Istanbul Sultans Shopping Center
Die Karriere des Muhlis Günbatt. verlief wie ein amerikanischer Traum - vom Tellerwäscher zum Millionär. Allerdings in einer türkischen Fassung, und die kann nur an einem einzigen Ort spielen: dem "Kapaliçarsi", dem Bedeckten Markt von Istanbul. Oder, wie er heute meist genannt wird, dem Großen Basar.
Mit acht Jahren verließ Muhlis, Sohn eines Landarbeiters aus Ostanatolien, auf der Ladefläche eines Lastwagens sein Dorf. Auf dem Basar arbeitete er sich hoch, vom Laufburschen zum Lehrling eines Teppichhändlers, danach vom Verkäufer zum Eigentümer eines Stoff- und Teppichgeschäfts, in dem die Prominenz einkauft.
Drei Fremdsprachen hat Muhlis während seiner mehr als 40 Jahre dauernden Basar-Karriere gelernt, in Abendkursen und später im Selbststudium, mit Hilfe von Zeitschriften und im Gespräch mit Kunden.
Der 51-Jährige ist heute das gute Gewissen des Basars: Wenn ein Händler Rat braucht oder einen Dolmetscher, wenn es Streit gibt um die Qualität der Waren oder die ungeschriebenen Regeln des Marktes - Muhlis ist zur Stelle, erklärt und beschwichtigt, entscheidet und richtet. Sein Wort hat Gewicht in dieser Männergesellschaft, in der Ehre und ein tadelloser Ruf wichtig sind. Menschen wie Muhlis Günbatti sind auf dem Kapaliçarsi nicht selten. Mancher Händler, der heute hinter seinem reich dekorierten Schaufenster sitzt, ist als Halbwüchsiger an den Bosporus geflüchtet. Wollte weg aus seinem Dorf, in dem sich die Männer die immer gleichen Geschichten erzählten: Von Bekannten, die es in Istanbul zu etwas gebracht haben, die einen Laden besitzen, ein Auto und einen guten Leumund.
Der Kapaliçarsi ist Glücksschmiede und wirtschaftliches Energiezentrum der Türkei, Umschlagplatz für Waren und Meinungen, eine Touristenattraktion. Und er ist eine der letzten Bastionen einer Welt, in der Arbeit und Entspannung, Essen und Beten, Kommerz und Wohltätigkeit noch untrennbar miteinander verbunden sind.
Es ist eine Welt der schmeichelnden Worte, der sanften Farben und schlendernden Schritte. Wer unter dem mit Halbmond und Speeren verzierten ottomanischen Wappen hindurch in die große Kuppelhalle tritt, wird von einem warmen, gelben Schimmer empfangen, der aus den verglasten Fronten der kleinen Läden dringt.
Ein Schimmer, der die protzigen Auslagen der Schmuckhändler zum Glänzen bringt und sich wie ein milder Schleier übers Gemüt legt. Mystisches Licht, wie aus einer Verfilmung von "Tausendundeiner Nacht".
Shoppingmall in historischen Gemäuern mit Biligtextil-Ständen
Dennoch hat der Große Basar mit dem Klischee vom morgenländischen Märchen heute nur noch wenig gemein. Vergeblich suchen Touristen aus Europa nach den Bildern und Geräuschen, die in ihrer Vorstellung die Stimmung eines orientalischen Marktes ausmachen, nach Ladenhöhlen mit verborgenen Schätzen, nach alten Händlern, die vor wackeligen Holzregalen auf Kundschaft harren und ein Geheimnis hüten. Stattdessen erwartet sie eine Art Shoppingmall in historischen Gemäuern, ein verwirrendes Konglomerat aus Billigtextil-Ständen, Kelim-Geschäften, Antiquitätenhandlungen, Werkstätten und Restaurants.
Hinter dem Nuruosmaniye-Tor beginnt die Gasse der Juweliere und Andenkenhändler. Touristen, die auf dem breiten Pflastergang schlendern, werden vielsprachig zum Eintreten aufgefordert. "Lady, a special price for you", "Kommen Sie, probieren Sie unsere Ringe, beste Qualität!" Es ist schwer, sich von den zudringlichen Stimmen, der kommerziellen Wucht, dem polierten Gold, den bedruckten T-Shirts auf der Basar-Hauptachse nicht beirren zu lassen und sich bis in die kleinen Gässchen vorzukämpfen, die von der Kalpakçilar Basi Caddesi abzweigen.
