Hongkonger Fischer Leben auf der "64511"
Frau Wong erscheint zur Arbeit. Im Schlafanzug. Um 3.15 Uhr. Die Nacht ist pechschwarz, keine Sterne, kein Mond zu sehen. Nur eine gelegentlich flackernde Neonröhre bringt etwas Licht in die Sache. Das macht nichts, jeder Handgriff sitzt noch im Halbschlaf. Frau Wong hat lange geübt, mehr als 30 Jahre an Bord, sieben Tage in der Woche, noch nie Urlaub gemacht. Sie ist Fischerin. Mit ihrem Mann Tak Kan Leung, dem Kapitän, den drei Söhnen und zwei Arbeitern lebt sie an Bord des eigenen Fischereischiffs. Es heißt "64511". Wie man am Namen unschwer erkennen kann, spielt Seemannsromantik in dieser Geschichte nicht einmal eine Nebenrolle.
An der Pier von Aberdeen sind wir verabredet. Vor 20 Jahren war der Hafen noch voller Dschunken. Kaum ein Hongkong-Klischee ist stärker als das von den traditionellen Hausbooten, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Aberdeen ist eine gesichtlose Hochhaus-Suburb wie viele andere in der Stadt. Bis ans Wasser reichen die Häuser, in deren Schatten die moderne Fischereiflotte wie Spielzeug wirkt. Mittendrin der Anleger des berühmten schwimmenden "Jumbo"-Restaurants. Das ist in Filmen, Büchern und auf 1.000 Postkarten verewigt. Auch nur noch eine Mogelpackung. Längst ist das Restaurant kein Schiff mehr, sondern eine künstliche Insel auf Stelzen.
Räucherstäbchen am Hausaltar für guten Fang
Halb drei, Zeit zum Auslaufen. Kam Wing Leung, der älteste Sohn, kommt mit einem Zubringerboot. Die "64511" ist ein stattliches Schiff, gut 20 Meter lang. Im vorderen Teil liegt der Wohnbereich der Familie, es folgt eine offene Küche und das typische chinesische Klo: ein Loch im Boden. Zum Glück herrscht heute eher ruhige See. Neben der Waschmaschine steht ein Kühlschrank, mit Stricken verschnürt wie ein Paket, damit alles bleibt, wo es ist.
Die beiden Arbeiter teilen sich zum Schlafen eine winzige Kammer ohne Matratze, zum Umdrehen zu eng und kaum lang genug, um die Beine auszustrecken. Daneben liegt der Schiffsaltar. Glimmende Räucherstäbchen und frisches Obst bitten um guten Fang und glückliche Heimkehr. Über eine steile Treppe gelangt man ins Steuerhaus. Neben einer Blumenvase horcht das Radar in die Nacht. Auf dem grünen Schirm sieht man: Wir sind nicht allein auf dem Meer. Viele Schiffe hoffen auf einen guten Fang.
Nach einer Dreiviertelstunde das erste Kommando von der Brücke. Innerhalb einer Minute taumelt man aus den Kojen, steht frau im Schlafanzug an Deck. Die Grundnetze mit den zentnerschweren Bleigewichten werden ausgebracht, blitzartig schießen die eben noch sorgsam aufgerollten Fangleinen über Bord, nur keinen Arm oder keinen Fuß dazwischen bekommen, das wäre ein vermutlich tödlicher Fehler. Nach fünf Minuten ist der Spuk vorbei. Frau Wong, eine kleine, etwas rundliche Frau schlurft wieder in ihr Bett.
Überall stehen Gummistiefel und schweres Ölzeug wie leere Kokons herum, aus denen die Fischer gerade geschlüpft sind, um wie Steine in ihre harten Kojen zu fallen. Schlafen bis zum nächsten Kommando. Routine, die sich im 45-Minuten-Rhythmus wiederholt. Sie wissen genau: Mit dem nächsten Weckruf wird es richtig hart, nass und dreckig. Jetzt erscheint auch Frau Wong in grünem Gummi, mit Kopftuch und Handschuhen. Das Einholen der Netze ist der schwerste Teil der Arbeit. Von Seilwinden unterstützt, zerren die Männer die prallen Netze von Hand übers Heck an Deck. Die Gesichter von Anstrengung und Konzentration gezeichnet, stehen sie breitbeinig und ungesichert auf der rutschigen und schmalen Bordkante. Obwohl der Seegang mäßig ist, schlingert das Schiff. Mich bindet der Kapitän fest. Mit dem Oberkörper in einer nassen Seilschlinge hängend, habe ich die Hände zum Fotografieren frei - nur mit den Beinen könnte ich mich nicht halten. Eine Reling gibt's nicht, schließlich ist das kein Vergnügungsdampfer.
