Internet-Café in Japan Lost in Vibration
Es ist dunkel in dem großen, fensterlosen Raum. Irgendwo hustet einer, der nächste zieht Schleim hoch. Ein dritter schnarcht. Aber das alles geht mich nichts an, ich bin allein unter Maschinen, gefangen in den Klauen eines brutalen Massagesessels. Eigentlich wollte ich nur surfen, mal schnell ins Netz, die Mailbox checken. Jetzt zertrümmert ein Gerät meinen Steiß.
Angefangen hat es seltsam, aber ganz schön. Ich war gestrandet in dieser Stadt, in Fukuoka auf der südjapanischen Insel Kyushu. Draußen rasten die Autos auf mehrstöckigen Trassen in verschiedene Richtungen, kichernde Freundinnen fotografierten einander mit dem Handy beim Kichern und blondierte Japaner drängten sich in schlotternden Hosen durch die Menge. Ich aber ging in dieses Haus in der Nähe des Bahnhofs. Ich fuhr in den vierten Stock, wurde Mitglied im "Relaxation Café Alpha" und bekam meine Kabine. Sie trug die Nummer 109 und gehörte zur Abteilung "Ladies Seat". Ich dachte mir nichts dabei. Ich hängte meine Jacke auf den Bügel, so wie es alle tun, die Schuhe ließ ich an, so wie es keiner tut. Fremde Pantoffeln sind nicht meine Stärke, auch nicht rosa geblümte. Das war der erste Fehler.
Vogelzwitschern vom Band und eine meditative Klimaanlage
Meine Nachbarn dagegen wissen, was sich gehört. Es sind Geschäftsleute, die auf einen Comic oder einen Porno oder einen Porno-Comic vorbeigekommen sind und ihre Zellen in Hausschuhen beziehen. Jetzt lümmeln sie auf halb aufgerichteten Futons vor dem Computer und verbeißen sich in ihr Brötchen mit Wurst, "hotto doggo" genannt. Es ist der Geschmack der Freiheit, den sie mit Ketchup kosten. Denn hier, in der privaten Höhle, braucht sich die Zunge nicht in Höflichkeitsformeln verknoten, vor der Festplatte hat noch niemand sein Gesicht verloren. Hier gibt es keine Verpflichtungen, keinen Chef, dafür Vogelzwitschern vom Band und das meditative Summen der Klimaanlage.
Mittags ist die Zeit der Anzugträger. Später werden sich hier die betrunkenen Studenten einmieten, die den letzten Zug nach Hause verpassten. Die einen zahlen für fünf Stunden in der Nacht, die anderen für zehn. Billiger als ein Hotel ist das Internet-Café allemal, und Duschen und Zahnbürsten und Waschmaschinen haben sie hier auch.
Ich aber brauche weder Waagen noch Getränkeautomaten noch flüssige, giftgrüne Eiscreme. Ich brauche nur einen Stuhl und ein Modem. Dachte ich jedenfalls. Ich setze mich also, der Sessel sieht bequem aus: breit, so breit, dass die Armlehnen fast die Wände berühren, mit Kopfstütze. Das graue Kunstleder schmiegt sich an meine Haut. Ich greife zur Maus, der Monitor wird hell, da entdecke ich die Knöpfe neben mir. Es sind 17. Sie leuchten.
Ich drücke einen - nichts. Ich drücke noch einen - etwas erwacht. Ich spüre einen sanften Druck im Rücken, der Sessel fängt an zu schnurren, ich fange an zu schnurren. Der Sessel gräbt sich in meine Schulterblätter, knetet das Fleisch, er trommelt, mal langsam, mal schnell, mein Oberkörper wackelt, die Hand zittert, der Kopf schwimmt. Der Sessel fährt die Wirbelsäule entlang, die beugt sich, streckt sich, ich will mit der Maschine reden: Bisschen weiter rechts, nein, höher, ja so ist es gut, ja, ja ...
Japanische Männer brauchen keinen Sauerstoff
Ich schalte den Sauerstoffspender an, einfach so. Schließlich habe ich dafür bezahlt. Nur in den Damenboxen gibt es dieses mintgrüne Gerät mit der Düse. Japanische Männer brauchen keinen Sauerstoff. Ich fühle mich leicht, beschwingt, glücklich, und plötzlich will ich mehr, mehr Geräte, mehr Knöpfe, mehr Technik. Das war der zweite Fehler.
Als Nächstes ist der Fernseher dran, den Stecker für den Kopfhörer finde ich nicht, also ohne Ton. Im ersten Programm läuft eine japanische Soap, in der ein besorgt schauender Japaner einen Brief öffnet, woraufhin er schlucken muss, woraufhin in der nächsten Szene eine Frau ohnmächtig wird. Dann tanzen Hasen und ein asiatischer Schlittschuhläufer singt "cheesecake". Ich, drei Fernbedienungen in der Hand und schon ungeduldig, drücke mittlerweile auf alles, was mir unter die Finger kommt.
Da passiert es: Die Maschine wird böse. Sie krallt sich in meine Nieren, schiebt mein Becken vor und zurück, bohrt sich ins Genick. Ich versuche mich abzulenken vom Schmerz, klicke mich durch zu Merkel und Schröder, währenddessen stecken meine Waden in zwei Röhren und werden von aufgeblähten Luftkissen zerquetscht. Immer roher, immer unbarmherziger walkt die Maschine mich durch. Oben, unten, die unsichtbaren Greifarme packen mich, stoßen mich, ich kann sie nicht stoppen. Ein zahnloser Alter grinst auf dem Bildschirm, der Sauerstoff geht zu Ende.
Ich schwanke hinaus, fast habe ich das Ende des Ganges erreicht, da öffnet sich die Tür zur "VIP-Lounge". Es ist eine Kammer mit Sofa und Neonlicht, vier Quadratmeter groß, das Königreich unter den Kaninchenställen. Drinnen hat es sich ein Beamter bequem gemacht. Er hat seinen freien Tag und ist lieber hier als bei seiner Familie. Zu Hause, sagt er, darf er nicht rauchen, und seine Tochter quengelt immer herum und blockiert den Fernseher. Außerdem sei dort alles so eng. Im Internet-Café ist er endlich allein. "Hatten Sie auch eine schöne Zeit?", fragt er noch. Klar, sage ich und verbeuge mich artig. Eine sehr schöne Zeit.