Kairo Odyssee zwischen Bücherregalen
Ich liege auf dem Bett, die Lunge rasselt vom Smog. Beine und Rücken schmerzen von Fahrten in engen Taxis. Und von Fußmärschen durch den Kairiner Chaosverkehr - in der Innenstadt wich ich Parfümhändlern aus, in anderen Bezirken Müllhaufen. Dabei wollte ich nur ein Buch besorgen. Ein Theaterstück namens "Doktor Hazim" von Ali Ahmad Bakathir, einem ägyptischen Autor.
Aber ich sollte von vorne beginnen, etwa zehn Stunden vorher: Gegen zehn Uhr morgens verlasse ich das Haus und nehme ein Taxi zur Nationalbibliothek. Dort stehen angeblich sämtliche in Ägypten erschienenen Werke. Am Eingang empfängt mich ein Sicherheitsbeamter mit einem Redeschwall. Ich meine zu verstehen, dass er meinen Reisepass braucht. Der aber liegt in meiner Wohnung, im Schrank, zwischen den Unterhosen.
Der Wachmann schlägt mir vor, abends wieder zu kommen. Denn während des Fastenmonats Ramadan mache die Bibliothek Mittagspause von zwölf bis acht, und bis dahin könne ich schließlich kein Buch finden.
Aber die Sache ist dringend und ich habe keine Lust, dem Blödmann am Eingang Recht zu geben. Ein halbe Stunde und zwei Taxifahrten später halte ich meinen Benutzerausweis in der Hand. Den Eingang zum Lesesaal bewachen zwei Frauen, die kichern und erröten, als ich meinen Namen auf Arabisch in das Besucherbuch schreibe.
Warten zwischen Regaltürmen
Im Lesesaal empfängt mich ein Mann, der mir nur bis zur Brust reicht, dafür mindestens doppelt so dick ist. Ich sage mein auswendig gelerntes arabisches Sprüchlein auf: "Ich suche ein Buch von Ali Ahmad Bakathir. Es heißt Doktor Hazim." Der Dicke bietet mir einen Stuhl an und verschwindet. Ich sitze allein zwischen Bücherregalen, deren Schilder ich kaum entziffern kann. Hilfe. Wie soll ich hier ein Buch finden?
Zehn Minuten später taucht der dicke Zwerg wieder auf und führt mich in den anderen Lesesaal. Dort legt er den Frauen am Eingang einen Zettel auf den Tisch. Wieder trage ich mich in eine Liste ein, und wieder setze ich mich und warte.
Inzwischen ist es viertel nach elf und ich habe Zeit, mich umzusehen. Die meisten Tische im Lesesaal sind von Frauen besetzt. Viele schauen zu mir und mustern mich. Aber nur so lange, bis ich den Blick erwidere. Ich spiele das Spielchen mit.
"Unmöglich!"
Der Zeiger der großen Uhr an der Wand kriecht über halb zwölf. Da ruft eine der Frauen vom Eingang meinen Namen. Ich eile hin, sie drückt mir das Buch in die Hand. Selbstverständlich könne ich kopieren, da hinten in der Ecke.
An den Maschinen arbeiten zwei Männer - ein Dünner kopiert und ein Dicker schaut ihm zu. Der ist wenig begeistert davon, dass ich alle Seiten kopiert haben möchte. Ein kurzer Blick in das Buch. "Unmöglich!", sagt er.
Ich schließe die Augen, fluche leise, zähle bis drei, und frage "Warum?" Ich meine zu verstehen, dass die Seiten für die Geräte zu vergilbt seien und die Kopien schwarz würden. Verdammt, was sage ich jetzt? Vor mir auf dem Tisch liegt das Buch, das ich in Deutschland monatelang vergeblich gesucht habe, und jetzt soll ich es nicht kopieren können?
Ich versuche einen sinnvollen arabischen Satz zu stottern, als neben mir eine Stimme auf englisch fragt, ob ich Hilfe brauche. Ich schaue auf, blicke in dunkelbraune Augen unter einem blauen Kopftuch und stammele ein "Yes please". Das Mädchen lächelt und schreibt mir den Namen einer Straße auf. Dort sei eine Buchhandlung neben der anderen, und ich werde es sicher finden.
"Haben wir nicht"
Ich verlasse die Bibliothek und halte ein Taxi an. Vielleicht hätte ich doch mehr frühstücken sollen als eine Tasse Tee. Es ist kurz vor zwölf - während des Ramadan beginnt um diese Zeit der Feierabendverkehr. Den Menschen fehlt Essen, Wasser und Nikotin. Sie hupen, schimpfen, brüllen und hasten nach Hause. Wir stehen mehr als wir fahren.
