs explodiert ihr gemurmeltes "Ich bringe sie um!" in Kreischen: "Ich bringe sie ALLE um!" Die Opfer ihrer Wut keuchen. Kauern kreuz und quer im Bühnenlicht. Ein Gruppenbild aus zwölf Tänzerinnen, das eben, als die Tschaikowsky-Suite Nr. 3 in G-Dur verstummte, in sich zusammenfiel wie ein missglücktes Soufflé.
"Seid ihr taub?", schnaubt Patricia Neary. "Ihr hinkt hinterher!" Blicke blitzen. Die Mädchen stellen sich in einer Reihe auf, vor ihnen schreitet ihre Zuchtmeisterin auf und ab. Eine Szene wie auf dem Kasernenhof; nur dass hier zwölf Grazien in Tutus strammstehen. Vor einer 64-jährigen Star-Trainerin, die in Leggins umherstakst wenn sie nicht über die Bühne stampft, als trüge sie Holzschuhe. Was heißen soll: So, Girls, sieht doch kein Elfenreigen aus!
Im Saal laufen die Proben zu "Thema und Variationen" von George Balanchine, dem Meisterchoreografen der Neoklassik. Es ist tückisch, dieses Ballettstück, es fordert von den Tänzern volle Musikalität und halsbrecherisches Tempo. Neary war Balanchines Primaballerina und Muse. 1983 starb er, nun hütet sie das Erbe seiner Stücke. Jede Hebung, jeden Schritt. Sie glaubt, "Mister B." kontrolliere sie vom Himmel aus. Was er an diesem Abend in der Semperoper sähe, würde ihm nicht gefallen.
In der Stadt kleben schon die Plakate. "Wiedergeburt und Auferstehung" steht auf einem blau-stichigen Foto. Es zeigt einen Hinterkopf und zwei Arme mit merkwürdig angewinkelten Händen. Na prima, denkt man sich: Draußen hängt eine Werbung, die kaum jemand versteht; drinnen läuft die Trainerin Amok. Und das zehn Tage bevor das Publikum sein Ballettwunder erleben soll die erste Premiere einer runderneuerten Company.
"Kunstgenuss auf Weltniveau" hat der neue Ballettdirektor Aaron S. Watkin versprochen. Doch der Anspruch steht noch auf wackligen Füßen. Fast könnte man meinen, alles sei vergebens gewesen: die Mühen von zehn Frauen, die seit Tagen Strass auf Kostüme nähen. Der Mut von 32 Tänzern, die unlängst aus London, Paris, Sankt Petersburg oder Sydney nach Sachsen umsiedelten. Der Traum vom Ruhm in der Provinz spaltete sogar ein Paar Zwillingsbrüder, zwei in Hamburg umjubelte Ballettstars. Für Dresden hat sich einer vom anderen getrennt.
2. Akt Der Zar geht
Gerd Uecker arbeitet in einem Funktionsbau hinter dem Opernhaus. Der Intendant sieht aus wie ein gemütlicher älterer Herr, der abends daheim vorm Plattenspieler den "Rosenkavalier" dirigiert. Eigentlich hätte sich der 60-Jährige bis zur Rente ausruhen können auf der Auslastung seines Theaters: Es sind sagenhafte 96 Prozent. Stattdessen holte er sich Revoluzzer ins Haus. Es ist eigentlich so absurd wie der Plan, in einem gut laufenden Seniorencafé die Kännchen abzuschaffen für Latte macchiato mit Vanilla-Almond-Geschmack.
Mitte 2006 musste Vladimir Derevianko gehen, der zuvor zwölf Jahre lang als Ballettchef der Semperoper gewirkt hat. "Er war erfolgreich", sagt Uecker. "Aber", er zieht das Wort so lang wie es Kinder mit einem Kaugummi tun, "es gab Verkrustungen, zu wenig zeitgenössisches Repertoire. Ich hatte Angst, dass wir hier als Ballettmuseum enden." Uecker lächelt gequält. "Wissen Sie, ästhetisch ist unser Publikum hundert Jahre zurück. Da gilt so etwas wie der 1910 uraufgeführte 'Feuervogel' noch als Avantgarde."
