Kreuzfahrtriese in Hamburg: Rummelplatz auf hoher See - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Kreuzfahrtriese in Hamburg Rummelplatz auf hoher See

Hamburg beherbergt wieder einen Gast der Superlative: Mit Surfanlage, Kletterwand und Riesen-Spa hat die "Freedom of the Seas" als größter Cruiser der Welt alles an Bord, was zu einem Urlaub in einem Ferienresort gehört. Wozu sollte man da noch in die Karibik fahren?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Megaliner, Spaßgigant, Traumschiff, umgefallenes Hochhaus - der "Freedom of the Seas" wurden in den vergangenen Tagen, in denen sie in Hamburg die Schaulustigen anzieht, schon viele Namen verliehen. "Gigantisch", "beeindruckend", "unglaublich", kommentieren die Besucher am Grasbrook-Kai, doch Emotionen weckt das weiße Kreuzfahrtschiff, an dem lange Reihen hellgrüner Balkonverglasungen wie an einer besseren Neubausiedlung prangen, nicht. Ganz im Gegensatz zur eleganten "Queen Mary 2" (QM2), die noch immer Hunderttausende an die Elbe zieht, wenn sie sich wieder mal die Ehre eines Besuches gibt.

Dabei hat das neue Flaggschiff der norwegisch-amerikanischen Reederei Royal Caribbean gerade der "QM2" den Superlativ als größtes Kreuzfahrtschiff der Welt abgerungen. Die "Freedom" ist zwar kürzer, aber erheblich breiter als die Königin der Meere - doch ein Luxusliner ist sie nicht und will es auch nicht sein. Während die "QM2" nur 2600 Passagiere verwöhnen will, kann die "Freedom" auf annähernd gleichem Raummaß bis zu 1700 Gäste mehr transportieren, verpflegen und unterhalten. Sie ist ein "Vier-Sterne-Schiff", wie der Royal-Caribbean-Pressesprecher Olaf Amm sagt, "ein Resort auf dem Wasser".

Erlebnispark auf See

"Der Superlativ ist uns nicht so wichtig", sagt Amm trotz des Rummels, der die "Freedom" in diesen Tagen begleitet, "der Titel verfällt schnell wieder." Auf ein großes Schiff passten einfach mehr Gäste. Doch auch auf der großen Freiheit der Meere schillert, glitzert und prunkt es - und wie auf der "Queen Mary 2" ist auch hier überall der Art-Dèco-Stil zu sehen und soll an das Chicago der Zwanziger erinnern. Die 135 Meter lange Royal Promenade, die Einkaufsmeile im Herz des Schiffes, ist von in grellen Farben erleuchteten, meterhohen Glassäulen gesäumt, auf denen goldene Flügelwesen thronen.

Wie eine Straße mitten in der Stadt ist dieser Shopping-Bereich gestaltet: Vor den Bars stehen Tische, an denen Caffe latte serviert wird; Wegschilder geben Orientierungshilfen; in der Auslage von Nobelgeschäften liegen Juwelen. Auf einer "Ben & Jerry's"-Eisbar thronen zwei schwarz-weiße Riesen-Kühe; und mitten im Einkaufsgetümmel steht ein Oldtimer, ein Morgan. Eine kleine Wendeltreppe führt direkt hinab in die Spielhölle: in das funkelnde Casino Royale mit Hunderten von Automaten, aber auch Spieltischen.

Die Konzepte der beiden größten Kreuzfahrtschiffe der Welt beruhen auf zwei verschiedenen Philosophien: Während die Passagiere auf der "QM2" die Seereise an sich genießen wollen, ist die "Freedom" ein "Erlebnispark auf See", beschreibt es Peter Tönnishoff, Herausgeber des Magazins "Welcome Aboard". Die US-Amerikaner als größtes Kundengruppe der Reederei hätten nur wenige Tage Urlaub im Jahr und wollten dann viel erleben.

Und das können die Kreuzfahrer an Bord der "Freedom", wenn sie nicht in ihren überwiegend mit Balkonen ausgestatteten Kabinen bleiben - nicht umsonst hat die Royal Caribbean ihr Image als innovativste Reederei: Schon Standard auf ihren Schiffen sind die über 13 Meter hohe Kletterwand, die Schlittschuhbahn Centre Ice und die Flamingo-verzierte Minigolfbahn auf dem Oberdeck. Als Weltneuheit können jetzt auch Surfer auf Deck 13 üben. Mit gewaltigem Druck wird Wasser eine Stufe hochgedrückt, eine surfbare Welle entsteht - das Wasser spritzt in hohem Bogen über das Deck, wenn die Surfer einen Loop fahren.

