Gladiatorenschule in Rom Ave, Russell Crowe!
Rom - Seit dem großen Erfolg des Films von Regisseur Ridley Scott, der für zwölf Oscars nominiert wurde, bietet ein historischer Verein in Rom an der Via Appia Antica Gladiatoren-Kurse an. Ein Jahr dauert die Ausbildung mit den stumpfen Schwertern. Am Ende erhalten die Schüler - Männer und Frauen - ein Diplom. Das zweistündige Training findet im Sommer zweimal pro Woche auf dem Gelände des "Gruppo storico romano" an der alten Römerstraße statt, im Winter in einer Turnhalle. Es beginnt mit ganz normalen Aufwärmübungen.
Der Gründer des Vereins, Sergio Iacomoni, repariert tagsüber bei der Banca d'Italia die Maschinen, mit denen der Euro gedruckt wird. Abends baut er Römerrüstungen und kontrolliert die vier Lehrer der Gladiatorenschule.
Während des Kurses lernen die derzeit elf Schüler zunächst Grundstöße und wie man diese abwehrt. Mit Holzschwertern, die mehr als ein halbes Kilo schwer sind, üben sie am Anfang. Bei den Kämpfen nach Punkten ist die Waffe später aus Eisen. Die Rüstungen aus Eisen und Leder, die sie dabei tragen, wiegen rund 15 Kilo. Nicht nur der Umgang mit den urtümlichen stumpfen Schwertern, auch das Tragen der unförmigen Rüstungen ist aufregend, finden die Schüler. Ebenso spannend müsste es sein, eine Astronautenuniform anzuziehen, meint Iacomini, der den Verein vor sieben Jahren zunächst nur für Folklore gründete.
Die Interessenten an der Gladiatorenausbildung kommen aus den verschiedensten Berufsgruppen. Die beiden weiblichen Schüler sind Jurastudenten kurz vor dem Abschluss "Dann haben wir bald das Recht auf unserer Seite", meint ihr Lehrer stolz. Zu den angehenden Gladiatoren zählen Banker, Krawattenverkäufer und Piloten zwischen 25 und 50 Jahren.
Wer in die Gruppe der Schüler aufgenommen werden will, muss in der ersten Trainingsstunde vor dem Stretching und anderen gleichfalls modern klingenden Übungen einen Treueeid leisten. Dabei nimmt er zugleich einen lateinischen Namen an, der fortan innerhalb der Schule der einzig gültige ist. Begegnet er oder sie auf dem Gelände an der Appia Antica einem Lehrer oder Schüler, hat er ihn auf Lateinisch mit "Ave" zu grüßen. Dabei hebt er entweder sein Schwert oder, zumindest für deutsche Betrachter befremdlich, den rechten Arm wie zum Hitlergruß. Dem "Gruppo storico romano" geht es aber nicht um Politik, deshalb stört man sich dort nicht an solchen Assoziationen.
Mitten in der Rüstkammer prangt das Filmplakat des "Gladiator" und natürlich ertönt die Musik des Kinostreifens laut beim Training. Schüler und Lehrer schreien im Chor die Kommandos für ihre Hiebe über die Melodie. Nach dem Training trifft man sich zum Grillen vor den Baracken des Clubs. Mulsum-Wein wie bei den alten Römern fließt dabei und manches Dessert nach Art von Neros Gattin Agrippina. Aber die Geschmäcker haben sich geändert, versichern die Clubmitglieder, deshalb essen sie lieber Rindfleisch vom Holzkohlengrill - ohne Angst vor BSE.
Das Gelände an der Appia Antica liegt gut versteckt zwischen einem Bus-Depot und Werkstätten in Baracken. Die Hochhäuser der Via Cristoforo Colombo, die Mussolini als Verbindung zwischen der Altstadt und dem in faschistischer Architektur errichteten Viertel EUR anlegen ließ, überragen die Wellblechdächer mit bunten Werbeslogans an den Fassaden. Falls Diebe sich über die Rüstungen oder die nachgebauten Steinschleudern des Vereins hermachen sollten, schlagen ein paar Gänse Alarm. Ihre Artgenossen schützten schon in der Antike das römische Kapitol, indem sie eine schlafende Wache mit ihrem durchdringendem Geschrei vor dem Ansturm der Gallier warnten.
Das durch den Kinofilm geweckte Interesse ist so groß, dass die Schule im Sommer Wochenendkurse für Ausländer plant. "Wir holen unsere Gäste sogar vom Flughafen ab", verspricht Clubgründer Iacomoni. Amerikaner, Franzosen und Niederländer hätten sich bereits angemeldet, aber keine Deutschen. Mit Weihrauch, Tunika und Römersandalen werden die Gäste aus der modernen Cyber-Welt bei den Gladiatorenkursen auf die antike Atmosphäre eingestimmt. Wer Lust hat, darf sich seine Rüstung selber bauen.
Die Kurse bereiten die filmbegeisterten Schüler auf Kämpfe nach Punkten vor, bei denen der Retiarius mit Netz und Dreizack gegen den Mirmillo mit Helm, Schild und Schwert kämpft. Nach dem Helm zu stechen, ist zum Schutz nicht des Kopfes, sondern des Helms verboten. Lehrer und Schüler präsentieren sich beim Kurs in eisenbeschlagenem Lederwams. Die Beine staken darunter in Trainingshosen hervor. Umgerechnet rund 200 Mark kostet die erste Übungsphase von zwei Monaten, Tunika und Sandalen inbegriffen. Für die restlichen Monate bis zum Diplom müssen die Schüler nur noch je 70 Mark zahlen. Das decke gerade die Kosten, versichert die Schulleitung.
Gladiatoren kämpften im alten Rom oftmals rein sportlich, ohne Blut zu vergießen, erzählen die Clubmitglieder begeistert. Im übrigen seien bei der blutigen Kampfsorte im Kolosseum kaum Unschuldige ums Leben gekommen. Die meisten von ihnen seien regulär zum Tod verurteilt gewesen.
Eine Vorstellung von der kriegerischen Seite der Römer geben nachgebaute Wurfmaschinen aus Holz und ein rollender Kampfturm, mit dem feindliche Festungen eingenommen werden können. Auch eine "Taberna" mit nicht ganz stilechten schmiedeeisernen Kerzenleuchtern und Holzbänken fehlt in der nachgebauten Römerwelt an der Via Appia Antica nicht.
Die 200 Mitglieder des Vereins bieten für Straßenfeste Vorstellungen ihres Könnens an: für umgerechnet 200 Mark pro Gladiator kann man Schaukämpfer mit den stumpfen Schwertern mieten.
Russell Crowe sei schon ein sehr guter Gladiator, findet der 51-jährige Clubgründer. Besonders blutig muten Iacomoni die Kampfszenen im Film nicht an. In Wirklichkeit seien sie viel schlimmer gewesen, versichert er. Die Informationen über Rüstungen und Kämpfe bezieht sein Verein vor allem aus englischen und deutschen Studien. Im Ausland interessiere man sich wesentlich mehr für das alte Rom als in der Ewigen Stadt selbst.