Graz Jäger des verlorenen Schatzes
Manchen mag es frösteln bei solchen Lieblingswörtern, die bei einer Umfrage offenbar wurden. Andere genießen die scheinbar heile Welt, die solche Ideale hervorbringt. Zum Beispiel Graz, Weltkulturerbe der italienischen Renaissance und vom Tourismus bisher nur gestreift - hier kann man "Ordnung", "Sicherheit" und "Heimat" erleben, fern vom unruhigen, urbanen Wien.
Doch auch Graz hat wilde Zeiten erlebt. Nicht Kanonenkugel-Krater, doch immerhin einige Lücken im Rathaus-Bau sind Zeuge: Eine Art sozialistische Revolution überrollte 1957 das Zentrum der Steiermark, und dafür mussten prominente Köpfe rollen; 16 an der Zahl. Sie schmückten als Statuen die Fassade des Rathauses - 2,20 Meter hoch und mehr als 500 Kilogramm schwer. Dann verschwanden sie von einem Tag auf den anderen. Spurlos.
Denkmal-Frevel wurde zur skurrilen Posse
"Wenn es nicht wirklich passiert wäre, würde man das wohl für eine Posse von Kishon halten, so skurril ist es", kommentiert der Historiker Karl Kubinzky spöttisch. Kubinzky ist nicht nur grantelnder Grazer und liebevoller Chronist seiner Heimat, er hat den Denkmals-Frevel auch selbst miterlebt damals: Er stand daneben, als sie die Potentaten vom Sockel rissen.
"Das war die Zeit des Habsburger-Kannibalismus", erklärt der Professor - die Öffentlichkeit diskutierte damals lebhaft, ob der letzte Habsburger wieder "heim ins Reich" dürfe. Am Ende durfte er nicht. Plätze und Straßen wurden umbenannt. Ein für alle Mal sollte Schluss sein mit dem K.u.k.-Andenken.
Und da - welch praktischer Zufall - schockte die lokale Meldung, die Statuen am Grazer Rathaus seien baufällig, drohten den Bürgern auf den Kopf zu fallen. Welch Gleichnis; Österreich und die Österreicher mussten vor ihrer tonnenschweren Geschichte geschützt werden; es galt, Leben zu retten. "Mit Steinsägen mussten sie die Statuen absägen, so gut verankert waren die", spöttelt Kubinzky.
Ein zweites Mal geköpft
Ganz schlimm traf es den Andreas Baumkirchner, 1471 als Söldnerführer in Ungnade gefallen und unter dem Henkerbeil geendet: "Der hat noch einmal den Kopf verloren." Und im Eifer des Gefechtes vergaß man auf einer Nebenfassade dann sogar zwei separate Sandstein-Despoten. "Die stehen heute noch." Kubinzky hat die Geschichte nie in Ruhe gelassen, und darum war er auch wieder da, als letztes Jahr die Restaurierung des historistischen Protzbaus von 1894 anstand.
In dem Finanzstadtrat Siegfried Nagl (ÖVP), mit 37 der Juniorchef im Rathaus, fand er einen begeisterten Mitsucher. Mehr als 30 Hinweise aus der Bevölkerung erreichten die beiden, die von der Lokalpresse "Jäger des verlorenen Schatzes" getauft wurden. Ihre Spurensuche führte sie quer durch Grazer Parks, über Dachböden und durch Hinterzimmer bis unter die Straßen der Renaissance-Stadt. Delikate Tipps liefen da auf: So sollte ein Grazer Verwaltungsbeamter sich die Steinpromis höchstpersönlich unter den Nagel gerissen und damit seinen Vorgarten dekoriert haben. In aller Diskretion wurde der Pensionär observiert - und für schuldlos befunden.