Doch es ist die Mühe wert, denn erst dort offenbart sich der versteckte Zauber des Basars. Antiquitätenhandlungen reihen sich an elegante Kelim-Geschäfte, Kramläden mit usbekischen Hochzeitskleidern und tadschikischen Nomadenmützen an Kunstgewerbe-Shops. Einer davon gehört Nihat, dem Archäologen, der auf Forschungsreisen neue Muster- und Farbideen für seine Ethno-Jacken sammelt.
Im kurdischen Imbiss Pastlar, in einem weinumrankten Innenhof gelegen, hat sich eine Großfamilie um eine Platte mit Lammfleisch und Peperoni versammelt. Im winzigen, kachelverzierten Teppichgeschäft von Nebil Basmaci wird den Kunden gerade Apfeltee serviert. "Der Basar ist kein Museum", sagt Atilla Özbey, Generalsekretär der Grand Bazaar Tradesmen Organisation und Herausgeber des Kapaliçarsi-Magazins. "Sein Angebot und sein Charakter sind genauso vom Zeitgeschmack geprägt wie andere Märkte auch."
Jede Zunft wird von einer Volksgruppe dominiert
Das war schon im 15. Jahrhundert so. Die Osmanen hatten Istanbul, damals Konstantinopel, 1453 ihrem Großreich einverleibt, das von den Alpen bis an die Arabische Wüste reichte - eine riesige Freihandelszone, in deren Mitte die Stadt am Bosporus lag. Sultan Mehmet II. träumte 1461 von einem Zentrum für Geschäftsleute und Kunden aus der ganzen Welt: Händler sollten Waffen aus Europa und Gold aus Arabien feilbieten, Edelsteine und Silbergeschirr von der Seidenstraße, kostbare Stoffe aus China, Felle und Leder aus den anatolischen Bergen.
-
4 Min
-
Türkei: Küsten aus Beton2 Min
2 Min
In Sichtweite seines Palasts ließ der Herrscher eine erste Kuppelhalle errichten. Der Andrang der Händler war so groß, dass Mehmet II. bald den Bau einer weiteren Kuppelhalle befahl, um die herum sich schnell ein Geflecht von Werkstätten und Karawansereien auszubreiten begann. Der Kapaliçarsi, bis heute der größte geschlossene Basar der Welt, wurde zu einer Stadt in der Stadt, von über 1000 Zünften kontrolliert.
Jede von ihnen wurde und wird bis heute von einer Volksgruppe dominiert. Die Armenier sind bekannt als Silberschmiede, die Usbeken haben sich einen Namen mit fein gewebten Stoffen und Stickereien gemacht, die Kurden mit farbenprächtigen Kelims und die Türken mit sorgfältigen Schneiderarbeiten.
Wer schlecht arbeitete oder Waren zu überhöhten Preisen verkaufte, wurde von der Gemeinschaft ausgeschlossen. "Ehrliche handeln mit Ehrlichen, Betrüger mit Betrügern", lautet der Grundsatz der Basaris.
Lesen Sie im zweiten Teil: Nestlé-Schokolade, Parkas und Marlboro-Zigaretten erobern den mittelalterlichen Markt
Bis ins 19. Jahrhundert blieb der Basar das wirtschaftliche Herz Istanbuls. Dann entstanden in den Stadtvierteln Eminönü und Beyoglu neue Handelsgesellschaften, Büros und Banken. Kaufleute verließen den Kapaliçarsi, um draußen elegante Boutiquen und Antiquitätenläden zu eröffnen. Das Zunftsystem und die Sozialordnung brachen zusammen, der Basar verfiel.
In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schließlich tauchten auf dem Basar plötzlich Waren auf, die es nirgendwo sonst im Land zu kaufen gab: Nestlé-Schokolade, Parkas und Marlboro-Zigaretten. Metin, Geschäftsführer eines Exportunternehmens, erinnert sich, wie er hier als Student seine erste Levis erstand: "Wir sind in den Basar gegangen wie heute die Jugendlichen zu Gap und Foot Locker. Alles, was Trend war, gab es in den Hallen."
In den achtziger Jahren machten die Basaris ihren Umsatz mit krisensicherem Goldschmuck. Bis zu hundert Tonnen im Jahr wurden über die Ladentische gereicht. Der Kapaliçarsi erstrahlte in altem Glanz und wurde wieder zum Haupthandelszentrum der Stadt. Heute strömen in den Sommermonaten pro Tag bis zu einer halben Million Besucher durch seine Gassen. Touristen zumeist.
