Hohe Tatra: Im St. Moritz des Ostens - DER SPIEGEL
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Hohe Tatra Im St. Moritz des Ostens

Zakopane ist die Winterhauptstadt Polens. Hier macht Urlaub, wer Rang und Namen und das nötige Kleingeld hat. Auch der Skispringer Adam Malysz fliegt auf das Urlaubsgebiet.
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Zwei Stunden schon stehen die Wartenden an der Talstation der Seilbahn auf den Kasprowy Wierch. Geduldig harren sie im Schneematsch aus, die klirrende Kälte lässt sie Schals und Wollmützen immer tiefer ins Gesicht ziehen: Mit seinen 1987 Metern ist der Kasprowy Wierch der Hauptanziehungspunkt der polnischen Winterhauptstadt Zakopane. Frei schwebt der Blick oben über eine scheinbar endlose Kette von eingeschneiten Gipfeln, die sich wie Zuckerhüte nach Süden ziehen - die Hohe Tatra, das vergessene Hochgebirge Mitteleuropas.

Dabei ist der Kasprowy noch klein im Vergleich mit anderen Gipfeln wie dem Rysy mit seinen 2499 Metern oder den Erhebungen auf der slowakischen Seite, die im Winter kaum zugänglich sind: Fast drei Kilometer über den Meeresspiegel erheben sich dort die Gipfel der Hohen Tatra, dem nördlichsten Ausläufer des Karpatenbogens. Nur 210 Touristen fährt die älteste Seilbahn Polens stündlich auf den Kasprowy. Denn der Berg gehört nicht den Touristen, der Berg gehört der Nationalparkverwaltung. Die wacht aufmerksam über sein Ökosystem und wehrt sich seit Jahren gegen die Forderungen aus Zakopane, die alte Seilbahn durch eine neue, moderne Anlage zu ersetzen und den Gipfel mit Skiliften zu überziehen.

Und so wartet man weiter auf die Fahrt nach oben - eine halbe Stunde, zwei Stunden, an schönen Tagen auch schon mal fünf Stunden. Oder man kauft sich in der Stadt eine reservierte Fahrkarte für den doppelten Preis von 30 Mark. Zurück in die Stadt fährt ein Pferdeschlitten je nach Verhandlungsgeschick für noch einmal 30 bis 40 Mark - oder für ein paar Groschen der Bus.

Zakopane, das ist so etwas wie das St. Moritz Polens. Hier macht Urlaub, wer Rang und Namen und das nötige Kleingeld oder entsprechend lange gespart hat. Doch Zakopane ist mehr: Zakopane ist die Winterhauptstadt Polens, ein nationales Symbol. Hier ließen sich im 19. Jahrhundert Polens Intellektuelle nieder. Zu einer Zeit, als die polnische Nation auf den Landkarten nicht existierte, sammelten sich hier Künstler, Komponisten und Schriftsteller, um an einer Kultur zu arbeiten, die das zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland geteilte Volk vereinen sollte.

30.000 Einwohner zählt Zakopane heute, das vor 150 Jahren nicht mehr als ein kleines Goralendörfchen war. Die Goralen, ein einfaches Bergvölkchen, das sich bis heute in den umliegenden Dörfern seine eigene Kultur und Sprache erhalten hat, haben Zakopane geprägt: Auf der Ulica Krupówki (sprich: Ulitsa Krupuwki), einer der bekanntesten Straßen in ganz Polen, stehen sie in ihren kleinen Holzhütten und verkaufen Schafsfelle, geräucherten Schafskäse und Kunsthandwerk.

Für 20 Mark wechselt ein handgeschnitztes Schachspiel den Besitzer. Rund drei Mark kostet ein Paar handgestrickter Wollsocken, das auch bei Temperaturen von zehn Grad Celsius unter dem Gefrierpunkt noch warm hält. Gleich nebenan in den Schaufenstern der Boutiquen und Sportläden stehen teure italienische Lederstiefel und die Snowboards westlicher Hersteller.

Für den Wintersportler ist Zakopane in jeder Disziplin gerüstet: Lange Loipen laden zum Langlauf ein. Das Eisstadion bietet beste Bedingungen zum Eislaufen und über die Tische der beiden Sprungschanzen setzen Martin Schmitt und Adam Malysz alljährlich zum Flug an. Schon heute sind in und um Zakopane rund 50 Skilifte in Betrieb, und es vergeht kein Winter ohne die Eröffnung neuer Anlagen. Die Stadtväter haben ein ehrgeiziges Ziel: Im Jahr 2010 will Zakopane die Welt zu den Olympischen Winterspielen einladen. Doch der Weg dazu ist weit. Noch ist die Nationalparkverwaltung zu unerbittlich und die Infrastruktur zu unterentwickelt. Schon jetzt, im normalen Ferienbetrieb, schleppt sich der Verkehr nach stärkeren Schneefällen nur im Schritttempo über die einfache Landstraße, die Zakopane mit dem rund einhundert Kilometer entfernten Krakau verbindet.

Doch wer den mühsamen Weg hinter sich gebracht hat, wird mit ungewöhnlichen Sehenswürdigkeiten belohnt - überall finden sich zum Beispiel die im so genannten Zakopane-Stil erbauten Häuser. Steile Giebeldächer thronen auf den mächtigen Holzhäusern und aufeinander. In der Villa Koliba, dem ersten im Zakopane-Stil konstruierten Haus, würdigt ein Museum die charakteristische Architektur der Goralen.

Und dann ist da immer wieder die Tatra, die schon hinter den Häusern auf der Ulica Krupówki aufragt wie das Gebiss eines Wolfs. Die die Menschen im Sommer wie im Winter auf ihre Gipfel lockt und an ihre Gebirgsseen wie den Morskie Oko, das "Auge des Sees": Auf einer Höhe von 1395 Metern liegt er in einem großen Kessel, umgeben von den höchsten Felswänden der polnischen Tatra, die - im Sommer pechschwarz, im Winter schneeweiß - bis zu einem Kilometer über den See hinausragen. Im Winter wird der Eispanzer über dem See so dick, dass er wohl von Autos befahren werden könnte - würden über den eineinhalb Meter Eis nicht noch einmal zweieinhalb Meter Schnee liegen. Im Sommer dagegen entdeckt das Auge des aufmerksamen Beobachters noch in 14 Metern Tiefe Fische in dem klaren, grünen Wasser des Sees - und sieht noch immer keinen Grund.

Anders als in den übrigen Seen der Tatra können in der Tiefe des Morskie Oko sogar Fische den frostigen Winter überleben - was die Phantasie der Goralen erblühen ließ: Einer alten Sage nach ist der See durch unterirdische Gewässer mit dem Mittelmeer verbunden. Wracks von Schiffen, die in der Adria gesunken sind, sollen im Morskie Oko wieder aufgetaucht sein. Polnische Geografen entzauberten nach Untersuchungen in den neunziger Jahren jedoch die alten Mythen: Der See sei exakt 50 Meter und 80 Zentimeter tief und von einer Verbindung zur Adria gebe es keine Spur.

Sören Bauer, gms



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