Der geschasste Derevianko, 48, zelebrierte mit Fleiß und Hingabe klassisches Ballett. Und sich selbst. Ob als König in "Schwanensee" oder als reicher Bürger Gamache, der in "Don Quixote" ziemlich burlesk in Boxershorts auftritt. Der Mann aus Sibirien, 1995 in Kiew zum "Besten Tänzer Europas" gekürt, arbeitete nach dem Motto: Der Star bin ich!
In seiner Ära hatten die Tänzerinnen winzig zu sein, damit sie ihn nicht überragten. Wer sich seiner Ansicht nach nicht eignete, den schnitt "der Zar" mit sibirischer Kälte. Kam er nicht im Trikot, sondern in Bademantel und Wollmütze zu den Proben, "dann musste man sich warm anziehen", erinnert sich eine frühere Tänzerin mit Frösteln in der Stimme. "Wenn der Narziss sich vermummte, konnte etwas nicht stimmen." In der Ära Derevianko suchten viele in der Company bald wieder das Weite. Am Ende ging der König selbst. Gekränkt und grußlos. An der Oper rätseln sie, was aus ihm wurde.
Ballett war zu DDR-Zeiten Beiwerk
Ralf Arndt hat ihn überlebt. Er sitzt im Clubraum der Kantine auf einem der grünen Sofas, die allmählich reif sind für den Sperrmüll. Wenn man so will, sind beide, Sofa und Arndt, Inventar der ersten Stunde aus dem DDR-Dresden des Jahres 1985. In diesem Jahr wurde die im Zweiten Weltkrieg niedergebrannte Semperoper wiedereröffnet. Auferstanden aus Ruinen. Arndt war damals 22 Jahre alt, und er stieg am Haus schon bald zum Solisten auf. Er ist es noch heute, mit 44.
Als seine Karriere begann, war Tanz das Stiefkind der Semperoper. Die Hochkulturszene berauschte sich an Richard Wagner und schwelgte in der Musik von Richard Strauss den beiden Hausgöttern der Oper, die hier einige Uraufführungen gefeiert hatten. Dresdens Stolz galt seit Menschengedenken der Sächsischen Staatskapelle, fast 460 Jahre alt, ein Orchester von Weltrang. Ballett war Beiwerk. Die DDR-Tanzszene jenseits der Hauptstadt Ost-Berlin schmorte in der eigenen Soljanka.
Internationalität? "Irgendwann hatten wir im Ensemble eine Bulgarin", erinnert sich Ralf Arndt, "und gleich nach der Wende mal einen aus München..."
Arndt strafft seinen Körper. Er muss los zu einem Termin, es soll um seine Zukunft als Balletttrainer gehen. Er streift durch die Kantine, vorbei an vielen neuen Gesichtern, an Tänzern und Tänzerinnen, die er kaum mit Namen kennt. An einem Tisch schnattern junge Frauen über ihr Training mit Patricia Neary. Arndt sagt: "Hier bricht eine neue Zeit an." Er klingt wehmütig. Aber auch erleichtert. Einiges, was der Company auf dem harten Weg zum Ruhm noch bevorsteht, muss er sich selbst nun nicht mehr antun.
3. Akt - Der König kommt
3. Akt - Der König kommt
Wenige Wochen zuvor üben im Probensaal zwei Dutzend Tänzer und taumeln wie Betrunkene. Der Pianist döst. Trainerin Ana lässt eine Hip-Hop-CD laufen. Es ist der Beginn eines zweitägigen Schnellkurses: Forsythe für Anfänger. William Forsythe, geboren 1949 in New York, Star-Choreograf der Gegenwart, hat einen ganz eigenen Tanzstil entwickelt mit pfeilschnellen Verrenkungen zu aufpeitschenden Klängen. Ungeheuer explosiv ist dieses Ballett. Man muss es nur können.
Elf im Saal werden es in wenigen Wochen können müssen. Das Forsythe-Stück "Enemy in the Figure" ist ebenfalls Teil des großen Premierenabends. Bis dahin wäre ein kleines Wunder hilfreich.
Im Saal krümmen und winden sich Körper, die ihr halbes Leben getrimmt wurden, sich kerzengerade zu halten. Sie verrenken die Schultern, Hände bewegen sich, als drehten sie Glühbirnen ins linke Ohr. Später sollen sich die Tänzer in der Luft ein Quadrat und einige Löcher vorstellen. Einige schauen irritiert. "Hat irgendwer nicht verstanden, was wir hier tun?", fragt Trainerin Ana verunsichert.