Die Einheimischen treffen sich eher im Ägyptischen Basar, jenem Markt, der in der Mitte des 17. Jahrhunderts am Ufer des Goldenen Horns entstand. Dort ist das Licht greller, sind die Stimmen lauter. Es riecht nach Nelken, Kardamom und Zimt, nach Fisch, Fett und Schweiß. Frauen mit gewaltigen Einkaufskörben wuseln zwischen Tomatenpyramiden, Datteltürmen und armlangen Holzkästen mit Honigwaben hin und her. Männer mit breiten Schultern und dicken Goldketten lassen sich Kaviar und Jakobsmuscheln abwiegen.
Am Stand nebenan kosten Rucksacktouristen in der Pfanne frittierte Kunefe, süße Fladennudeln, ziehen die Mundwinkel zusammen vor Schreck über so viel Süße. Der Verkäufer lacht und kassiert zwei Millionen türkische Lira, gerade mal anderthalb Euro. "Ausländerpreise!", schimpft der türkische Begleiter der Reisenden. "Beim nächsten Mal lasst mich verhandeln."
"Die Leute kennen nur noch ein Wort: Discount"
Familie Bilal hat größere Probleme mit der Zahlungsbereitschaft ihrer Kunden. Als die Bilals sich 1985 mit einer Kleiderfirma im Büyük Yeni-Han niederließen - einer alten Karawanserei auf dem Basargelände mit Dutzenden kleiner Werkstätten -, bestellten die Großhändler mehr als 1000 Anzüge pro Saison. Heute sind es gerade einmal 200, und die werden meist erst nach dem Weiterverkauf bezahlt. "Die Leute kennen nur noch ein Wort: Discount", schimpft Sohn Ismail. "Die wenigsten wissen, dass die Stücke von Hand gearbeitet sind."
Wie zu Zeiten des Osmanischen Reichs sind viele Händler auch Handwerker und stellen ihre Produkte in den Werkstätten des Basars her. Dabei gleichen Silbergeschirr, Schmuck, Kleider, Keramikfliesen und Bilderrahmen oft industriell gefertigter Massenware: Das Silber ist aufs Feinste poliert, die Muster auf den Fliesen und die Schnitte der Lederjacken sind aus Bestellkatalogen kopiert. "Alle wollen sich dem west-europäischen Geschmack anpassen", sagt Ismail. Für die Firma sei eine Adresse im Basar wichtig. "Die Zwischenhändler gehen von Werkstatt zu Werkstatt und vergleichen Preise und Qualität. Von denen käme niemand zu uns, wenn wir am Stadtrand produzierten."
Doch jetzt will die Stadt die Produktionsstätten aus dem Basar verbannen. Das haben die Bilals vor ein paar Monaten in der Zeitung gelesen. Die Maschinen und der Lastwagenverkehr in den Gassen würden die historische Bausubstanz bedrohen.
Wie er ohne seine Zulieferer aus dem Han, ohne die Teestuben, das Hamam und ohne die Basargemeinschaft auskommen soll - "unvorstellbar", sagt Vater Bilal und schüttelt den Kopf. "Absolut unvorstellbar."
Fünfmal am Tag schallt von der Beyazit-Moschee der Gebetsruf des Muezzin herüber. Händler rollen Gebetsteppiche vor ihren Läden aus. Die Geschäfte ruhen, die Betenden knien in den Gassen. Der Glaube strukturiert nicht nur den Tag, sondern auch die Geschäftsmoral. Der Koran verbietet Wucher und Betrug ebenso wie Profitstreben. Deshalb spenden die meisten Händler einen Teil ihrer Gewinne armen Familien und wohltätigen Stiftungen - ein wichtiger Teil des türkischen Sozialsystems.
Die Zukunft der Basaris ist ungewiss. Auch Muhlis Günbatti, der erfolgreiche Stoff- und Kelim- Händler, rätselt manchmal, wie es weitergehen soll. Deutsche, die noch vor ein paar Jahren 40 Prozent seiner Kunden ausmachten, verirren sich nur noch selten in seinen Laden. Am liebsten wäre es ihm, wenn er das Geschäft bald seiner Tochter überlassen könnte. Doch die will nicht. "Was soll ich im Basar?", hat sie den Vater verwundert gefragt, als er ihr den Laden anbot. "Draußen kann man doch viel mehr Geld verdienen."
Aus dem "Merian"-Heft "Istanbul", Juni 2002
Von Merle Hilbk