Spurensuche in der ganzen Stadt
Ein Grazer Bürger schließlich schämte sich nicht, Lösegeld zu verlangen: Er wisse, welcher Straße die entführten Prominenten angeblich Fundament verliehen. Entnervt einigte sich Nagl mit dem geldgierigen Grazer auf eine gewisse Summe bei Erfolg, dann machte sich ein Trupp vom Tiefbauamt an die Arbeit. Sie fanden nichts, nicht einmal den Staub von Trentiner Sandstein. Kubinzky: "Man hat das nicht an die große Glocke gehängt, damit es nicht heißt, da werden 100. 000 Schilling weggegeben für ein Phantom unter dem Asphalt." "Es ist davon auszugehen, dass sie geschreddert worden sind", schließt Siegfried Nagl inzwischen, ein wenig konsterniert.
Doch etwas anderes wurde gefunden: Alte Fotos tauchten unverhofft im Archiv auf, die eine Rekonstruktion der Verblichenen ermöglichen - für 400.000 Schilling pro Stück, rund 60.000 Mark. Geld hat natürlich keiner. Nagl hofft jetzt auf die lokale Wirtschaft. Nagl, dessen Etat in diesem Jahr neun Milliarden Schilling beträgt, hofft auf vieles: vor allem auf Zuwendungen von Bund und Land, die bis zum Jahr 2003 "der größten Stadt Österreichs - Wien ist ja nur ein Bundesland" - eine eigene Veranstaltungshalle bescheren sollen und gewisse Verkehrsprobleme lösen helfen.
Graz ist nächste Kulturhauptstadt Europas
In zwei Jahren nämlich sind nicht nur die nächsten Lokalwahlen, sondern Graz ist auch Kulturhauptstadt Europas. Nagl will dann Bürgermeister sein, und er hat auch schon ein Motto für die Perle der Steiermark: "Stadt der Gegensätze."
Gegensätze sind nicht nur die Bevölkerungsgruppen - Rentner als ruhebedürftige Bürger des berühmt-berüchtigten "Pensionopolis" und ebenso viele Studenten der drei Vorzeige-Universitäten -, sondern auch Bauwerke der Stadt, die keineswegs bloß eine perfekte Renaissance-Kulisse ist.
Vor allem Graz' Schlossberg ist ein Spielplatz der Historie: Auf den Granitfelsen, eine Naturfestung am Fluss Mur, führen eine Zahnradbahn, ein Treppenweg, zahlreiche Kraxelpfade und ein Fahrstuhl im Innern. Dazu enthält er eine Märchenbahn und eine Naturbühne - es gibt wohl nichts anderes, was so zerlöchert wurde wie dieser Felsen. Obendrauf thront der Uhrturm, Wahrzeichen der Stadt und letzter Rest einer Festung, die Napoleon schleifen ließ.
"Die Italiener lieben uns"
Große Teile der Stadt entstanden unter dem Einfluss der italienischen Renaissance und verleihen der Stadt einmaligen Charakter: "Die Italiener lieben uns", behauptet Nagl. Ansonsten "sind wir zu bescheiden, wir gelten noch immer als Geheimtipp". So buhlt auch das Graz-Marketing um Besucher: "Die heimliche Liebe Österreichs" nennt man sich. Das Klima ist sonnig, die Gassen verkehrsberuhigt, Kaffeehäuser und Restaurants säumen sie. Theater, eine rege Musikszene, einige schöne Museen - Graz ist eine Stadt mit Charme und Lebensart.
Das werden die Grazer selbst auch nicht müde zu bescheinigen: Eine große Mehrheit, so vermerkt die Statistik, schätzt die Lebensqualität. Wenn ihnen auch, da kennen sie nichts, gelegentlich die Galle übergeht. Das erlebt Detlev Eiselsberg oft am eigenen Leib: Den Mitarbeiter des Stadtrats suchen mitunter besorgte Bürger persönlich in seinem Büro heim: "Schauen Sie, da sitzt ein Bettler auf dem Marktplatz." - Er darauf: "Na und?" - "Der muss weg!" Es gebe halt so Leute... Eiselsberg schüttelt den Kopf. Damit macht er sich natürlich bei der Bevölkerung nicht beliebter.
Apropos beliebt: Das unbeliebteste Wort jener Umfrage unter Österreichern war übrigens "Beamter".