Karneval in Québec Eisschloss voller Narren
Québec City - Bonhomme lebt nur 17 Tage im Jahr. Das ist keine lange Zeit, doch es sind aufregende Tage für den lachenden Marshmellow mit roter Zipfelmütze und buntem Hüft-Schal. Schließlich ist Bonhomme das Maskottchen des Karnevals in Québec. Und die Bürger der kanadischen Provinzhauptstadt bauen für die weiße Eminenz jedes Jahr einen prächtigen Palast aus Eis und huldigen ihm mit Skulpturen aus Schnee. Ihm zu Ehren überqueren seine Untertanen sogar in Kanus den zugefrorenen St. Lorenz-Strom und veranstalten eine bunte Parade.
Tolle Tage von Québec: Marshmellow als Maskottchen
Das Eispalais steht standesgemäß am Rand des Parlamentsgebäudes: 200 Tonnen Eis, 5600 Blöcke, jeder mehr als einen Meter lang und 75 Zentimeter hoch. Bonhommes Hofbaumeister heißt seit 40 Jahren Daniel Buchard - und der fürchtet nichts mehr als Temperaturen über dem Gefrierpunkt. "Wenn es zu warm wird, müssen wir nachts eimerweise Wasser über das Schloss kippen." In der Regel ist es aber zur Karnevalszeit, in diesem Jahr vom 27. Januar bis 12. Februar, so knackig kalt, dass die Eisfestung fest steht und geradezu im Schnee versinkt. Abends wird Bonhomme auf seiner Burg mit Konzerten unterhalten. Für die Stimmung und gegen die Kälte fließt dann der heiße Caribou, eine Glühweinspezialität aus Québec.
Der hügelige Parc des Champs-de-Bataille unterhalb des Eispalastes ist während der Karnevalstage Zentrum der Spektakel. Jeder Jeck, der etwas auf sich hält, trägt den kunterbunten Karnevalsschal um die Hüften. Auf kleinen Luftkissen oder in großen Schlauchbooten rasen sie die Hügel hinunter. Zur Stärkung wird heißer Ahornsirup in den Schnee gegossen, den die Karnevalisten zum Schlecken auf ein Hölzchen aufdrehen. Einige Narren kühlen ihr Gemüt bei einem Bad im Schnee oder fegen beim Seifenkistenrennen durch die Altstadt. Sogar aus Brasilien kommen Künstler, um die schönste Schneeskulptur zu bauen.
Luxushotel über dem St.-Lorenz-Strom
Etwas verwaist liegt in diesen Tagen die Colline Parlamentaire, der Parlamentshügel, im Herzen der Stadt. Von hier reicht der Blick von den Hochhäusern der Oberstadt entlang der Grand Allée über die Wohnviertel der Unterstadt bis zum mächtigen "Chateau Frontenac" in der Altstadt. Eine bessere Aussicht bietet sich Besuchern nur noch von der Aussichtsplattform im 31. Stock des Édifice Marie-Guyart.
Am Rand des Parlamentshügels beginnt hinter dem Stadttor die Rue Saint-Louis. Sie führt durch die Altstadt bis hin zum Chateau aus dem Jahr 1893 - ein architektonischer Zwitter mit Anleihen aus Mittelalter und Renaissance. Das heutige Luxushotel thront über dem St.-Lorenz-Strom. Durch die Eisschollen quält sich die Fähre hinüber auf die Südseite zur Vorstadt Lévis. Etwas weiter links stemmt sich die Ile d'Orléans in den Strom. Auf der dünn besiedelten Insel lässt sich nieder, wer es sich leisten kann. Im Sommer wächst dort Wein, im Winter hängen die Farmer Forellen in den Rauch.
Auf der lang gezogenen Terrasse Dufferin vor dem Chateau stehen viktorianische Pavillons, das Geländer zur Klippe hebt sich in mattem Grün gegen den Schnee ab. Auf einer kleinen Eisfläche ziehen Schlittschuhläufer ihre Bahnen. Vom Hügel der Citadelle sausen Menschen auf flachen Holzrodeln bis auf die Terrasse hinab. An deren Ende beginnt die Promenade des Gouverneurs, die entlang der Klippen des Cap Diamant führt.
Unterhalb der Terrasse, direkt am Wasser, schmiegt sich als schmales Band das Quartier Petit-Champlain an die Klippe. Es ist das älteste Viertel von Québec. Für einen Trautermin in der kleinen Kirche Notre Dame des Victoires warten Paare bis zu zwei Jahre. In den Gassen funkeln Eisskulpturen wie Kristall im Sonnenschein: Ein Elch steht vor dem Ladeneingang einer Boutique in der Rue du Petit-Champlain, an der Escalier du Casse-Cou lauert Bonhomme mit seinem breiten Grinsen. Auf der steilen, vereisten Holztreppe rutschte in früheren Jahrhunderten manch betrunkener Matrose aus und brach sich das Genick.
45 Minuten für 3,2 Kilometer
Halsbrecherisch ist auch das legendäre Kanurennen: Seit 1955 bahnen sich zur Karnevalszeit furchtlose Narren ihren Weg durch den St. Lorenz-Strom nach Lévis und zurück. Sie bezwingen eiskaltes Wasser, scharfkantige Schollen und die starke Strömung. "Beim ersten Mal wollte ich wegrennen, weil ich Angst hatte", gesteht Louis Archer. Der 63-Jährige ist 30 Rennen gefahren und steht heute im Publikum. "1971 hatten wir ein Loch im Kanu - wir haben es mit einem T-Shirt gestopft und sind trotzdem Zweite geworden".
Meist müssen die Athleten fast vollständig gegen den Strom fahren, um nicht hoffnungslos abzutreiben. Paddeln können die Kanuten nur selten, meist knien sie mit einem Bein auf der Sitzbank und treten das Boot wie einen Roller von Scholle zu Scholle. Wer ganz aussteigt, riskiert, auf einem Eispanzer zurückzubleiben. Für den 3,2 Kilometer langen Parcours brauchen die Teams mindestens eine Dreiviertelstunde. "Beim Fahren ist es tierisch heiß, erst im Ziel kriecht die Kälte die Beine hoch", erzählt Archer. Dann bemerken die Sportler auch die Wunden, die das Eis, eines der mit einer Metallspitze besetzten Paddel oder die Spikes des Vordermanns in ihre Haut gerissen haben.
Um Abschied von Bonhomme zu nehmen, tritt die Stadt zur großen Abschlussparade an. Dutzende Wagen, mehr als 1000 Akteure, Tanzgruppen, Spielmannszüge und Feuerspucker bilden einen kilometerlangen Lindwurm der guten Laune. Hundertausende Zuschauer säumen den Straßenrand - und bejubeln den Hohenpriester des Karnevals, der auf dem letzten Wagen tanzt. Bis zum Wiedersehen mit Bonhomme im Jahr darauf muss die Stadt den Wahlspruch der Provinz Québec beherzigen: "Je me souviens" - "Ich erinnere mich."
Von Dirk Averesch, gms