Hongkong Bunt, quirlig, kitschig
"Das Tempo dieser Stadt fasziniert mich", sagt Matthias Roeke. Der gebürtige Hildesheimer hat gut reden. Als Manager des renommierten Hotels "Kowloon Shangri-La" muss er sich täglich dem Takt der geschäftigen 6,8-Millionen-Metropole anpassen. In seiner Freizeit kann er die weniger bekannten subtropischen Strände, Naturparks und einsamen Wanderwege genießen. Doch was macht ein Tourist in der Hafenstadt am südchinesischen Meer?
Ein einziger großer Supermarkt
Für die einen ist Hongkong nur ein einziger großer Supermarkt. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Weder die Halbinsel Kowloon noch Stanlay, die südlichste Ortschaft auf Hongkong Island, wo sich Badeurlaub mit Einkaufsbummel verbinden lässt, sollte man mit schmaler Brieftasche besuchen. Die anderen lockt der Kontrast von Gourmettempeln und Garküchen. Als kulinarische Hauptstadt Asiens apostrophiert, hält Hongkong angeblich die weltweite Spitzenposition im Fastfoodverzehr.
In Hongkong prallen Tradition und Moderne aufeinander. Hier mischen sich 5000 Jahre chinesischer Geschichte mit dem Charme des britischen Kolonialerbes und Superlativen der Neuzeit.
Die meisten Touristen sind nur auf Durchreise
Der durchschnittliche Hongkong-Besucher bleibt nicht länger als drei Tage. In der Regel sind es Geschäftsreisende und Transiturlauber. Doch zieht die Hafenstadt viele in ihren Bann. 2004 soll laut Prognosen der Tourismusexperten die 20-Millionen-Marke überschritten werden. Es wird ein Zuwachs von 31,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr erwartet. Die Bilanzen der ersten Monate sind viel versprechend.
"Die einzige Möglichkeit, in kurzer Zeit einen Überblick über die Metropole 'unter dem Wendekreis des Krebses' zu bekommen, ist eine Fahrt auf den Peak", empfiehlt Hotelmanager Roeke. Seit 1885 schnauft die steile Bergschienenbahn von der Garden Road auf den Victoria-Peak, wie die Region um die 552 Meter hohe Erhebung heißt. Wenn nicht gerade dicke Nebelschwaden wabern, wird der Gipfelstürmer mit einem Prachtpanorama der Stadt belohnt.
Hongkong habe die berühmteste Silhouette der Welt, behauptet der Mittdreißiger. Immer neue Superlative entstehen. War 1999 noch das "Center" mit der abends wechselnd farbigen Spitze, die eine Uhr darstellt, höchstes Gebäude, ist es jetzt das 400 Meter hohe Internationale Finanzcenter mit 88 Stockwerken. Das höchste Hotel misst 228 Meter. Auch sonst sprengt das "Island Shangri-La" alle Dimensionen. Das über 17 Etagen verlaufende Atrium wird vom größten chinesischen Landschaftsgemälde (51 mal 14 Meter) der Welt geschmückt.
Schwimmende Riesenrestaurants
Viele geben sich mit der atemberaubenden Aussicht auf die Skyline Hongkongs vom 1997 eröffneten futuristischen Peak-Tower mit seinen Restaurants, Shops und Terrassen zufrieden. Doch erst ein Spaziergang durch den einst den Kolonialherren vorbehaltenen Victoria Peak-Garden macht daraus ein wirkliches Erlebnis. Die chinesische Seele ist eher im Hafen von Aberdeen zu entdecken, neben dem Peak das zweite Wahrzeichen Hongkongs. Noch heute leben in der "Dschunkenstadt" rund 5000 Familien auf Wohnbooten und arbeiten ausschließlich auf dem Wasser. Wer nicht gleich eine Rundfahrt in den kleinen chinesischen Sampan-Booten machen will, sollte sich wenigstens von einer der Schifferinnen zum kitschig schönen, goldverzierten, schwimmenden Riesenrestaurant übersetzen lassen.
China rüttelt nicht an der westlichen Prägung Hongkongs, das als britische Kronkolonie zum drittgrößten Finanzzentrum der Erde mutierte. Der Linksverkehr blieb. Neben dem kantonesischen Dialekt wird weiter Englisch gesprochen, und der Hongkong-Dollar ist immer noch ein bisschen härter als die Währung im Mutterland. Nur die Kolonialflagge wurde abgelöst. Roeke zeigt auf die Bauhinia, eine Orchideenart. "Das ist die Nationalblume. Sie weht jetzt auch als Flaggenmotiv gleichberechtigt neben der chinesischen über Hongkong."
von Cornelia Höhling, ddp