Dafür sieht unser Ziel, die Figala Straße, vielversprechend aus. Tatsächlich ist hier Buchhandlung neben Buchhandlung. Ich betrete die erste und sage mein Sprüchlein auf. "Haben wir nicht", ist die Antwort. Ich betrete die zweite und sage mein Sprüchlein auf.
"Haben wir nicht. Aber versuch es doch mal zwei Läden weiter." Dann schreibt mir der dicke Buchhändler noch zwei Buchläden in der Innenstadt auf, bei denen ich auch Glück haben könnte ich habe das Gefühl, dicke Ägypter sind heute mein Schicksal. Zwei Läden weiter haben die Verkäufer Teppiche ausgerollt und beten. Na gut, denke ich mir, es gibt hier ja noch genug andere Läden. In jedem größeren sage ich mein Sprüchlein auf, immer höre ich "Haben wir nicht".
Hungrig, durstig, genervt
Ich will doch nur ein Buch kaufen. Das kann doch in einer Stadt mit 16 Millionen Einwohnern nicht so schwer zu finden sein. Genervt verlasse ich die Figala Straße und nehme ein Taxi in die Innenstadt. Stehe erneut im Stau. Fühle mich wie ein fastender Ägypter. Hungrig, durstig und genervt.
Ich habe zwar die Adressen der Buchläden das Dumme ist, ich muss Ägypter danach fragen. Denn wer hier eine Straße nicht kennt, der schickt den Fragenden in irgendeine Richtung. Zuzugeben, dass er die Adresse nicht kennt, wäre peinlich. So dauert es eine Weile, bis ich die erste Buchhandlung betrete.
Stille es riecht nach Holz, Papier und Leder, meterhohe Regale reichen bis zur Decke, dazwischen kaum Platz zum Durchgehen. Alte Männer sitzen zwischen Bücherstapeln, blicken umher oder blättern in Büchern. Hier bin ich richtig, denke ich und atme tief ein, bevor ich mein Sprüchlein sage. Das "Haben wir nicht", lässt mich diesmal noch mehr verzweifeln. Immerhin beschreibt mir der alte Mann mit dem Dauerlächeln und der dicken Brille den Weg zur nächsten Buchhandlung. Wohlgemerkt den richtigen.
Auch dort viel Leder, Holz, Papier und alte Männer. Aber nicht mein Buch. "Aber versuch es mal in der 'ägyptischen Buchhandlung' in der Figala-Straße". Die einzige große, in der ich nicht war. Weil die Buchhändler beteten. Bin zu müde zum Fluchen.
Aufgeben? Ausgeschlossen!
Mittlerweile ist es halb zwei, die Sonne brennt, die Luft ist grau vom Smog, ich huste, mein Mund ist trocken und mein Magen leer. Ich bin wütend auf Ägypten, wütend auf die Ägypter, wütend auf den Ramadan, wütend auf die betenden Buchhändler.
Genau deswegen setze ich mich mit einem "Ihr-könnt-mich-alle-mal-Gesicht" wieder in ein Taxi und fahre zurück. Und wenn ich auf der Straße zusammenklappe, freiwillig gehe ich ohne dieses Buch nicht nach Hause, verspreche ich mir, diesem Land und all seinen Buchhändlern.
Nach einer weiteren Fahrt durch einen weiteren Stau stehe ich wieder vor der "ägyptischen Buchhandlung". Das Gebet ist vorbei. Allahu Akbar.
Ungefragt sage ich mein Sprüchlein so oft, bis der Chef einen seiner Angestellten ins Lager schickt. "Wozu?", frage ich mich müde und traurig. "Er kommt doch eh gleich zurück und sagt 'haben wir nicht'". In diesem Moment habe ich einfach nur Mitleid mit diesem Land, gleichzeitig fühle ich mich schlecht wegen solch überheblicher Gedanken.
Der Angestellte kommt zurück und holt mich aus meinen Gedanken. Er legt ein dünnes Buch vor mir auf die Theke. Ich starre das Buch an. Starre den Buchhändler an und wieder das Buch. "Zweieinhalb Pfund", brummt der und scheucht mich mit einem Nicken zur Kasse.
Ich ziehe die umgerechnet 35 Cent aus der Tasche und beginne zu lächeln und dann zu grinsen als ich die Buchhandlung verlasse. Die letzte Taxifahrt des Tages wird für mich zum Triumphzug.