Im Pariser Osten: Mode, Kreative, Atmosphäre - DER SPIEGEL
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Im Pariser Osten Mode, Kreative, Atmosphäre

Die Modewelt in Paris, der Hauptstadt der Haute Couture, ist ständig in Bewegung. Während die Pfade im reichen Westen, in der berühmten Rue Faubourg St. Honoré oder Avenue Montaigne, schon ausgetreten sind, zieht es die jungen Kreativen in den Osten: zum Canal St. Martin.
Von Jens Emil Sennewald
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Paris ist die Hauptstadt der Mode. An den berühmten Straßen wie der Avenue Montaigne und der Rue Faubourg St. Honoré werden noble Häuser wie Chanel, Lanvin oder Courrèges belebt von neuen Stars wie Stella McCartney (Chloé) oder John Galliano. Der Berühmtheit entsprechend sind die Pfade ausgetreten im reichen Pariser Westen. Ausgefallene Typen oder Neuheiten unterhalb der 1000-Euro-Grenze findet man dort selten.

Doch wie alles in Paris ist auch die Modewelt ständig in Bewegung. In den letzten 20 Jahren hat sie sich von ihren klassischen Vierteln weg ins Marais bewegt. Wo einst Handwerker, Arbeiter und Kleinbürger wohnten, tummeln sich heute Touristen. In dem alten jüdische Viertel zwischen dem Pariser Rathaus und dem malerischen Place des Vosges haben Barbara Bui, Issey Miyake und viele andere Stars ihr Lager aufgeschlagen. Nur verblasste schwarzgoldene Schilder zeigen noch an, dass in schicken Schuh-Boutiquen einst Baguettes verkauft wurden.

Die Schickeria ist schnell gefolgt, und mit ihr verschwand die sprühende Atmosphäre neuer Ideen - Zeit zum Weiterziehen. Als wäre es ein Spiegelbild Europas, führen im Stadtplan von Paris die Wanderwege der Kreativen und Ungezähmten Richtung Osten. In jene Viertel, wo Wohnen noch billig und Leben noch unbeobachtet ist.

Ehemalige Werkstätten, unschlagbar günstige Mieten, Charme und malerisches Ambiente: Das ist das Viertel um den Canal St. Martin. Im 19. Jahrhundert belieferte er Paris mit frischem Trinkwasser aus Quellen östlich der Stadt. Auf knapp zwei Kilometern zwischen der Place Stalingrad und der prächtigen Place de la République zieren drei Schleusen und grazil geschwungene Fußgängerbrücken den Kanal. Noch heute passieren Lastschiffer die Schleusentore. Wenige Touristen sind unter den Schaulustigen, eher sind es Pariser selber, die das Schauspiel der Hubkraft des Kanals genießen. Sonntags bevölkern Flaneure die für den Verkehr gesperrten Uferstraßen.

Eine der Ersten, die schon vor rund zehn Jahren die Zeichen der Zeit erkannte, ist Stanislassia Klein. Ihr Modelabel "Stella Cadente" sorgt seit einiger Zeit in Paris für Furore. Angefangen hat sie als Accessoire-Designerin für Karl Lagerfeld oder Thierry Mugler. Inzwischen entwirft sie ihre eigene Kollektion: Zauberhaft anmutende, zartgetönte Kleider aus Tüll, Seide, Mohair und Federn. Die Prèt-à-porter-Schauen der Designerin sind eigenwillig: Für ihre letzte Kollektion verpflichtete sie Zirkusartistinnen, die radschlagend über den Laufsteg turnten. So erwirbt man sich schnell einen Ruf in Paris, der Kapitale der Mode. Ihr Geschäft am Kanal mit kleinem Teesalon ist inzwischen gut besuchter "Geheimtipp".

Gegenüber ihrer Boutique liegt das Hôtel du Nord, dem Michel Carné in seinem gleichnamigen Kultfilm von 1938 ein Denkmal setzte. Unvergessen und noch heute in aller Munde ist Arlettys Ausruf "Atmosphère, Atmosphère!". Und sie hatte ja so recht: Atmosphäre, die gibt es hier zur Genüge. Verwunschene Sackgassen und lauschige Ecken wie der Place Sainte Marthe mit seinen Bistros und Wein-Bars lassen das alte Paris allenthalben noch einmal aufblitzen. In den Seitenstraßen öffnet sich dem Bummler die ganze Welt in Gestalt kambodschanischer Restaurants, arabischer und afrikanische Gemischtwarenläden.

Dazwischen bevölkern immer mehr junge Labels den Canal St. Martin. Im "Artazart" kann man alles finden, was derzeit im Bereich Grafikdesign auf dem Buch- und Zeitschriftenmarkt zu haben ist. Eine Ecke weiter kann man ins "ofr system" eintauchen. Die Buchhandlung ist Verlag mit anspruchsvollem Kunstmagazin, Galerie und Kunstbuch-Tempel in einem. Neben so viel Kunst kommt auch die Mode nicht zu kurz: In der knallbunten Ethnoboutique "Antoine et Lili" kann man neben Kleidern auch 20 Kir-Sorten in der hauseigenen Kantine probieren.

Wo farbenfrohes Volk die kaufkräftige junge Kundschaft anzieht, lassen die etablierten Häuser nicht lange auf sich warten. Mit "b.sport" hat die kunstliebende Agnès b. eine Street- und Sportswear-Serie aufgelegt. Daneben zeigt sie Arbeiten berühmter Künstler wie des Wahl-Parisers Thomas Hirschhorn. Die Straßen um den Kanal werden sich in drei, vier Jahren zu den neuen Modestraßen im Osten von Paris entwickelt haben. Höchste Zeit, den eigenwilligen Stil des Viertels zu entdecken.