Glitzer und Glamour Berlin, Hauptstadt der Diven
Der VW-Van von Sta-Tours steht vor der Zähringerstraße 13, Berlin-Wilmersdorf. Ein Schild an der Hauswand erinnert an eine einst berühmt-berüchtigte Bewohnerin: an den Tanz- und Stummfilmstar Anita Berber. "Sie war einfach anders als die anderen", sagt Stadtführerin Birgit Wetzig-Zalkind und erzählt von einem der skandalösen Auftritte im Berlin der Zwanziger: Wie die Berber in kostbaren Nerz gehüllt und mit hochhackigen Goldschuhen im Speisesaal des Hotel Adlon saß und ihre roten Haare über dem grün geschminkten Gesicht leuchteten. Wie sie drei Flaschen Champagner beim Oberkellner bestellte, an ihrem Hals nestelte - und der Pelz herabfiel. Darunter war sie splitterfasernackt.
Stadt-Rundfahrt: Berliner Diven und ihre Häuser
Auf Promi-Tour durch Berlins Straßen, und zwar auf einer besonderen: Wetzig-Zalkind fährt ihre Gäste zu den Wohnstätten der Diven - der umschwärmten, eigenwilligen, erfolgreichen Schauspielerinnen, Sängerinnen und Tänzerinnen der Berliner Vergangenheit. Zwei Stunden lang redet Wetzig-Zalkind - in rasendem Tempo, in Zitaten, Bildern, Anekdoten, bis sie kaum mehr sprechen kann. Während in Los Angeles Promi-Touren schon längst zum Touristenprogramm gehören, betrat die 39-jährige Journalistin in Berlin vor über zwei Jahren Neuland.
Aus der Arbeitslosigkeit heraus entwickelte Wetzig-Zalkind ihr Konzept für die Sta-Tours: Auf ihren Rundfahrten durch Viertel wie Grunewald, Charlottenburg und Schöneburg zeigt sie, wo Berliner Promis lebten und liebten. Rund ein Jahr lang hat die ehemalige Musikredakteurin in Büchereien, Archiven und Museen zuvor recherchiert - und in alten Telefonbüchern: "Wer Geld hatte, hatte ein Telefon."
Die moderne Frau: Bubikopf und kniefreie Röcke
Wetzig-Zalkind zeigt auf ihrem Laptop ein Berber-Porträt von Otto Dix. Die fünf Touristen im Van betrachten das berühmte Gemälde - Anita Berber im knallroten eng sitzenden Kleid, die schwarz geschminkten Augen stechen aus einem bleichen Gesicht hervor - und blicken auf den Eingang. Hier hat sie also gewohnt: ein schlichtes mehrstöckiges Wohnhaus, hellgelb gestrichen, am Geländer lehnt ein rostiges Fahrrad.
Anita Berber, erzählt Wetzig-Zalkind, starb einen frühen Tod. Die Skandalnudel der Weimarer Zeit überschritt mit ihren Nackttänzen und ihrem hedonistischen Lebensstil alle Konventionen. Sie trug Herrenanzüge, liebte Frauen und Männer - und starb kokain- und morphiumsüchtig, von der Öffentlichkeit bereits vergessen.
Klatsch und Tratsch, Komödie und Drama - Wetzig-Zalkind weiß bald in jeder Straße in Wilmersdorf, Schöneberg und Grunewald von Stars und Sternchen zu erzählen. Kein Wunder, denn die deutsche Hauptstadt erlebte einst eine Hoch-Zeit der Diven. Das Berlin nach dem Ersten Weltkrieg war einmalig. Nirgends auf der Welt versammelte sich so viel Geld und Intellekt, nach London und New York war die deutsche Hauptstadt drittgrößte Metropole der Welt.
Deutschland erfreute sich einer nie zuvor erlebten geistigen Freiheit, zugleich waren die politisch-wirtschaftlichen Verhältnisse alles andere als stabil. Die Wirtschaftskrisen bedeutete für viele den Ruin - und für einige großen Profit und einen mondänen Lebensstil.
In der Weimarer Republik wandelte sich die Stellung der Frauen: Während des Krieges hatten sie die Arbeit der Männer übernehmen müssen und kehrten nicht so einfach zu Küche und Kinder zurück. Die neue Frau war selbstbewusster und damit änderte sich auch ihr Äußeres. Die Rocksäume rutschten über die Knie, die Haare wurden zum Bubikopf kurz geschnitten.
Goebbels Besetzungscouch
So war das Berlin zwischen den Kriegen die Zeit der "Göttinnen" - wie Henny Porten, Pola Negri und Asta Nielsen. An den dänischen Stummfilmstar erinnert ein Schild an der Fasanenstraße 69. "Da, die Brustwarzen sind doch deutlich zu sehen. Ein Nipplegate der Zwanziger!" Wetzig-Zalkind zeigt auf das schwarz-weiße Foto der schmachtenden Diva in durchsichtigem Kleidchen auf ihrem Laptop und amüsiert sich. Für Nielsen bedeutete der aufkommende Tonfilm das Ende ihrer Karriere - wie auch für Porten und Negri.
