Hamburg Dungeon: Leiche mit Salatteller - DER SPIEGEL
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Hamburg Dungeon Leiche mit Salatteller

Monster für ein paar Stunden: Im Gruselkabinett "Hamburg Dungeon" ließ sich Christian Daumann in die Geheimnisse des Horrors einweihen. Zur blutverschmierten Leiche aufgebrezelt, durfte er auch selbst Besucher erschrecken - nicht immer mit Erfolg.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Schminkzimmer verpassen sich zwei Männer ein blaues Auge, einem Dritten fehlen bereits ein paar Zähne. Auf einer Kunststofftafel an der Wand steht: "Pest: Beulen fertig machen" und "Schwanz Ratte ist ab". Alltag im "Hamburg Dungeon".

Michael Straubinger begrüßt mich mit festem Handschlag, bleichem Gesicht und blutunterlaufenen Augen. Er ist nicht etwa übermüdet, sondern gut geschminkt. Seit knapp fünf Jahren arbeitet der ausgebildete Tänzer als Schauspieler im Dungeon. Straubinger ist groß und schlank, er trägt bereits sein Kostüm. Ohne das Make-up im Gesicht hätte er sich so wohl unauffällig durch das Hamburg des 19. Jahrhunderts bewegen können. Der 41-Jährige, der parallel auch am Imperial Theater auf der Reeperbahn zu sehen ist, wird mir heute seinen Arbeitsplatz zeigen.

Straubinger, den hier alle nur Straubi nennen, reicht mir eine schwarze Kutte und bereitet mein Gesicht für das Dungeon vor: Narbe auf die Stirn, blutige Nase, Zauselperücke und faulige Zähne verwandeln mich in eine gut gelaunte Leiche. "Der Zahnlack ist richtig fies. Da bekommen die Leute schon Angst, wenn du neben ihnen stehst", sagt Straubinger.

Entstanden nach dem britischen Vorbild "London Dungeon", bietet das Hamburger Gruselkabinett in der Speicherstadt seit seiner Eröffnung im Jahr 2000 eine Mischung aus historischen Fakten, interaktivem Schauspiel und Fahrgeschäften. Mehr als 1000 Besucher lassen sich an einem stark frequentierten Tag von professionellen Schauspielern durch die dunklen Kapitel von Hamburgs Stadtgeschichte führen.

Ein Repertoire von Pest bis Pirat

Für Straubinger und die anderen Mitarbeiter ist Grusel-Entertainment harte Arbeit. Jeder Handgriff an den Schaltern muss sitzen, jede Lichtschranke funktionieren, wenn eine Besuchergruppe von einem Bereich zum nächsten wechselt - bei Hochbetrieb alle zehn Minuten. Für die einzelnen Stationen ist jeweils eine Basisdramaturgie festgelegt, alles andere wird frei von den Darstellern improvisiert. So liefert jeder Schauspieler seine eigene Interpretation und geht anders auf die Besucher ein.

Jeder Darsteller muss dabei sämtliche Positionen von Pest bis Pirat beherrschen. Die professionellen Kerkermeister sind nicht nur für ihre Kostümierung und Maske selbst verantwortlich, sondern müssen auch Menschenkenntnis beweisen, um sich auf das ständig wechselnde Publikum einzustellen. Auch Geduld und Fingerspitzengefühl sind erforderlich, wenn sich Zuschauer etwa nicht auf die Vorstellung einlassen wollen, bewusst stören oder gar im Angstreflex handgreiflich werden. Besondere Ausdauer benötigen die Kostümierten im Sommer. Dann kann die Arbeit im Dungeon unter Kostüm und Schminke ziemlich schweißtreibend werden. "Das ist gut zum Abnehmen", witzelt Straubinger.

Gewandt und sicher bewegt sich mein Lehrmeister durch die dunklen Gänge, greift blind nach Schaltern und Türen, ich stolpere unsicher hinterher. "Das Tolle am Dungeon ist die Mischung aus Schauspiel, Geschichte und Interaktion. Du lernst hier viel über Menschen, da du mit ihren Ängsten spielst." Übertreiben dürfe er es jedoch nicht. "Man muss jede Besuchergruppe genau einschätzen."

