Hallo Taxi Durch die Baugrube nach Jerusalem
Mir kriecht der Gestank von vergammeltem Obst in die Nase. Das Parkhaus im Herzen Ramallahs ist sicher kein Tempel zarter Düfte aus Tausendundeine Nacht. Im dunklen Treppenhaus der Großgarage bahnen wir uns durch Kohlblätter und herumliegende Zeitungsschnipsel unseren Weg. Auf dem ersten Parkdeck erwarten uns schäbige Stretchlimousinen, japanische Kleinbusse und ihre Fahrer in der Mittagshitze, die auf Fahrgäste und ein paar Schekel hoffen. Gleich mehrere Chauffeure würden uns gerne fahren.
Doch als wir Jerusalem als Fahrtziel nennen, knallen zwei die Türen wieder zu. Die Heilige Stadt ist zwar Luftlinie nur eine gute halbe Stunde entfernt. Doch für Ramallahs Fahrer ist unser Ziel fast unerreichbar. Mindestens zwei israelische Militärcheckpoints liegen auf dem Weg. Und der Letzte bedeutet für Palästinenser aus der Westbank das Ende der Welt. Einen der Araber interessieren die Checkpoints scheinbar nicht. Vielleicht versteht er ja auch unsere Einwände auf Englisch nicht. Mit seinem palästinensischen Kennzeichen könne er doch gar nicht nach Jerusalem fahren, versuche ich ihm klar zu machen. Aber irgendwie müssen wir nach Ost-Jerusalem, und der Preis, den der etwa 30-jährige Stoppelbart uns vorschlägt, klingt verlockend. Also steigen wir in seinen Kleinbus Marke Mercedes-Benz: ein ungutes Gefühl inklusive.
Der Himmel des Wagens ist mit einer knallbunten Übergardine bespannt. Es riecht wie auf einem Friedhof für Duftbäume. Vom Gestikulieren und Schachern sind nicht nur wir überdreht. Auch unser Fahrer wirkt leicht aufgekratzt, startet den Motor und faselt etwas von "Disco?!" Ein stämmiger Mittzwanziger springt auf den Beifahrersitz, drückt auf eine graue Kunststoffplatte am Armaturenbrett, und ein Radio kommt wie von Geisterhand elektronisch zum Vorschein. "Disco!", krächzt auch der Beifahrer mit heiserer Stimme, und dann werden wir schon von bestem Kirmestechno eingehüllt. Der Wagen rast die Rampe der Garage hinab, und die Bässe plärren blechern direkt ins Gehirn.
Orientalisches Tempolimit
Draußen ist es unerträglich heiß. Doch Anfang Juni schalten die Fahrer selten ihre Klimaanlagen an. Warum auch bei nur knapp 35 Grad Celsius im Wageninneren schon die scharfen Geschütze auffahren? Wir biegen auf die Verbindungsstraße Richtung Jerusalem, vorbei an dösenden palästinensischen Polizisten. Ich reiche dem Fahrer einen 100-Schekel-Schein. Er steckt ihn unter ein Stoffdeckchen und summt zum Discorhythmus. Was ist mit dem Wechselgeld? Besser nicht fragen.
Die Straße ist staubig und in einem miserablen Zustand. Alle paar Meter bremst der Kleinbus und hüpft über Betonhuckel, die sich quer über die Bundesstraße ziehen: orientalisches Tempolimit. Hinter einer Kreuzung steuert unser Fahrer unvermittelt an den Straßenrand und stoppt an einem Stand mit Wassermelonen. Ein junger Araber läuft auf den Wagen zu und reicht dem Fahrer eine Hand voll Münzen durch das Seitenfenster. Einige davon gibt mir der Chauffeur beim Anfahren mit einem Grinsen nach hinten durch. Das mit dem Wechselgeld ist also schon mal geklärt. Zehn Straßenhuckel später kommt der israelische Checkpoint in Sicht. Auf unser Bitten wechselt der Beifahrer die Kassette, und mit arabischem Popgejodel biegen wir in eine zerklüfteten Seitenweg. Jetzt wird der Plan klarer: Wir umschiffen das Hindernis Checkpoint. Und dabei sind wir nicht die Einzigen. Als wir gerade über die Buckelpiste einer Baustelle hüpfen, entdecke ich im Rückspiegel noch ein Taxi, das durch den Staub schleicht.
Der schlecht rasierte Beifahrer dreht sich wieder zu uns um. Das erste für uns verständliche Wort nach "Disco" ist jetzt "Rallye". Hätte er eigentlich nicht sagen müssen. Der Benz neigt seine Schnauze 30 Grad Richtung Hölle. Wir durchqueren eine Baugrube. Meine Begleiter und ich grinsen uns zwar breit an. Unsere Angst können wir trotzdem nicht verbergen. Kippt der Kahn? Nichts da. Wir halten uns, und auch der riesige Tiger, der quer vor der Frontscheibe liegt, wackelt nur dröge mit dem Kopf. Der Beifahrer beginnt, eine arabischen Popschnulze mitzusingen.
Viele Leute hatten mich vor einer Reise nach Palästina gewarnt: eigentlich wegen der israelischen Bombenangriffe und gewalttätigen Zusammenstöße. Warum sollte ich dann in einer Baugrube sterben? 200 Meter Rallye später und 30 Grad mit der Schnauze gen Himmel ist alles überstanden. Die Straßen werden von Minute zu Minute besser. Schmucke jüdische Siedlungen links und rechts der Straße. Wir danken Gott und ganz besonders unserem Fahrer. Der singt noch immer und zeigt auf seinen Ehering: "Four Madame. I'm an Arab!" Alles klar. Vor dem Hotel läuft wieder Kirmestechno. Doch das stört mich nicht mehr. Ich bedanke mich auf Arabisch mit "Schukran" und drücke beiden Arabern fest die Hand.