Golden Gate Bridge Die schönste Brücke der Welt
San Francisco - Um Orkanböen oder Erdbeben auszugleichen, schwingt die Brücke bis zu acht Metern zur Seite. Die beiden mächtigen Hauptkabel - im Durchmesser etwa einen Meter dick und nach einem Patentverfahren des deutschen Einwanderers John Roebling aus 129.000 Kilometern Draht gesponnen - halten die sechsspurige Fahrbahn in sicherer Balance. Vertrauensvoll schippert eine Parade von bunten Fährbooten Segelschiffen und Ozeandampfern darunter hinweg.
Der wilde Pazifik umspielt ihre kantigen Zementfüße. Rostrote Zwillingstürme strecken sich nach dem stahlblauen Sommerhimmel Kaliforniens. 128 zierliche Schwanenhals-Laternen neigen bescheiden die Köpfe. San Franciscos berühmtes Wahrzeichen ist ein Bild von einer Brücke.
Die Natur hat es mit allen Grüntönen der Farbpalette gerahmt - im Süden die dunklen Nadelwälder der San-Francisco-Halbinsel, im Norden die smaragdfarbenen Grashügel von Marin County. Der berühmte Küstennebel, der die Fundamente umhüllt und die Pfeiler schweben lässt, verleiht dem ganzen eine Spur von Surrealismus. Bewunderer aus aller Welt haben Bilder der Brücke in ihren Wohnzimmern aufgehängt. Doch steht man vor dem Original, fällt es schwer, ihre ätherische Schönheit als dreidimensionale Realität zu begreifen. Vielleicht sind ihre Formen schon allzu vertraut?
Ihre Maße sind bekannt: 2.737 Meter lang, 27,4 Meter breit, 227 Meter hoch. Ebenso ihre Superlative: Bei der Einweihung am 27. Mai 1937 war sie nach vierjähriger Bauzeit die längste Hängebrücke der Welt. Erst 1964 stahl ihr New Yorks Verrazano Narrows Bridge den Titel. Rund 200.000 Menschen spazierten bei der Eröffnung hinüber. 48 davon mussten von Sanitätern gegen Fußblasen behandelt werden. Bei der Eröffnung für den Straßenverkehr tags darauf wurden 32.300 Autos gezählt. Seitdem hatte die Golden Gate Bridge keine Minute Ruhe.
Über die gleichnamige Meeresenge - 1864 von Captain John Frémont benannt, der sich an Istanbuls "Goldenes Horn" erinnert fühlte - wälzt sich heute ein endloser Strom von Fahrradfahrern, Fußgängern und mehr als 115.000 Fahrzeugen pro Tag. "Und der Rost schläft nicht mal nachts", stöhnt Stahlarbeiter Ken Hopper. Zusammen mit 16 schwindelfreien Kollegen und 38 Malern kämpft er gegen die Korrosion. Jährlich werden etwa 19.000 Liter Farbe mit dem irreführenden Namen "International Orange" verstrichen - auf rund 72.000 Tonnen Stahl, Nebelhörner, Überwachungskameras und sogar auf die mobilen Klo-Häuschen der Service-Crew.
Nur die Notruf-Kästen bleiben leuchtend gelb. Drin stecken graue Telefone für schwarze Stunden. Rat Suchende werden vom Brückenwärter gleich mit der Anti-Selbstmord-Hotline weiterverbunden. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Doch nach Schätzungen von Selbsthilfe-Gruppen stürzten sich hier bislang mindestens 1100 Menschen in die Tiefe. Damit hatte Chefingenieur Joseph Strauss sicher nicht gerechnet.
Während der Konstruktion ließ Strauss extra ein Sicherheitsnetz installieren. Erfahrene Brückenbauer rechneten damals mit mehr als 30 Todesopfern. Doch Strauss verlor "nur" elf Arbeiter. Eine Bronzeplakette erinnert heute an ihre Namen. Sie ist auf westlichen Seite des Brücken-Gehwegs montiert und leuchtet golden, wenn die Sonne im Meer versinkt.
Heike Schmidt, gms