Helsinki Stadt für den zweiten Blick
Helsinki - Es ist wieder mal eine Formation ausländischer Gäste eingetroffen, Informationsbesuch, wie immer, und Jussi hat wieder diese Kreditkarte dabei, die er im Auftrag der Stadt nachgerade beliebig zücken kann.
Willkommen in Helsinki. Falls es noch niemand bemerkt hat: "Wir sind seit Jahresbeginn europäische Kulturhauptstadt." Hotel Klaus Kurki im Stadtzentrum, man hat sich spätestens in der Lobby vorgestellt: Sergej aus Moskau, er kennt Helsinki nur aus den Erzählungen eines neureichen Schwippschwagers aus dem benachbarten St. Petersburg, der sich hier wohl Anfang der neunziger Jahre einen halben Straßenzug aus Altbauten unter den Nagel gerissen hat.
Istvan aus Budapest, dem zeitlebens unterstellt wird, dass er Finnisch verstehen müsste. Michael aus Deutschland, er ist als Reisefachmann irgendwann mit dem Faltboot quer durch Finnland unterwegs gewesen und braucht jetzt noch mal einen zweiten Eindruck. Dann der Stockholmer Korrespondent, für den als einzigen der Runde Helsinki nicht Helsinki sondern Helsingfors heißt.
Das Klima zwischen dem Schweden und Jussi ist vom ersten Augenblick speziell, wie allseits registriert wird. Einerseits scheint der Finne um jeden noch so banalen Wortwechsel auf Schwedisch froh, denn auch im zur Hälfte schwedischsprachigen Helsinki sei Finnland-Schwedisch eben Finnland-Schwedisch und "kein echtes Schwedisch".
Andererseits wechselt der Gastgeber immer wieder schnell das Thema, sobald der Gast aus dem nordischen Bruderland beispielsweise auf die Ursprünge der Hauptstadt zu sprechen kommt. Denn die gehen auf Gustav Wasa im Jahre 1550 zurück, und der war nicht nur ziemlich schwedisch, sondern hielt die finno-ugrische Sprachengruppe im Allgemeinen und den finnischen Zungenschlag im Besonderen bestenfalls für nervtötendes Geschnatter.
Irgendwann bei nordkarelischen Piroggen die allgemeine Feststellung: Alle Straßen der finnischen Hauptstadt sind zweisprachig beschildert. Helsinki aber als Miniaturausgabe von Stockholm zu sehen, wie Istvan es als Frage stellt, das verbietet sich schon aus Gründen der Pietät gegenüber dem Gastgeber. Natürlich. Ausserdem: Jenseits der Ostsee wird man einen vergleichbaren Dom wie das rustikale Wahrzeichen am Senatsplatz vergeblich suchen.
"Überhaupt das neoklassizistische Empire-Zentrum in der Nähe des Hafens", gibt Jussi zu bedenken, "wo gibt es so etwas wie unsere Uspenski-Kathedrale? Die kommt doch sehr russisch."
Verständnisvolles Nicken und der Schwede pflichtet bei. Aber: Kein ausgiebiger Schärengarten hier wie zu Hause. Statt dessen ein paar Felsen vor der Hafeneinfahrt, die langweilig aus der Ostsee ragen.
Dass man immerhin vom Marktplatz am Hafen bei klarem Wetter über den Ostseearm hinüber nach Tallinn sehen kann, empfinden einige, die offenbar Stockholm noch nicht gesehen haben, als versöhnlichen Vorzug. Dagegen hat der Stockholmer auch gar nichts einzuwenden. Die andere Hauptstadt brauche halt kein Ausland als Aussicht.
450 Jahre Helsinki. Und trotzdem kennt kaum jemand die Stadt. Leider. KSZE-Schlussakte, Pelzmützen-Diplomatie, Kekkonen-Neutralität. Leichtathletik-Europameisterschaften. Finlandia-Halle.
Dabei ist die finnische Metropole durchaus eine Reise wert, wie auch der Ungar Istvan irgendwann befindet. In der Markthalle am Hafen hat er versucht, sprachliche Gemeinsamkeiten zwischen seiner Muttersprache und dem Hauptstadt-Finnisch zu ergründen. Offenbar ist aber die Kommunikation ohne Wörterbuch nicht ohne Risiko. Am Fischstand hat er nach Kaviar gefragt und wurde zum koscheren Fleischer verwiesen. Oder so ähnlich.
Dabei wird alles Erdenkliche getan, um Verständigungsproblemen abzuhelfen. Zum Beispiel in der Nationaloper. Erster Akt von Benjamin Brittans "Peter Grimes". Alles untertitelt mit roter Leuchtschrift - leider nur auf Finnisch.
In Reihe sieben hat jemand schon eine Idee für die erste Pause: "Ja, mit viel Peperoni, aber bitte kein Thunfisch. Und pünktlich liefern, ich stehe dann im Foyer, kiitos." Ein anderer in Reihe vier: "Es ist zu laut, hier singen halt welche. Also bis später."
"Everything is mobile here", sagt Sergej. Er hat's mit eigenen Augen gesehen: wie ein Teenager vor dem Automaten sein "Kännykka" zückt und die Tasten drückt, worauf der Schrank einen Sandwich fallen lässt.
Michael hat Kaurismäki-Typen an jedem Tresen erwartet, als er nächtlings in der Kneipe stand. Selbst im "Traktor-Restaurant Zetor": Vergebens: "Fröhliche Stimmung", sagt er und findet das offenbar enttäuschend.
Istvan hält immer noch seinen Vergleich der beiden Hauptstädte aufrecht, was zu heftigen Widersprüchen führt. Im Traditionsrestaurant Kappeli an der Esplanade ist für Jussi und seine Gäste ein Tisch reserviert worden. Wie immer stilvoll und mit vernünftigen Gläsern. Man empfiehlt Rentier. Bär kennt auch nicht jeder. Oder Elch.
Helsinki als Stadt für den zweiten Blick? Die Sibelius-Akademie, das Olympia-Stadium, der prachtvolle Hauptbahnhof mit den heruntergekommen Zügen, die allmorgendlich aus Moskau und St. Petersburg eintreffen. Der Glaspalast mit seinem Film- und Mediazentrum, Finnish Design Center und die berühmte Temppeliaukio-Kirche mit ihrem Kupferdrahtdach - Helsinki ist halt nicht Paris.
Jeden Abend fahren die Fährschiffe nach Stockholm. Weiß der Stockholmer. Während zeitgleich in Stockholm losgemacht wird mit Kurs auf Helsinki. Weiß Jussi. Demnächst wird von dort wieder eine Formation ausländischer Gäste eintreffen, Informationsbesuch, wie immer, und Jussi hat dann wieder diese Kreditkarte dabei.