Jerusalem Kurier in der Heiligen Stadt
Hunderte von Menschen drängeln sich durch die Beit Habat, Schulkinder toben und schreien, Händler preisen ihre Waren lautstark mit dem Megafon an. Ein eigenartig süßlicher Geruch liegt in der Luft: eine Mischung aus exotischen Früchten und Gewürzen und den Rauchwolken der Nargiles, der orientalischen Wasserpfeifen, die sich die alten Männer vor den Läden und Ständen teilen. Die Beit Habat ist eine schmale Gasse hinter dem Damaskustor, dem Eingang zum muslimischen Viertel Jerusalems.
Jerusalem: Ahmed und die Altstadttour
Jeder Tourist lässt sich von dieser aufgeregten Szenerie in den Bann ziehen, nur Ahmed Sharif hat keine Augen dafür. Er hat gerade per Handy einen neuen Auftrag bekommen und muss sich beeilen. "Man muss sehr schnell sein in diesem Job", sagt Ahmed. Der kräftige Mann mit dem Schnurrbart ist so etwas wie ein Kurierfahrer, nur kann er in der Altstadt Jerusalems mit den vielen, schmalen Gässchen und Stufen kein Auto und keinen Lastwagen benutzen: Sein Arbeitsinstrument ist die Arabeia, eine Art zu groß geratene Schubkarre aus Holz mit drei Rädern. "Da will jemand aus der Altstadt verreisen, ich muss sein Gepäck zum Taxi bringen", sagt er, greift sich seine Arabeia und nimmt Anlauf für die ersten Stufen.
In der Altstadt Jerusalems können nur zwei Straßen mit dem Auto befahren werden, alle anderen sind nur zu Fuß zu erreichen. Es gibt kaum einen ebenen Flecken, in den Gassen geht es über Stufen entweder keuchend bergauf oder steil bergab. Die Stadt wurde in einer denkbar unwirtlichen Lage aufgebaut. Schon immer war sie hart umkämpft, selten gab es mehrere Jahre Frieden in Folge. Die Lage in 850 Meter Höhe mitten im schroffen Mittelgebirge diente der besseren Verteidigung. Heute sind die Vorteile eher touristisch: Es gibt unendlich viele Punkte, von denen sich grandiose Ausblicke auf das Umland und vom Umland in die Stadt bieten. Das wohl bekannteste Postkartenmotiv ist die Altstadt von oben, fotografiert vom Ölberg, der direkt vor den alten Stadttoren liegt.
Ohne Arabeias geht nichts
Ahmed Sharif wischt sich den Schweiß von der Stirn und klingelt an der Tür der jüdischen Familie, die ihn gerufen hat. Die wartet schon auf ihn und hat Koffer und Taschen für ihre Reise in ihre Heimat Florida bereitgestellt. Ahmed braucht sie nur noch aufzuladen und startet den Rückweg Richtung Damaskustor, dem nächsten Ausgang aus der Stadt. Die Achsen seiner Arabeia quietschen unter der Last der Koffer, der Schweiß fließt in Strömen von Ahmeds Stirn. Für einige Stufen braucht er mehrere Anläufe, bis er sie erklommen hat. Dazu muss er sich seinen Weg durch die Menge aus altmodisch gekleideten Männer und Frauen mit Kopftüchern und langen, reich verzierten Kleidern bahnen, die in den kleinen Lädchen ihre Tageseinkäufe erledigen. "Diese Arbeit ist wirklich anstrengend, aber ich muss drei Frauen und neun Kinder durchbringen", erklärt er.
Zwischen 60 und 90 israelische Schekel bekommt er für eine solche Tour, also 12 bis 20 Euro. "Ohne uns würde in Jerusalem gar nichts laufen, kein Laden könnte öffnen, kein Mensch könnte hier leben", sagt er nicht ohne Stolz. Und wirklich ist die gesamte Altstadt Jerusalems von ihren knapp 80 Arabeia-Fahrern abhängig. Zwar gibt es auch kleine Traktoren mit Anhängern, die Waren in die Stadt hinein und wieder hinaus bringen, doch so flexibel wie die Arabeias sind sie nicht. "Ich werde mit meiner Arabeia durch die Stadt fahren, bis ich alt bin, so lange ich kann.", sagt Ahmed. Der 43-Jährige macht den anstrengenden Job seit 30 Jahren. 20 Minuten dauert der Weg zum Damaskustor, und aus jeder Ecke ruft es "Salamaleikum Ahmed!". Er ist bekannt in der Stadt: "Ich kenne jeden Laden, jede Ecke und jeden, der hier arbeitet. Niemand kennt Jerusalem besser als wir Kuriere", sagt er und strahlt. An einer Bäckerei parkt er seine Arabeia kurz. Die Mittagssonne brennt unerbittlich über der Stadt, der Bäcker hält deshalb eine Zweiliterflasche mit eisgekühltem Wasser für Ahmed bereit. Fast die Hälfte davon leert Ahmed in einem Zug, dann geht es umso schneller weiter, die Stufen herauf, durch das Stadttor zum Taxi.
Auf eine Partie Backgammon
Das Damaskustor ist die größte und beeindruckendste der sieben Stadttore in der mächtigen Stadtmauer um die Altstadt Jerusalems. Trutzig und gekrönt von niedrigen Zinnen, sollte es die schwache Nordseite der Stadt schützen. So wollte es einst der Ottomanensultan Suleiman der Große, der die Mauern, Türme und Tore im 16. Jahrhundert erbauen ließ. In den vier Stadtvierteln der Altstadt, die zusammen nur etwa einen Quadratkilometer messen, leben getrennt voneinander Juden, Christen, Muslime und Armenier. Verbunden werden sie nur durch die Touristenströme, die jeden Tag die Klagemauer, Geburtskirche, al-Aksa-Moschee und die zahllosen anderen Sehenswürdigkeiten der Stadt besuchen.
Vor dem Damaskustor hat Ahmed seine Koffer abgeliefert, im Taxi verstaut und 70 Schekel kassiert. Langsam schlendert er jetzt in ein Straßencafé in einer Gasse um die Ecke. Unter einem großen Steinbogen, der sich über das Gässchen wölbt, parkt Ahmed seine Arabeia und setzt sich in den Schatten, auf einen der weißen Plastikstühle auf der Straße vor dem Café. Es ist klein und unscheinbar, hat den Charme einer deutschen Imbissbude, und kein Tourist verirrt sich hier hinein. Dafür kennt Ahmed den Besitzer, und der weiß auch schon, was Ahmed jetzt braucht: ein Glas mit heißem Tee mit Minze und sehr viel Zucker und ein Glas mit eiskaltem Wasser.
Der Kurierfahrer muss jetzt auf seinen nächsten Auftrag warten, manchmal dauert das eine Stunde oder länger. In dieser Zeit wird kein Geld verdient. Trotzdem lehnt Ahmed sich jetzt entspannt zurück. Schulkinder toben, Händler schreien und rufen Ahmed zu sich, nur zum Quatschen oder auf ein paar Züge aus der Wasserpfeife oder auf eine Partie Backgammon. In diesen Momenten kann auch Ahmed Sharif seine orientalische Heimat genießen.