Neben der Tür steht Aaron Watkin und schaut eine Weile stumm zu. Er ist der Nachfolger von Derevianko als Ballettdirektor. Der 36-jährige Kanadier kam als Kind über den Stepptanz zum Ballett, das in den 1970er Jahren mit Stars wie Nurejew eine große Zeit erlebte. "Als Tänzer sind sie Stars gewesen, als Direktoren waren viele später nicht gut", sagt Watkin. Er litt darunter. Und nahm sich vor, es besser zu machen. Er will keine Tanzmaschinen produzieren, sondern selbstbewusste Künstler.
Als er nach Dresden kam, musste die Hälfte der rund 60-köpfigen Tanztruppe gehen. "Das technische Niveau des alten Ensembles war okay, doch es mangelte dramatisch an künstlerischer Ausdruckskraft", sagt Watkin. "Ich habe schon Tänzer gesehen, die zehn Pirouetten am Stück schafften, mit einem Bein hinterm Kopf. Aber es fehlte etwas: Persönlichkeit. So war es auch hier."
Watkin ließ darüber keinen Frust aufkommen er ging auf Einkaufstour durch die Tanzwelt. Er fand es peinlich für Dresden, dass kaum einer im Ausland je vom Ballett-Ensemble der Stadt gehört hatte. Eine Tänzerin in London, die er anwerben wollte, nahm er mit in einen Buchladen. Er zeigte ihr den Prachtbildband "Die schönsten Opernhäuser der Welt". Vorne drauf war die Semperoper.
Ji¡rí Bubení¡cek in Dresden
Watkins größter Trumpf ist, dass er in seinem Berufsleben viel herumgekommen ist. Er hat an den Nationalballetten in Toronto, London und Amsterdam getanzt. Als persönlicher Assistent von William Forsythe studierte er weltweit dessen Choreografien ein und merkte sich die größten Talente vor. 32 Tänzer lotste der neue Ballettchef nach Sachsen: große, kleine, blutjunge, erfahrene, unbekannte.
Und Stars. Da ist die Russin Natalia Sologub, eine der besten Ballerinen der Welt zum Hinschmelzen grazil, das Gesicht wie aus Porzellan. Oder die sprunggewaltige Japanerin Yumiko Takeshima. Da ist der junge Russe Dmitry Semionov, Typ draufgängerischer Prinz mit Wallehaar. Oder der Tscheche Ji¡rí Bubení¡cek, Sohn von Zirkusartisten und eine Hälfte jenes Zwillingspaares, das viele Jahre an John Neumeiers Hamburg Ballett Triumphe feierte. Ein Tänzer von "dunkler Sinnlichkeit", wie eine Kritikerin schwärmte. In der Oper rufen neuerdings Hamburger Damen an und begehren Auskunft, wann der verehrte Herr Bubení¡cek in Dresden auftritt.
Eines Abends sitzt Aaron Watkin auf einem roten Plüschsofa neben Loriot. Es ist nicht der echte Loriot, er sieht ihm nur ähnlich. Die Oper hat zur Veranstaltungsreihe "Hinter der Maske" geladen. Watkin soll seine Pläne dem interessierten Publikum vorstellen. Man kann das interessierte Publikum dieses Abends an zwei, drei Händen abzählen.
Watkin spricht ganz gut Deutsch, aber er will keinen Fehler machen. Also übersetzt der falsche Loriot vieles leider nicht richtig. Dresden scheint kaum vorbereitet zu sein auf Künstler aus aller Welt, die versuchen, im Alltag mit Englisch zu bestehen. Sie spürten das schon bei Behörden, Banken, selbst in der Oper: Einmal platzte dem Bühnenmeister der Kragen, als er einige Tänzer wegen Bauarbeiten verscheuchen wollte. Der Mann mit dem Bürgerrechtler-Rauschebart brüllte: "Ich brauche einen Zettel mit ein paar Sätzen Englisch!"
4. Akt Die Führerin drängt
4. Akt Die Führerin drängt
Es ist die Woche vor der großen Premiere.Wieder einer dieser Tage, an denen die Semperoper überrannt wird. Busladung nach Busladung wälzen sich tagsüber die Besucher, jährlich 300000, durch diesen Bau, den manche für die Radeberger-Brauerei halten, der Fernsehwerbung wegen.
