Fuerteventura: Urlaub unter einem Dach aus Wind - DER SPIEGEL
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Fuerteventura Urlaub unter einem Dach aus Wind

Die Luft schmeckt nach Salz. Der Wind zerrt an den Haaren. Ferien zum Durchatmen. Fuerteventura ist Inbegriff völliger Sorglosigkeit: Überraschungen gibt es keine. Nichts, wofür man gewappnet sein müsste. Erholung total.
Von Helge Sobik
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gibt nichts, woran sich das Auge klammern kann. Nichts, wonach es nervös hin und herzuckend suchen kann. Nichts, woran der Blick Halt findet. Nichts, was ablenkt, nichts, was Unruhe ins Bild bringt. Dieses Nichts wird zum Genuss: Keine paar Stunden dauert es, bis man sich mit der Eintönigkeit abfindet, keine zwei Tage, bis man sie genießt - keine Hektik, stattdessen Sonne, die Lufttemperaturen rund ums Jahr beständig zwischen 20 und 30, die Wassertemperaturen nie unter 18 Grad - Faulenzer-Urlaub auf Fuerteventura.

Auf den ersten Blick hat die Apokalypse hier bereits stattgefunden: ein Eiland, als ob die Welt untergegangen wäre. Als ob Endzeit-Stürme in Jahrmillionen das letzte Leben aus dem Boden gerissen und davongetragen haben. Nichts als karger Fels, Geröll, ein paar schmale Serpentinenstraßen, nichts als Sand und Wüste, drumherum das Meer. Auf den ersten Blick ist Fuerteventura abweisend, ungastlich, sogar lebensfeindlich. Auf den zweiten Blick aber tut sich die wahre Bandbreite der Farben auf: Da sind die türkisschillernden Wellen des Atlantiks, die quer durch alle Blau-Schattierungen an den kilometerlangen Stränden ausrollen. Der Wind schlägt sie schaumig, zaubert Gischtkronen auf die Brecher, auf deren Kämmen Surfer wie winzige Punkte am Horizont reiten. Da ist der Atlantik, der draußen vor der Küste still und friedlich zu sein scheint: dunkelblau - wie ein Meditationsbild, in das man versinken kann.

Einzelne Palmen recken sich mutig in den stahlblauen und so gut wie nie wolkenverhangenen Himmel: als wollte die Schöpfung ein Ausrufezeichen setzen. Als wollte sie beweisen, dass Fuerteventura allem ersten Anschein zum Trotz nicht das letzte lebensabweisende Relikt einer untergegangenen Welt ist. Und selbst der Blick von den Balkonen der Ferienhotels entlang der Ostküste ist stets gleich - gleich schön natürlich: gelber Strandsand im Vordergrund, türkisschillerndes Meer in der Mitte, blauer wolkenloser Himmel darüber.

Eine halbe Million Touristen jetten jedes Jahr auf diese zweitgrößte Kanareninsel - die meisten davon Deutsche. Gleichzeitig ist Fuerteventura - hundert Kilometer lang und im Schnitt rund 30 Kilometer breit - das am dünnsten besiedelte Eiland des Archipels. Weniger als 40.000 Menschen leben hier, fast die Hälfte davon in der kleinen Hauptstadt Puerto del Rosario. Die meisten arbeiten mittlerweile im florierenden Tourismus, ein paar verdienen ihr Geld noch als Fischer, ein paar in der Landwirtschaft. In riesigen Gewächshäusern züchten sie Tomaten für den europäischen Markt. Das afrikanische Festland unterdessen ist nur rund hundert Kilometer entfernt.

Legende sind die Sandstrände der Ostküste - das Dünenmeer von Corralejo, der feste, breite Strand von Sotavento, vor dem einmal jährlich Rennen des Surf-Weltcups ausgetragen werden und schließlich Playa de Jandia im Süden. Auf über dreißig Kilometer Länge erstreckt sich hier der mehrere Hundert Meter breite Strand. Der Freiraum reicht für alle - für Wassersportler wie für Sonnenanbeter, die das süße Nichtstun genießen und den ganzen Tag lang vom Badelaken aus verfolgen können, wie der Wind die staubfeinen Sandkörnchen tanzen lässt.

