Finnisch-Lappland Arktische Form des Mañana
Pertti Maununiemi öffnet seine Daunenjacke und stapft in den Schnee hinaus: "Ein warmer Tag heute", ruft er noch, ehe er auf seinem 110-PS-Motorschlitten Richtung Waldsaum davonpflügt. Nur minus acht Grad Celsius signalisiert das Thermometer an der Außenwand der Hütte gute zehn Kilometer vor den Toren von Rovaniemi in Finnisch-Lappland: ein Morgen, an dem die Nasenhärchen nicht gleich beim ersten Durchatmen festfrieren.
Dem fülligen Pertti macht das alles nichts aus. Er liebt die Kälte, den Schnee. Er macht den härtesten Job, den Finnland zu vergeben hat: Er ist Rentierzüchter - und das ist selbst in Lappland ein aussterbender Beruf. Perttis einziger Sohn ist neun Jahre alt und im letzten Sommer zusammen mit seinem Papa das erste Mal über Wochen draußen bei der Herde gewesen.
Unvorstellbar, dass sich jemand von außerhalb der Familie plötzlich entschlösse, Rentierzüchter zu werden. Ihm würde das Zucken im kleinen Finger als Indiz für Wetterveränderungen fehlen, der Blick für die zarten Farbnuancen der Gräser während der schneefreien Zeit und das Wissen um ihre Bedeutung, das Gehör für das Rauschen der Blätter, die Feinfühligkeit für die vielen zarten Signale der Natur hier oben im unwirtlichen Norden.
Er würde im endlosen Weiß des Schnees sehr schnell die Orientierung verlieren. Er müsste die auf keiner Landkarte verzeichneten Pfade durch die Tundra Lapplands erst aufspüren. So würde es jedem ergehen, der nicht in den Job des Rentierzüchters von Kindesbeinen an hineingewachsen ist.
In der Nacht fiel Neuschnee. Dunkle, bärtige Gestalten begrüßen sich auf einem tief verschneiten Waldweg. Die Ersten haben sich gleich darangemacht, in der Umgebung Holz zu sammeln, tragen Scheite heran und schichten es rund um einen Baumstumpf auf, um dort blitzschnell ein wärmendes Lagerfeuer zu entfachen: Rentierzüchter der Region treffen sich zur Rentierscheidung, zum alljährlichen Zusammentreiben aller Herden und versprengter Tiere der Region.
Dabei geht es darum, die im Mai oder Juni geborenen Jungtiere den Müttern und damit auch ihrem Besitzer zuzuordnen und mit dem Zeichen des jeweiligen Züchters zu versehen, einer Messerkerbe im Ohr.
Die Herden werden getrennt nach Tieren, die weiter zur Zucht vorgesehen sind, und solchen, die noch an Ort und Stelle auf dem verschneiten Waldboden geschlachtet werden. Einer alleine könnte diese Aufgabe nicht bewältigen. Nur eine Frau ist unter den Züchtern - Ausnahme in der gut zwanzigköpfigen Männergesellschaft.
Es dauert lange, bis sie das Gros der Herde in dieser Region gefunden und zusammengetrieben haben - 180 Tiere, darunter viele Kälber. Zwischen 50 und 150 Tiere umfasst eine durchschnittliche Herde. Pertti teilt sich ein Zuchtgebiet von 70 mal 200 Kilometer Größe mit 20 Kollegen. Das sind 14.000 Quadratkilometer - nur knapp weniger als die Fläche Schleswig-Holsteins.
Die Männer arbeiten ohne Hektik und haben sich ein Sprichwort der samischen Ureinwohner Lapplands zu Eigen gemacht: "Auch morgen kommt ein Postbus" - die arktische Form des Mañana. In der Sprache der Samen gibt es 20 verschiedene Begriffe für "Rentier" - je nach Beschaffenheit, je nachdem, wie alt, wie groß, wie kräftig das Tier ist.
Trotzdem, keiner der Züchter hier an diesem Morgen gehört dem samischen Volksstamm an - auch Pertti nicht: "Die Samen und wir hier haben eine Gemeinsamkeit. Wir alle leben von der Rentierzucht, aber samischer Abstammung ist keiner von uns. Die meisten Samen sind noch weiter nördlich zu Hause. Wir haben Kontakte dorthin, Freundschaften. Einer meiner besten Freunde ist Same."
Die halbwilden Tiere werden in einen Corral getrieben, mit Kennerblick ruckzuck sortiert. Ein paar werden ausgesondert und gleich wieder laufen gelassen, andere zum Transport in die Toyotas verladen, wieder andere vorerst gleich gegenüber festgebunden und später zur Farm des jeweiligen Züchters transportiert. Dort werden diese schönsten Bilderbuch-Rentiere besser an den Menschen gewöhnt und dazu ausgebildet, später mal Schlitten mit Touristen zu ziehen.
Rentierzucht ist eher Berufung und Leidenschaft als dazu geeignet, reich zu werden. Der Großhandelspreis für Rentierfleisch ist staatlich festgesetzt und seit Jahren unverändert - 29 Finnmark pro Kilo. Das sind umgerechnet knapp zehn Mark. Nicht viel für all den Aufwand.
Die zur Schlachtung vorgesehenen Tiere bekommen einen Farbklecks aufs Fell gesprüht. Und dann geht alles blitzschnell - nichts für zart besaitete Seelen.
Ungefähr die Hälfte einer Herde wird jedes Jahr geschlachtet - eher die Böcke als die Muttertiere, denn sie bringen bei 15 bis 18 Jahren Lebenserwartung zehn bis zwölf Kälber zur Welt.
Spätabends, es ist längst wieder finster geworden, haben die Männer der Wildnis ihr Tagewerk beendet. Anfang Dezember dann wird die Rentierscheidung in ganz Lappland abgeschlossen sein - wie seit Generationen um diese Zeit. Die Züchter stehen ums Lagerfeuer, plauschen noch kurz, erzählen vom Sommer und freuen sich schon wieder auf die Mücken der warmen Jahreszeit: "Sie sind die Freunde auch des armen Mannes", sagt Pertti. "Sie umschwärmen ihn, als ob er Geld hätte." Alle lachen. Pertti ist beliebt unter seinen Kollegen - er ist vergnügt, nimmt den harten Job mit Humor, ist weniger wortkarg als die meisten anderen.