Glasgow Farbiger als Schwarz
Der Ruch der düsteren Industriestadt hängt über dem Wort Glasgow. Da mischt sich Charles Dickens viktorianisches London mit einem Beigeschmack von Ruß und Regen. Das schäbige Arbeiter-Image gehört zu Glasgow wie die schweren, schwarzen Wolken, die sich regelmäßig über der schottischen Westküstenmetropole entladen und der Stadt einen wenig glorreichen, nassen Glanz verleihen. Doch Glasgow definiert sich zurzeit wieder einmal neu: "The new black" lautet die Botschaft der einstigen Industriehochburg für das 21. Jahrhundert.
Mit der größten Stadtmarketingkampagne, die Großbritannien je gesehen hat, will Glasgow sein vermeintlich rußgeschwärztes Gesicht in ein "neues Schwarz" verwandeln. "The new black" steht für Kunst und Kult, Stil und Schick - Glasgow besinnt sich seiner kreativen Seite und investiert 1,5 Millionen Pfund, um auf der europäischen Landkarte der Kurzreisenziele als Favorit herauszustechen.
"Mit zunehmender Konkurrenz aus Mittel- und Osteuropa muss Glasgow eine Attraktion vorweisen, die besser, anders ist, als das was den Reisenden woanders geboten wird", sagt Eddie Friel, Direktor des Greater Glasgow & Clyde Tourist Boards und Motor der ehrgeizigen Kampagne. CRM lautet seine Zauberformel für Glasgow: Charles Rennie Mackintosh. Unter dem Motto "Glasgow: Scotland with Style" knüpft die Kampagne an den "Glasgow style" des legendären Art-Nouveau-Mannes, der der Glasgow School of Art ihr Renommee verlieh und vor gut hundert Jahren Künstler wie Gustav Klimt beeinflusste.
Für viele ist Glasgows Schick schon längst ein offenes Geheimnis. Lange bevor die zurzeit auf dem europäischen Musikmarkt gefeierte Band Franz Ferdinand aus den verlassenen Industriebrachen in der Hafengegend aufstieg, bot Glasgow reichlich Raum für kreatives Talent. Travis, Texas, Teenage Fanclub und The Jesus and Mary Chain ließen sich zwischen River Clyde und Kilpatrick Hills inspirieren und schrieben hier Musikgeschichte.
Aber Glasgows wahres Wesen liegt jenseits von Kult und Kunst. Der Puls der Stadt sind die Glasgower, die Glaswegians. Ebenso rau und hart wie liebenswürdig und witzig verstehen sie es, ein besonderes Flair zu verbreiten. Bester Ausdruck des eigenen Menschenschlags ist ihre - mitunter als Rottweiler-Gebell verspottete - Sprache, die außerhalb Glasgows kaum einer versteht. Immerhin hat sich inzwischen herumgesprochen, dass die Männer - sobald von den Einheimischen akzeptiert - mit "Jim" angesprochen werden. Tatsächlich kennen Glaswegians nach eigenen Angaben nur zwei Kategorien von Männern: "big man" und "wee man" - großer und kleiner Mann.
"Was die Leute ausmacht, ist eine Bodenständigkeit, die mit der Arbeitertradition kommt" sagt die Schauspielerin Elaine Smith, ebenfalls aus Glasgow. Und für Eddie Friel ist es eine gewisse Gelassenheit, die Tatsache, dass die Menschen sich nichts auf sich einbilden, obwohl sie Grund dazu hätten. Die Schiffsbauer entlang der Clyde zum Beispiel zählten im vergangenen Jahrhundert zu den besten der Welt. Zur Zeit des British Empire war Glasgow nach London die wichtigste Stadt des Weltreichs. Der Ökonom Adam Smith und der Ingenieur James Watt erlernten hier im 18. Jahrhundert ihr Handwerk und entwickelten die Ansätze ihrer Thesen, die die Welt noch heute beeinflussen.
Anders als das nur 60 Kilometer entfernte, weitaus kleinere Edinburgh, dass selbstverliebt auf seinem Weltkulturerbe hockt und ohne viel dazu zu tun, von aller Welt bewundert wird, zischt durch Glasgow ein besonderer Tatendrang. Die Kraft schöpft die Stadt aus der Not, sich immer wieder gegen das Schicksal behaupten zu müssen.
Der Verfall der Industrie zwang Glasgow, sich aktiv um neue Branchen zu bemühen. Im Tourismus beschäftigt die Stadt heute mit 56.000 Leuten mehr Arbeitnehmer, als je im Schiffsbau gearbeitet haben. Als eine der ersten Städte in Europa setzte Glasgow auf innerstädtisches Shopping, schuf Parkplätze im Zentrum und richtete Fußgängerzonen ein. Heute rühmt die Stadt sich mit den besten und meisten Läden Großbritanniens außerhalb Londons. Das Modehaus Versace entschloss sich jüngst, seine erste britische Filiale in Glasgow, nicht in London zu öffnen.
Der Wendepunkt kam 1990, als Glasgow den Zuschlag für die europäische Kulturhauptstadt erhielt und seine kulturellen Schätze der Welt zeigen konnte: Die Stadt besitzt eine beeindruckende Kunstsammlung, die sich über 13 Museen verteilt. Darüber hinaus zieht der Name Charles Rennie Mackintosh und seine School of Art Künstler und Designer - und solche, die es werden wollen - aus der ganzen Welt an.
Aber Glasgow wäre nicht Glasgow, Heimat der am meisten rivalisierenden Fußballteams Europas - Celtic und Rangers - wenn es neben dem Erfolg der vergangenen Jahre nicht auch das andere Extrem leben würde: In einigen Stadtteilen dominieren Verfall, soziales Elend, hohe Kriminalität und Armut. Noch immer liegen in Glasgow einige der ärmsten Wahlkreise des Landes, in denen die Lebenserwartung der Männer 64 Jahre nicht überschreitet. Der Grund: schlechte Ernährung und Drogenmissbrauch. Glaswegians treiben die Sauferei wie so viele Dinge, die sie anpacken, bis auf die Spitze.
Die zwei Gesichter der Stadt spiegeln sich im architektonischen Bild. Inmitten der majestätischen und Wohlstand vermittelnden Gebäude der Innenstadt drängen sich plumpe Kästen der sechziger Jahre. Aus der Zeit stammen auch die Wohnblöcke, die rund um die Stadt den Horizont verbauen und inzwischen die Sozialfälle beherbergen. Südlich des Clyde, wo früher an die 50.000 Menschen im Schiffsbau beschäftigt waren, herrscht heute eine beängstigende Stille. Alte Fabrikhallen stehen leer, Fenster und Türen sind verrammelt oder eingeschlagen. Nach offenen Läden muss man lange suchen. Ganz anders wieder das Bild im reichen West End nördlich des Flusses: Zwischen bunten Boutiquen, Bars und Restaurants tummeln sich Studenten und Berufstätige.
Auf die Zauberformel CRM lässt Glasgow sich daher nicht reduzieren. Zumal Mackintoshs architektonisches Erbe an Glasgow innerhalb der Stadt sich nur auf wenige Bauten beschränkt. Der Glasgower Stil oder vielmehr die Glaswegian Eigenart verschafft sich in fast allen Lebensbereichen Ausdruck und umschließt eine wesentlich breitere Farbpalette als "neues Schwarz".