Wer es rustikal mag, schaukelt mit dem Zweimaster "Pedra-Sartaña" zu mehrstündigen Törns vor der windgezausten Küste durch die Wellentäler: Bord-Barbecue, Musik und Unterhaltungsprogramm inklusive. Und auch die Fischer von Morro Jable nehmen für einen kleinen Obolus gern Fremde mit, wenn sie zur frühmorgendlichen Fangfahrt auf dem Atlantik auslaufen: Beginn der Jagd auf den Blauen Marlin, auf Blauhaie oder Thunfische.

Sonnenbrille, literweise Sonnenmilch und am besten auch noch eine Kopfbedeckung: Das ist die Grundausstattung aller, die sich einen Tag lang aus dem Badetrubel ausklinken und das Abenteuer suchen wollen - aller, die doch noch auf Überraschungsjagd gehen und im offenen Leih-Jeep (ab rund 95 Mark pro Tag) zur Inselerkundung starten. Die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel, der Wind rüttelt als wollte er mit gezielten Stößen von der Seite so etwas wie Billard mit dem Geländewagen spielen.

Auf Asphalt surrt der Wagen am winzigen Fischerort Puerto de la Cruz vorbei bis zum Leuchtturm von Punta de Jandia an der äußersten Südspitze der Insel. Auf Waschbrettpisten rattert er weiter durch die felsige Wüstenlandschaft und vollführt dabei kleine Kunststückchen, die manchmal selbst seine Konstrukteure voller Stolz erröten lassen dürften: in 30-Grad-Schräglage durch einen Engpass zirkeln, im Trippelschritt-Tempo über eine Sanddüne hinwegwühlen, die sich urplötzlich mitten auf die Piste verirrt hat, Felstreppen im Allradantrieb steigen. Kleine Herausforderungen im 100-Meter-Abstand und alle paar Kilometer ein neuer umwerfender Blick: mal hinunter auf die wilde Westküste mit tosender Brandung, mal hinweg über die abgerundeten Kuppen der einstigen Vulkanberge, die sich bis zu 800m hoch erheben, mal hinab zu winzigen Palmenoasen wie Vega de Rio de las Palmas bei Betancuria.

Sollte Fuerteventura eine "klassische" Sehenswürdigkeit, so etwas wie ein "Pflicht-Ausflugsziel" haben, dann ist es dieser Ort: In der restaurierten "Casa de Santa Maria" aus dem 16.Jahrhundert kann man einheimischen Kunsthandwerkern bei der Arbeit über die Schultern schauen - Korbflechtern zum Beispiel, Webern und Töpfern. Auf der Speisekarte des angrenzenden Restaurants stehen kanarische Spezialitäten. Auch das ist Fuerteventura: abends an einem der Tische im Innenhof unter einem Dach aus Wind sitzen, sich mit kanarischem Rotwein zuprosten, ungeschälte Salzkartoffen Papas Arrugadas zusammen mit gegrilltem Tintenfisch essen und dabei in den Sternenhimmel träumen, wenn von Ferne leise Gitarrenmusik erklingt...

Im statistischen Mittel regnet es an fünfzehn Tagen im Jahr auf Fuerteventura. Sollte man einen dieser Tage erwischen, ist das nicht Strafe, sondern Belohnung, denn am Morgen danach geschieht das Wunder. Die ganze Insel grünt und blüht als ob über Nacht versteckte Saat im Wüstensand aufgegangen ist. Eine beschwingte Leichtigkeit liegt plötzlich über dem sonst so herben Eiland, das dann beweist: keine Spur von Apokalypse, eher ein Hauch verstecktes Paradies. Eine Insel, die selber den Zeitpunkt bestimmt, wann sie ihre Überraschungen preisgeben will.