Leere Dosen bringen extra Geld
Was aus den Netzen fällt, hat wenig Ähnlichkeit mit den appetitlichen Auslagen der Seafood-Restaurants: Shrimps, Schnecken und Muscheln sind mit grauem Schlamm vom Meeresboden verschmiert, dazwischen zappeln kleine Fische. Große Fische werden erst weiter draußen gefangen. Auch verhängt sich jede Menge Müll in den Maschen: Bleche, Farbeimer und Bauschutt gehen sofort wieder über Bord. Getränkedosen werden in einem Netz gesammelt; sie bringen beim Recycling etwas Geld. "Früher war es viel sauberer, es gab mehr Fische und klareres Wasser", sagt Herr Leung. Er muss es wissen: "Ich wurde vor 59 Jahren auf einem Schiff geboren und ich habe mein ganzes Leben an Bord verbracht. Warum sollten wir an Land wohnen - hier ist doch unsere Arbeit, das ist viel praktischer." Aber ob die Söhne eines Tages das Schiff übernehmen werden oder lieber im 35. Stock leben wollen, da zuckt er die Achseln.
Den eigentlichen Fang sortiert die Besatzung blitzschnell. Ohne vom Boden aufzuschauen, werfen sie die Tiere nach Arten getrennt in bunte Plastikkörbe, die während der weiteren Fahrt in großen Wassertanks stehen. Für die chinesische Küche gilt Frische als oberstes Gebot - die Tiere müssen leben, bis sie im Topf oder Wok landen. Einer etwas größeren Krabbenart werden kurzerhand die Fühler und die Beine mit der Schere abgeschnitten, wahrscheinlich spart das Platz im engen Becken. Anschließend werden die Netze wieder ausgeworfen, für die Mannschaft 45 Minuten Koma-Pause. Ein Arm ragt noch aus der Koje, die Männer schlafen so ein, wie sie auf dem Holzboden landen.
Armmuskeln wie die Taue
Um 5.30 Uhr wird es endlich hell. Man kann die anderen Schiffe in der Dämmerung erkennen, die jeweils mit ein paar hundert Metern Abstand auch auf der Suche nach den besten Fanggründen sind. Tak Kan Leung ist unzufrieden: "Wir fangen zu wenig heute. Zu viel Konkurrenz unterwegs, zu schlechtes Wetter." Damit es besser wird, zündet er ein frisches Bündel Räucherstäbchen an und steckt es in eine Ritze an der Bordkante.
9 Uhr: Zeit fürs Frühstück. In der Hocke schnippelt Frau Wong frisches Gemüse, hackt Schweinefleisch und würzt kleine Fische. Auf dem Herd dampft der Reis. Als Tischdecke dient eine alte Zeitung auf dem Boden. Die Mannschaft schlingt das Essen hinunter. Nur der Chef bekommt sein Essen auf einem Tablett serviert. Bei der Arbeit sind dann wieder alle gleich. Der krächzende Lautsprecher ruft zur Arbeit: wieder Netze einholen. Jetzt, wo es hell ist, wirkt es noch gefährlicher, wie die Männer auf der Bordkante in einem Gewirr aus Fangleinen balancieren. Ihre Armmuskeln sehen aus wie die Taue, mit denen sie hantieren: jede Faser unter der Haut angespannt.
Nach acht Stunden tauchen die Hochhäuser von Aberdeen am Horizont auf. Das Ölzeug hängt zum Trocknen auf der Leine. Es ist 12 Uhr. Auf dem Fischmarkt im Hafen warten schon die Kunden auf die "64511". Familie Leung hat was zum Essen mitgebracht.