Im Gang riecht es modrig, vor uns auf dem Tisch liegt die Attrappe eines Pestkranken mit geöffneter Bauchdecke. Straubinger holt fast beiläufig die Organe hervor, während er schwärmt, dass er sich beim Schauspielen fühle wie ein kleiner Junge: "Ich möchte hinaus und einfach nur spielen."

"Ich werde jetzt gleich ein bisschen gaga"

Die erste Besuchergruppe nähert sich. Straubinger sagt, wo ich mich hinstellen soll. "Nicht wundern, ich werde jetzt gleich ein bisschen gaga", sagt er mit einem Grinsen. Und schon ist er nicht mehr Straubi, sondern Hermann, der Brandstifter. "Feueeeeeer", schreit er und stürmt auf die Tür des Raums zu, in dem die Besucher warten. Hermann rudert mit den Armen, taumelt knapp am Publikum vorbei und erzählt seine Geschichte vom Großen Brand von Hamburg.

Knapp vier Tage wütete im Mai 1842 ein gigantisches Feuer vor allem in der Altstadt, die dabei zum Großteil zerstört wurde. Über 50 Menschen verloren in den Flammen ihr Leben, mehr als doppelt so viele wurden verletzt und rund 20.000 Hamburger obdachlos. Bis heute sind die Ursachen des Brandes ungeklärt. Doch im Dungeon erklärt sich Hermann zum Feuerteufel. "Ich war es, der das Feuer gelegt hat", ruft er von einer Mauer herunter und kichert vergnügt. Einige Besucher lachen gekünstelt, doch andere lassen sich sichtbar von der Darbietung gefangen nehmen.

"Viele denken, Hermann ist lustig. Aber Hermann ist todernst, er meint was er sagt. Wer das versteht, lacht nicht", sagt Straubinger. Wie über einen alten Bekannten spricht er über seine Kunstfigur. Im nächsten Raum, der "Kammer der Qualen", ist Hermann kein Brandstifter mehr, sondern ein wahnwitziger Folterknecht. Frauen sperrt er in den Käfig, auf Stühle gefesselten Männern droht er mit Kastration.

Angstschrei als Belohnung

Jetzt spiele auch ich erstmals die Macht meiner Maske aus. Bewegungslos stehe ich in der Ecke. "Ist der echt?", wispert ein Besucher unsicher. Eine ruckartige Kopfdrehung lässt ihn zusammenzucken. Ich fletsche die Zähne, verdrehe die Augen, schlurfe auf Besucher zu. Eine Frau flüchtet vor mir - ihr Schrei ist meine Belohnung. Als ich später in voller Kostümierung das Gebäude verlasse, um mir mein Mittagessen abzuholen, lachen einige Leute auf der Straße über die Leiche, die einen Salatteller trägt.

Am "Fahrstuhl des Grauens", der den Eingang zum Dungeon bildet, spielt Straubinger den neugierigen Hermann. Hier kann er die Besucher kennen lernen, zumindest ein bisschen. Er spricht mit den Menschen, stimmt sie ein, treibt seinen Schabernack mit ihnen. Gleichzeitig achtet er darauf, keinem zu viel zuzumuten. Eine verängstigte Schülerin nimmt er unauffällig und fürsorglich zur Seite, macht ihr klar: Alles okay, alles nur gespielt.

Ich verabschiede mich von Straubinger und schminke mich ab. Vorbei an dem pockennarbigen Pirat, der mit blutigen Fingern eine SMS in sein Mobiltelefon tippt, vorbei an den Gespenstern bei ihrer Raucherpause im Treppenhaus, trete ich zurück in den grauen Hamburger Nachmittag. Nach einem halben Tag als Grenzgänger zwischen Angst und Spaß. Schön war das. Auf beiden Seiten der Maske.