Pariser Unterwelt: Tour durch die Katakomben
In den Katakomben von Paris Kunst aus Knochen
Gerade mal 136 Stufen trennen die Gegenwart von einer 45 Millionen Jahre zurückliegenden Vergangenheit: Wer in der Nähe der Pariser Metro-Station Denfert-Rochereau in die Tiefe steigt, passiert ein halbes Dutzend Sedimente - Kreide, Schiefer, Mergel. Rund 20 Meter unter Straßenniveau, es riecht feucht und muffig, erreicht man eine Gesteinsschicht aus dem Lutetium, einer geologischen Periode, die nach Lutetia benannt wurde, der römischen Bezeichnung für Paris.
"Aus dem hier entdeckten weißen Kalk wurden die bekanntesten Monumente unserer Stadt geschaffen", sagt Sylvie Robin, Chef-Kuratorin am Musée Carnavalet, dem Pariser Stadtmuseum. Mit der Taschenlampe in der Hand deutet die Archäologin auf freigeschlagene Galerien. Sie sind reich an perfekt erhaltenen Versteinerungen, vor allem Muscheln und Schnecken - Beweis dafür, dass einst das Meer die Region bedeckte. "Die römische Arena, später Notre Dame oder der Louvre - die Quader dazu wurden hier geschlagen."
Das Baumaterial förderten die Arbeiter erst im Tagebau, vom 12. Jahrhundert an meißelten sie es im Stollenvortrieb frei und schafften es über senkrechte Schächte per Tretmühlen ans Tageslicht. Zurück blieben stämmige Säulen, die nötig waren, um die knapp zwei Meter hohen Stollen abzustützen; Schutt und Abraum wurde hinter eigens gemauerte Wände gekippt.
Mit der Ausdehnung der Hauptstadt wurde der Abbau unwirtschaftlich, die Existenz der Gänge allmählich vergessen. Bis im 18. Jahrhundert auf dem südlichen Seine-Ufer, nahe des heutigen Boulevard Saint-Michel, mehrere Häuser einstürzten. Ein Dekret des königlichen Rats vom 4. April 1777 verlangte daher die "Inspektion der Steinbrüche" (IGC) zur Kontrolle der etwa 300 Kilometer langen unterirdischen Galerien.
Vom Steinbruch zum Massengrab
"Einer der königlichen Inspekteure kam drei Jahre später auf die Idee, die ehemaligen Steinbrüche als gigantisches unterirdisches Beinhaus zu nutzen", sagt Archäologin Robin. Zuvor hatten die Pariser mehr als zehn Jahrhunderte lang ihre Toten von 22 Gemeinden auf dem Cimetière des Innocents verscharrt. Mit der Zeit war der Friedhof mehr als 2,5 Meter in die Höhe gewachsen, Kadaver, Abfall und Fäkalien verbreiteten Gestank und Krankheitserreger.
Als im Februar 1780 auch noch die Stützmauer auf dem Gelände zwischen der heutigen Rue Saint Denis und der Rue de la Lingerie nachgab, beschloss die Obrigkeit, das gefährliche Massengrab zu beseitigen. Der damalige Polizeipräfekt ordnete an, die sterblichen Überreste in die Steinbrüche zu schaffen, fünf Jahre später wurde der Friedhof der Innocents endgültig geschlossen und machte Platz für die Markthallen Les Halles.
Nach einem feierlichen kirchlichen Festakt wurden am 7. April 1786 die ersten Toten umgebettet. Binnen der nächsten 30 Jahre wurden auch die Knochen anderer städtischer Friedhöfe in das unterirdische Beinhaus geschafft. Die Skelette von rund sechs Millionen Menschen rollten durch Schächte in die Unterwelt, hier ruhen Unbekannte ebenso wie Promis aus Frankreichs Geschichte: Rabelais, Marat, Montesquieu, Colbert, Danton, Robespierre.
Unter Aufsicht der Steinbruchwächter wurden die Knochen mit großer Kunstfertigkeit aufgeschichtet - Stützwände aus Oberschenkeln, Ellen und Speichen verbergen die Reste der Gerippe. Ab 1808 organisierte Inspektor Héricart de Thury die Anordnung des Ossariums mit Hinweisen auf die ehemaligen Friedhöfe und Sinnsprüchen: Schädel wurden an manchen Stellen zu Ornamenten versammelt, mal als religiöse Insignien, mal als Symbole der Freimaurer. Über dem Eingang prangt die Inschrift: "Halt ein, hier ist das Reich des Todes."
Ganz friedhofsstill und leblos ging es in dieser Unterwelt nicht zu, bald wurde sie auch zum Zufluchtsort für Banditen und Schmuggler. Sie schätzten die Gänge und Galerien, um die Zollstationen am Pariser Ortsrand zu unterlaufen. Auch während des Zweiten Weltkriegs nutzten Schwarzhändler die Katakomben als Vorratskammern, dem französischen Widerstand dienten die Stollen als Versteck oder sichere Passagen.
Neue Ausstellungsräume, neue Route
Bei der Befreiung von Paris im August 1944 operierten die Forces Françaises de l'Intérieur von einer Befehlszentrale unter dem Place de Denfert-Rochereau. Aber auch die Nazis hatten in den Gängen einen Bunker eingerichtet. Und noch während der Studentenunruhen vom Mai 1968, so die Fama, entgingen Demonstranten durch die Flucht in den Untergrund prügelnden Bereitschaftspolizisten.
Heute schlendern Touristen durch die Katakomben. Bis Ende des Jahres sollen sie durch einen neuen Parcours und ein Museum ergänzt werden. "Weil nicht mehr als 200 Besucher gleichzeitig zugelassen sind", sagt Chef-Kuratorin Robin, "wird die Route etwas gekürzt." Zugleich werden Ausstellungsräume am Ausgang Literatur und Videos über die Geschichte der Pariser Unterwelt vermitteln: "Nach dem Eiffelturm sind die Katakomben das populärste Ziel der Paris-Touristen", sagt Robin stolz.
Die Zahl der Galerien schrumpft: Für den Neubau von Hochhäusern, Einkaufszentren oder Tiefgaragen werden unterirdische Lufträume durch die Injektion von Beton endgültig zugeschüttet. Für Besucher bleibt dennoch ein faszinierender Einblick in die Vergangenheit der Hauptstadt - für Schaudern sorgen nicht nur die makabren Exponate, sondern auch tropfende Decken und eine Temperatur von 14 Grad.
Für die Rückkehr zur Realität bedarf es dann nur noch eines Aufstiegs von 83 Stufen. Wenn sich die Eisenpforte an der Rue Rémy-Dumoncel Nummer 36 hinter einem schließt, ist man zurück im Paris der Gegenwart.