Hampton Court Wütendes Gebell im Irrgarten
Über 300 Jahre lange arbeiteten sich Könige mit ihren Mätressen und Untertanen durch den Heckenirrgarten von Hampton Court Palace unweit von London. Heute steht das grüne Vergnügen allen Besuchern der berühmten Palastanlage offen.
Für die passende Geräuschkulisse im Irrgarten sorgen seit kurzem nicht nur das aufgeregte Johlen von Kindern, die sich zwischen den dichten Eibenbüschen verlaufen, sondern auch Geräuscheffekte, die Londoner Tonkünstler speziell für diese Anlage zusammenstellten.
Aus Lautsprechern erschallen Musikfragmente, das Rascheln langer Seidenröcke oder Gesprächsfetzen. Teile eines Dialogs von Jerome K. Jeromes ertönen, aus dem Buch "Drei Männer in einem Boot" - die ebenfalls in einem Irrgarten verloren gehen. In dunklen Ecken hört man wütendes Bellen, sobald jemand in ihnen verweilt. Und Bänke im Zentrum des Irrgartens sind mit Drucksensoren ausgestattet: Sie geben sanfte Geräusche von sich, sobald Besucher auf ihnen Platz nehmen.
"Wir haben versucht, mit dem Vergnügen des Verlorengehens zu spielen", erklärt Adriana Paice vom Tonstudio Greyworld im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Es ging uns weniger um das Suchen des Auswegs, sondern mehr um das Treiben im Irrgarten, das Mystische." Dafür komponierten die Künstler die Installation "Trace" aus Tönen von mechanischen Instrumenten und ergänzten sie mit Tier- und Menschenstimmen.
Die Lust am Verlorengehen
Für Dialoge wurden die Stimmen jener Mitarbeiter des Palastes aufgenommen, die gewöhnlich in historischen Kostümen durch die Gärten und Gänge von Hampton Court ziehen. Da die Töne teilweise vom Besucher selbst ausgelöst werden und mehr als 1000 Effekte zur Verfügung stehen, wird jeder Gang durch den Irrgarten einzigartig.
Der weltberühmte, trapezförmige Irrgarten von Hampton Court Palace ist der einzige noch bestehende Teil eines ausgedehnten Netzes von Pfaden und Irrwegen, die zusammen den "Wildnisgarten" von William III. bildeten. Ursprünglich wurde der Irrgarten um 1700 mit Hainbuchen aus den Niederlanden angelegt, als Ort der Zerstreuung für den Hofstaat. Nach 1960 ersetzte man die Pflanzen jedoch komplett durch Eiben.
Als Teil umfangreicher Erneuerungen und historischer Rekonstruktionen in den Gartenanlagen von Hampton Court Palace pflanzt man nun wieder Hainbuchen im Irrgarten. Die derzeit laufende Versuchspflanzung soll zeigen, ob Hainbuchen für die heute viel intensivere Nutzung des Irrgartens geeignet sind. Schon bald könnte der Irrgarten in seiner Struktur wieder gänzlich in den ursprünglichen Zustand zurückgeführt werden - allerdings modern beschallt.
Von Benedikt Mandl