Energieaustausch zwischen den Decks

Entspannter geht es im Spa-Bereich am Bug zu. Noch ein Deck tiefer können die Passagiere in einem Boxring die Fäuste schwingen oder mit Blick in Fahrtrichtung auf unzähligen Laufbändern und Spinningrädern ihre Energie loswerden. Leider ins Leere - die "Freedom" könnte sie gut gebrauchen: Das Konkurrenz- Schiff "QM2" benötigt so viel wie eine 200.000-Einwohner-Stadt am Tag. Energie auftanken können die Kreuzfahrer dann wieder in den zehn Restaurants - darunter das dreigeschossige Hauptrestaurant, in dem Riesenkronleuchter von der Decke hängen - und 16 Bars und Lounges, die von Bug bis Heck über die 339 Meter Länge der "Freedom" verteilt sind.

Derweil kümmern sich 18 Angestellte in einem "Adventure Ocean"-Bereich um die Kinder, schon ab sechs Monate alte Babys können hier abgegeben werden, die älteren haben jede Menge Daddelautomaten zur Verfügung und eine Disco. Ihre Eltern können sich im 1281 Plätze großen Arcadia-Theater eine der 42 Shows, die die Reederei auf ihren Schiffen auf Reisen schickt, ansehen.

Vergleich der Giganten

Daten "Freedom of the Seas" "Queen Mary 2"
BRZ 158.000 151.400
Länge (m) 339 345
Breite (m) 56 41
Höhe (Kiel bis Schornstein) (m) 72 71,9
Tiefgang (m) 8,5 10
Geschwindigkeit
(Knoten)
21,6 (Marschfahrt) 30 (max.)
Passagiere (Zahl) 4375 2620
Quelle: Royal Caribbean Cruises / Cunard

Bei dem Allroundprogramm hat eine Fahrt auf einem solchen Hochhausdampfer mit Reisen, dem Erleben fremder Länder, Kulturen und Menschen, wohl nicht mehr viel zu tun. Die garantierte Sicherheit an Bord ist wichtig für das US-amerikanische Publikum, und bequem ist es allemal, nur einmal im Urlaub die Koffer auszupacken. Typisch ist daher vielleicht auch die langjährige Forderung des "Kreuzfahrtenpapstes" Douglas Ward nach Cruises ohne Landgang: "Einige Passagiere sind so allergisch gegen die vielen Abzocker-Touristenorte, dass sie nichts lieber wollen, als auf See an Bord zu bleiben", schreibt Ward in seinem "Berlitz Cruise Guide".

Deutsche im Kreuzfahrtfieber

Das unausweichliche Schicksal der großen Pötte ist tatsächlich das Anlanden in Häfen, die für die Massen an Touristen eingerichtet sind. So wird auch die "Freedom" nach Dienstbeginn Anfang Juni während ihrer 7-Tage-Fahrten unaufhörlich immer dieselben Orte in der westlichen Karibik ansteuern: Miami in Florida, Cozumel in Mexiko, George Town auf Grand Cayman, Montego Bay auf Jamaika und Labadee auf Haiti. Die Häfen werden gezwungen, aufzurüsten - wie es auch Hamburg vormacht, an dessen noch provisorischem Kreuzfahrtterminal die "Freedom" am Montag lag: Ein zweites Terminal ist vor wenigen Tagen eröffnet worden.

Denn auch die Deutschen hat das Kreuzfahrtfieber gepackt, nach den US-Amerikanern und Engländern sind sie weltweit die größte Passagiergruppe. Im letzten Jahr waren es fast eine Million Deutsche, die ihre freien Tage auf einem See- oder Flussschiff verbrachten, ermittelte der Deutsche Reiseverband in seiner aktuellen Studie zum Kreuzfahrtmarkt. Das sind immerhin 8,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Aufgrund des boomenden Marktes wird sich der Hang der Reeder zu den Meeresgiganten in den nächsten Jahren noch fortsetzten: 28 Neubauten sind bis 2009 weltweit geplant, sagt Experte Tönnishoff.

Und auch die Royal Caribbean Cruises hat schon den nächsten Superlativ in Auftrag gegeben: Bis Herbst 2009 soll ein Megaschiff mit 200.000 BRZ im finnischen Turku entstehen. Rund 5400 Passagiere werden dann nach den ehrgeizigen Plänen mit der 360 Meter langen und 47 Meter breiten "Genesis" in See stechen - vielleicht mit einem Skizirkus auf dem Oberdeck?