Hallo, Taxi! (Athen) Zur Hölle Hellas!
Athen - Wenn man sich auf Auslandsreisen begibt, muss man damit rechnen, dass dort vieles anders ist als zu Hause. Oft genug packt man ja gerade deshalb seine Koffer.
Der Taxifahrer, der mich durch das staugeplagte morgendliche Athen lenkte, war mir hingegen in geradezu anheimelnder Weise vertraut.
Er hat mich schon einige Dutzend Male herumkutschiert, durch die Gässchen von Lissabon, über die breiten Berliner Alleen, entlang der großen Boulevards von Paris oder wo sonst nervenaufreibendes Gedränge die Menschen missmutig macht. Besonders die Taxifahrer. Mürrisch sitzt mein griechischer Chauffeur hinter seinem Lenkrad. Meine lästigen Fragen sowie das ungeduldige Hupen rings um ihn herum prallen an ihm ab. In Berlin hätte mir der Mann wenigstens ein ungehobeltes "Wat woll'n Se denn bloß?" entgegen geraunzt - der Athener hingegen schweigt beharrlich.
Lästige und unnötige Anstrengungen erspart man sich in Hellas, indem man sich ein bisschen begriffsstutzig gibt - besonders in Fremdsprachen wie Englisch. Eine halbe Stunde sitze ich jetzt schon in dem quietschgelben, im Übrigen schlecht lackierten Lada. Wirklich gefahren sind wir mit dem Vehikel noch keine zwei Kilometer. Je mehr meine Ungeduld nach vorwärts drängt, desto mehr Autos quellen in die Straße, schubsen, drängeln, nehmen uns die Luft. So scheint es zumindest. Es stinkt nach Abgasen, als wollte man mich durch die Lüftung vergiften.
Wenn man sich irgendwo nicht auskennt, soll man sich benehmen wie die Einheimischen, rät ein englisches Sprichwort. Ich rutsche also ein wenig zur Mitte der Rückbank, damit ich meinen Fahrer im Rückspiegel betrachten kann. Seine Augen und die Mundwinkel hängen schlaff nach unten, sie triefen wie ein nasses ausgeleiertes Spannbettlaken auf der Leine. Auch ich schiebe mein Kinn leicht vor, lasse meinen Unterkiefer ein wenig baumeln. Sogleich stellt sich bei mir stoische Gelassenheit ein. "Was soll's", denke ich vor mich hin, "so hast du noch 'was von Athen." An meinem Fenster ziehen die üblichen bunten Reklameschriftzüge vorbei.
Alte Bekannte wie Baukneckt und Bosch grüßen hämisch von den Werbetafeln herunter und rufen mir zu: "Offenbar bist du nicht der erste deutsche Besuch hier!" Sogar ein Obi-Baumarkt hat sich irgendwie zwischen die Athener Betonmeiler gemogelt, die allerorten die Straßen wie überdimensionierte amerikanische Sandwiches säumen. Gefrühstückt habe ich auch noch nicht. Erschreckt vom vehementen Knurren meines Magens verflüchtigt sich die zartbesaitete Ruhe, es macht sich wieder hartnäckige Ungeduld in mir breit. Der Flughafen ist auch nach einer Stunde im Taxi weit und breit nirgends in Sicht. Am Rückspiegel baumelt seelenruhig ein mit Glasperlen besetztes Kreuz.
Als ich den Schalter am Flughafen endlich erreiche, will man mich nicht mehr mitnehmen. "Sorry, we cannot take you", erklärt die für eine Griechin erstaunlich blonde Dame schlicht. Auf mein bohrendes - zugegeben an Schärfe und Lautstärke zunehmendes - Nachhaken reagiert sie nur noch mit Schulterzucken und einem erneuten "Sorry", das sich weitere Fragen verbietet. Die Maschine sei überbucht, der nächste Flieger gehe morgen, wirft sie mir im Gehen zu. Jeder Ausbruch meinerseits ist sinnlos - die Damen am Schalter, des Englischen plötzlich nicht mehr mächtig, verschanzen sich hinter der mir inzwischen vertrauten Sprachbarriere.
Amnesie heißt das schöne griechische Wort. "Zur Hölle Hellas" und noch ganz andere Verfluchungen murmelnd, trolle ich mich mit unverhohlenem Unmut und meinem Koffer in Richtung Taxistand.
Mein Fahrer, der mich sofort als Touristin erkennt, hievt lächelnd mein Gepäck in seinen Wagen und fährt gut gelaunt etliche Schlenker und kleine Umwege. Ich habe resigniert, bestehe erst gar nicht auf den direkten Weg, der Mann spricht sowieso kein Englisch. "Was soll's", denke ich vor mich hin, "so hast du noch 'was von Athen." "Is this your first time in Athens?", dreht sich der Grieche nach einer Weile freudestrahlend zu mir um.
"Nein", antworte ich und bin darüber ehrlich erfreut.