Der Regen prasselt auf den Van, als er das nächste Ziel ansteuert. Mit der neuen Freiheit für Frauen war es nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten vorbei. Joseph Goebbels erfand die Besetzungscouch. In fast jeder Lebensgeschichte, die Wetzig-Zalkind erzählt, spielt der Reichspropagandaminister, zugleich zuständig für Kultur, eine Rolle. Als die "super beliebte" Renate Müller - im Filmen der Zwanziger die Verkörperung des deutschen Mädchens - sich nicht mit Hitler verkuppeln ließ und zudem eine Affäre mit einem jüdischen Kaufmann hatte, durfte sie nur noch in Propagandafilmen spielen.
Die Schauspielerin aus liberalem Elternhaus stürzte sich 1937 aus dem ersten Stock in der Düsseldorfer Straße 37, kam leicht verletzt ins Krankenhaus und starb dort. Ihr Tod blieb mysteriös, kurz zuvor erhielt sie Besuch von der Gestapo. "Vor allem ältere Damen nehmen an meiner Tour teil, um die Wohnungen von Renate Müller oder Sybille Schmitz zu sehen", erzählt Wetzig-Zalkind. Schmitz galt in ihrer Zeit als weiblicher Gründgens, die lesbische Frau geriet auf die schwarze Liste von Goebbels, durfte keine Filme mehr drehen und beging Selbstmord.
Marlenes Hühnersuppe
Der Diven-Van rumpelt über die Straßen des Villenviertels Grunewald: breite Alleen, hinter hohen Hecken versteckte Häuser, Kopfsteinpflaster. Eine alte Frau in hellblauem Samtmantel und verwegenem Hütchen spaziert über den Gehweg - welche Lebensgeschichte hätte sie wohl zu erzählen? In diesen Straßen lebten, liebten und litten Diven wie Zarah Leander Romy Schneider, Leni Riefenstahl, Hildegard Knef - und die tschechische Tänzerin Lida Baarova.
Der Baarova war Goebbels gänzlich verfallen, für sie hätte der fünffache Vater sich von seiner Frau scheiden lassen und alle Ämter aufgeben wollen, doch Hitler ließ das nicht zu. Gerüchte besagen, dass Goebbels einmal von dem Lebenspartner der Baarova, Gustav Fröhlich, in flagranti erwischt wurde und heftige Ohrfeigen erhielt. Was den Komödianten Werner Finck zu der Äußerung inspirierte: "Wer möchte nicht gern einmal Fröhlich sein."
Zumindest eine Frau konnte sich der Zudringlichkeiten der "Wanze Goebbels" (Hans Albers) erwehren: Zarah Leander. "Zarah, Zarah! Das ist doch ein jüdischer Name", drohte der Abgewiesene. "Joseph? Joseph, wo kommt eigentlich der Name her", konterte der schwedische Ufa-Star und zog eine Augenbraue in die Höhe. Die Diva aller Diven, Marlene Dietrich, dagegen schipperte rechtzeitig gen Hollywood. Direkt nach der Premiere des "Blauen Engels" 1930 bestieg sie einen Zug zur Nordsee und dann die "Bremen" - und folgte ihrem Regisseur Josef von Sternberg in die USA. Es war Marlenes berühmte Hühnersuppe, die den Ausschlag für Sternbergs Besetzungsentscheidung für die Dietrich gab, erklärt Wetzig-Zalkind.
Mythosraum im Filmmuseum Berlin
Glanz und Glitter, Lust und Laster der Leinwandstars zeigt auch das liebevoll eingerichtete Filmmuseum Berlin. Ihr Charme und ihre besondere Ausstrahlung wirken auch heute noch, was die Filmprojektionen und unzähligen Fotos beweisen - und die faszinierten Besucher vor den Leinwänden. Seit September 2000 präsentiert die Deutsche Kinemathek einen Teil ihrer Sammlung als ständige Ausstellung im Filmhaus am Potsdamer Platz.
Rund 300 Quadratmeter haben die Ausstellungsmacher allein Marlene Dietrich vorbehalten. Aus ihrem Nachlass stammen die Liebesbriefe, signierten Fotos, Kämme und Maskottchen hinter Glas, in einem kreisrunden Saal sind Filmkostüme wie der berühmte Anzug mit Zylinder aus "Die blonde Venus" ausgestellt.
Ihr berühmtes androgynes Auftreten in Herrenanzügen hatte sich die Dietrich, so erzählt Wetzig-Zalkind, im Übrigen von Anita Berber abgeschaut - der längst vergessenen Skandalnudel der Weimarer Republik.