Olivia Bradel führt eine bayerische Reisegruppe. Streift die Geschichte der ersten Semperoper, die 1869 abbrannte schusselige Handwerker hatten die Gasbeleuchtung reparieren wollen. Das zweite Haus hielt bis zum Dresdner Feuersturm am 13. Februar 1945.
Der heutige Bau entstand ab 1977 mit viel Blattgold, Marmor- und Eichenholzimitat. 2002 zerstörte Hochwasser die Bühnentechnik. Was auch ein Glück war: "Nun sind wir eines der modernsten Theater der Welt. Berge, Seen, Erdbeben sind se-kundenschnell herstellbar", preist die Führerin. "Weiter bitte, husch, husch!"
Zahlen prasseln: 1323 Plätze, 320 Vorstellungen im Jahr, 345 Ensemble-Mitglieder. "Tagsüber ist das hier nüchterne Arbeitsstätte, teilweise auch ein Irrenhaus", sagt Bradel, die seit der Wiedereröffnung der Oper 1985 dabei ist, "abends dann spürt man hier so ein Fluidum." Die Gruppe nickt beifällig. Einige haben Tickets: 19 Uhr, Zauberflöte. Der Kartenverkauf der Semperoper lebt zur Hälfte von Bustouristen. Die lieben es gediegen-klassisch. Schwanensee könnte Endlosschleifen drehen.
Nun aber steht der Premierenabend der neuen Tanztruppe an: "Wiedergeburt und Auferstehung". Was?n das? Schwer zu erklären für die Damen von der Ticket-Hotline.
5. Akt Der Meister erscheint
Noch drei Tage. Tänzer George Hill trägt eine Art Bärenfell, als er aus der Garderobe tritt. Vergangene Nacht war ihm zum Heulen zumute. Nicht nur wegen seines Kostüms, das bei Pirouetten aussieht wie das rotierende Lappengewusel einer Autowaschanlage. Der 21-Jährige kämpft mit seinen Schritten. An der Londoner Royal Ballet School haben sie ihm klassisches Ballett beigebracht. Hier soll er einen großenteils improvisierten Veitstanz machen. Seine ersten wilden Schritte sind nur wenige Wochen her.
An diesem Tag steht der leibhaftige Forsythe vor ihm. Der Meister ist für die Endproben angereist. Er führt vor, wie Forsythe-Verrenkungen noch dynamischer aussehen. Schließlich tollt er mit einigen Tänzern durch den Saal. "Wow, man könnte meinen, er habe keine Knochen", sagt George beeindruckt. Der Meister hat lange mit ihm geprobt und in wenigen Stunden die letzten Zinnsoldaten zu Gummimenschen gemacht.
Forsythe hat Anfang der 1980er Jahre in Frankfurt durchlebt, was in Dresden gerade ausbricht: Kulturrevolution. Er peitschte die Gegenwart auf die dortige Ballettbühne. Ade, Schwanensee! Konservatives Publikum blieb fern; dafür saßen nun Punks im Opernhaus. In eine Vorstellung verirrten sich nur 60 Zuschauer. Doch irgendwann war das Haus wieder voll. Es dauert etwa drei Jahre, schätzt Forsythe, bis eine neue Company ihr Publikum gefunden hat. Die Semperoper-Fans müssen sich noch daran gewöhnen, dass einmal nicht die geliebte Staatskapelle spielt, sondern elektronische Musik vom Band.
Ein Techniker fragt: "Kriegen wir Probleme mit Trägern von Hörgeräten?"
Wenige Stunden vor der Premiere weiß Trainerin Neary, dass sie nicht mehr tun kann. "Die Generalprobe lief schlecht", krächzt sie, "also wird die Vorstellung gut." Ihr tut der Ausraster von neulich leid. Sie habe nun mal eine Passion für Perfektion. Sie hat in vier Jahrzehnten schon viele Ensembles trainiert. "Glauben Sie mir, dieses hier ist exzellent." Wenig später hebt sich endlich der Vorhang für die Premiere von "Wiedergeburt und Auferstehung".
In der Nacht danach betrinken sich einige Tänzer. Glücklich, dass sie es geschafft haben. Das Publikum war begeistert. Die überregionalen Zeitungen schreiben von der Geburt Dresdens als Ballettstadt. Dass sich die Konkurrenz, etwa in Berlin, warm anziehen müsse. Die Ernüchterung folgt zwei Tage später: Die Company tanzt vor halb leerem Haus. Es wird noch dauern.