Englands Nordosten: Stille Städterevolution - DER SPIEGEL
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Englands Nordosten Stille Städterevolution

"Kunst statt Kohle" lautet die Botschaft von Newcastle und Gateshead. Kunstkritiker staunen angesichts der rasanten Entwicklung im einstigen Armenhaus Englands, jedes Jahr eröffnen die Nachbarstädte am Tyne eine neue Kulturattraktion.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Newcastle - In London hört man es nicht immer gern, aber außerhalb der britischen Hauptstadt hat es sich herumgesprochen: Großbritanniens ehemaligen Industriehochburgen wie Sheffield, Leeds und Liverpool treten selbstbewusst aus dem Schatten der Machtmetropole London und entwickeln ein neues, postindustrielles Selbstverständnis, dessen Reize immer mehr Besucher für sich entdecken. Visionäre Anführer der stillen Städterevolution sind die Nachbarstädte Newcastle und Gateshead im Nordosten Englands.

Hoch über der Autobahn, die von Edinburgh nach London führt, steht auf der Höhe von Newcastle und Gateshead ein gigantischer Engel: 22 Meter ragt er von einer Anhöhe aus in den Himmel, 54 Meter weit spannt er seine Flügel. Für die Bewohner des Nordostens Englands symbolisiert Antony Gormleys "Angel of the North" eine neue Epoche. "Kunst statt Kohle" lautet die Botschaft der beiden Städte auf den gegenüberliegenden Flussufern des Tyne, die als Gespann "NewcastleGateshead" ihre Kräfte bündeln, um die wirtschaftliche und kulturelle Wiederbelebung der Region voranzutreiben.

Arbeitslosigkeit und soziales Elend

Noch vor wenigen Jahren galt das Gebiet südlich der schottischen Grenze als das Armenhaus Großbritanniens. Von der Schließung aller Bergbaubetriebe, Schiffswerften und dazugehöriger Industrien in den siebziger und achtziger Jahren schien der Nordosten sich nicht zu erholen. Arbeitslosigkeit und soziales Elend dominierten die Gegend um Newcastle und Gateshead bis in die neunziger Jahre.

Im Frühjahr 2004 hingegen verbauen Baukräne den Horizont der Doppelstadt. Investoren reißen sich um begehrte Bauflächen am Ufer des Flusses Tyne und treiben die Immobilienpreise in die Höhe. Da, wo sich der Fluss zwischen dem 260.000 Einwohner großen Newcastle auf der Nord- und dem 190.000 Einwohner großen Gateshead auf der Südseite seinen Weg in die Nordsee bahnt, wird der Wandel der vergangenen Jahre am deutlichsten.

Selbstbewusst erstreckt sich südlich des Flusses eines der größten Kunsthäuser Europas. Wie eine Festung umschließt das schlanke Backsteingebäude die weitläufigen Innenräume, in denen Im- und Exporteure früher ihre Ware speicherten. Heute ist die "Baltic Mill" in Sachen Kunst zu einer Art Sprachrohr der Region geworden. Der damalige Direktor Sune Nordgren verkündete zur Eröffnung 2002: "Wir sind eine Kunstfabrik. Kunst, die hier produziert wird, kann nur hier gesehen werden". Wechselnde "Künstler in Residenz" sorgen für neue Werke, die speziell für die "Baltic Mill" angefertigt werden. Das Konzept scheint aufzugehen: 250.000 Besucher erwartete das Kunstzentrum fürs erste Jahr - mehr als eine Million kamen.

Starke Bindung an den europäischen Kontinent

Auf ähnlichen Erfolg hofft die "Sage Music Hall", die dem ehemaligen Speicherhaus zu Füßen liegt. Anders als die "Baltic Mill" ist die Konzerthalle kein historisches Gebäude. Entworfen hat sie der britische Architekt Sir Norman Foster, der auch das neue Gesicht des Reichstages in Berlin schuf. Das an Wolken erinnernde Gebäude aus Stahl und Glas soll im Winter eröffnet werden.

Englands Kunstkritiker staunen angesichts der rasanten Entwicklung im einstigen Armenhaus: Hier entstehe das "London des Nordens", begeistern sie sich und vergleichen das aufstrebende Südufer der Tyne mit Londons South Bank. Aber als Abklatsch der Millionen-Metropole im Süden sehen die Einwohner der Tyne-Städte sich nicht. Die "Geordies", so genannt nach ihrer Unterstützung König Georges gegen die Schotten im 18. Jahrhundert, legten schon immer Wert auf Eigenständigkeit.

"Die Leute hier sind immens stolz auf ihre Region", sagt Paul Rubinstein von der Stadtverwaltung Newcastle. Der 40-Jährige, der aus dem Süden Englands zuzog, glaubt, dass die starke regionale Identität unter anderem durch die industrielle Vergangenheit und die lange Isolation von der Hauptstadt geprägt wurde. Traditionell hat der Nordosten eine starke Bindung an den europäischen Kontinent. Anders als die meisten Engländer fühlen die Leute im Nordosten sich europäisch. Für Rubinstein ist der selbstbewusste Charakter der Tynesider der wesentliche Motor der Wiederbelebung des Nordostens.

Dass das Herz der Tynesider für die Kunst schlägt, ergab Mitte der neunziger Jahre eine Studie. Weitsichtige Verwaltungsmitarbeiter wagten daraufhin den entscheidenden Schritt: 1995 starteten sie mit einem Budget von 200 Millionen Pfund ein Kulturprogramm für die folgenden zehn Jahre. "Viele haben uns damals für verrückt erklärt", erinnert sich Stadtverwaltungsmitarbeiterin Jane Robinson - aber schon wenige Jahre später war eine Bewerbung um den Titel der Kulturhauptstadt Europas eine Selbstverständlichkeit.

Engel des Nordens

Antony Gormleys "The Angel of the North" von 1998 tat seinen Teil dazu. Auf Grund der Größe, prominenten Platzierung und Ausstrahlung der Engelsskulptur diskutierte die gesamte Region darüber, ob Gormleys Figur Kunst sei oder nicht. Jeder habe eine Meinung zu dem Thema entwickelt, sagt Paul Rubinstein. Stolz verweist er darauf, dass der Engel inzwischen den Bekanntheitsgrad des Big Ben erreicht habe. In Newcastle und Gateshead entstand als eine Art Fortsetzung der öffentlichen Debatte die Reihe "Streetart" - Straßenkunst -, die etliche über die Stadt verstreute Kunstwerke präsentiert.

In den kommenden Jahren eröffnen Newcastle und Gateshead jedes Jahr eine neue Kultur-Attraktion, darunter Großbritanniens größtes Zentrum für Kinderliteratur. Schon jetzt zieht die ambitionierte Kulturmetropole auch Besucher aus der Hauptstadt an. "An den Wochenenden sind die Züge aus dem Süden voll", sagt Rubinstein und lächelt stolz. "Früher gab es so etwas nicht."

Von Katharina Strobel, gms

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