Kulturmetropole Essen: Neues Leben über den Schächten - DER SPIEGEL
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Kulturmetropole Essen Neues Leben über den Schächten

Wo früher Kohleförderung und Schwerindustrie das Stadtleben bestimmten, dürfen sich heute Künstler und Star-Architekten austoben. Essen entwickelt sich zur Hochburg für Design, Kunst und Theater. Und mittendrin steht das Vermächtnis der Krupps.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Essen - Europäische Kulturhauptstadt wird Essen erst 2010, aber eine lebendige Kulturmetropole ist die größte Stadt des Ruhrgebiets schon heute. Museen, Ballett, Musical und bildende Kunst florieren in der Industriestadt. Die Unesco hat das bereits 2001 anerkannt und die Zeche Zollverein zum Weltkulturerbe erklärt. Der charakteristische "Doppelbock"-Förderturm über Schacht XII ist deshalb nicht nur das am häufigsten fotografierte Motiv der Stadt, sondern entwickelt sich auch zum Symbol für den Wandel vom alten Industrie- zum modernen Kulturstandort.

Die Zeche war einst die größte der Welt. Seit 1986 ist dort Schicht im Schacht. Doch nichts erinnert an Industrieruine, denn Tausende von Besuchern schauen sich alljährlich das industrielle Erbe an. Im ehemaligen Kesselhaus ist das Red Dot Design Museum eingezogen, nachdem der Star-Architekt Sir Norman Foster das Fabrikambiente auf seine neuen Aufgaben als Ausstellungsraum vorbereitet hat. Künftig soll auch die riesige Halle der Kohlenwäsche für ähnliche Zwecke genutzt werden. Hier, wo früher die Kohle vom unbrauchbaren Ballast befreit wurde, soll 2008 das Ruhrmuseum einziehen.

Eine 58 Meter lange Rolltreppe führt seit kurzem hoch in den alten Kohlenwäsche-Trakt, zur Ausstellung "Entry", die bis zum 3. Dezember eine Art Vorbote der neuen Nutzung sein soll. Wo schon jetzt die Zechenführungen beginnen, wird künftig das internationale Besucherzentrum zu finden sein. Auch zu "Entry" startet man von hier aus. Die Ausstellung beschäftigt sich mit der Zukunft des Designs - und dem Design der Zukunft. Nicht Produkte stehen dabei im Mittelpunkt, sondern Ideen und Technologien. Organische Architektur zum Beispiel, bei der Designer sich die Natur als Vorbild nehmen.

Das Vermächtnis der Krupps

Der Brückenschlag vom Gestern ins Heute ist in Essen an vielen Stellen zu sehen - auch in der Gartenstadt Margarethenhöhe. Dort wurde in diesem Sommer 100. "Geburtstag" gefeiert: Die 1906 eingeweihte Siedlung war damals ein Projekt für frühen sozialen Wohnungsbau. Rund 7000 Essener wohnen hier zu Miete - die Häuser gehören nach wie vor der Margarethe-Krupp-Stiftung für Wohnungsfürsorge.

Margarethe Krupp hatte zur Hochzeit ihrer Tochter eine Million Reichsmark und 50 Hektar Land für die Siedlung springen lassen. Inzwischen steht die Gartenstadt unter Denkmalschutz und ist selbst eine Touristenattraktion: Die Straßen sind hier schmal und manchmal fast steil. Die Häuser mit winzigen Vorgärten, akkurat gestrichenen Holzfensterläden und Schindeln an den Giebeln lassen eher an ein Schwarzwalddorf als an das Ruhrgebiet denken. An vielen Häuserwänden rankt sogar Wein in die Höhe. Und auf dem Marktplatz plätschert ein Brunnen.

Den Krupps verdankt Essen auch die Villa Hügel: Einst war sie das Wohnhaus der Unternehmerdynastie - mit 260 Räumen feudaler ausgestattet als manches Schloss. Ein riesiger Park umgibt sie, in dem Besucher frische Luft schnappen können, nachdem sie sich in der klassizistischen Villa umgesehen haben, die Alfred Krupp Anfang der 1870er Jahre bauen ließ. Heute ist die Villa Hügel bekannt für hochkarätige Kunstausstellungen, die es fast im Jahresrhythmus gibt. Gerade gestartet und noch bis 26. November zu sehen ist "Tibet - Klöster öffnen ihre Schatzkammern".

Bauernhöfe, Pferdeweiden und Sonnenblumenfelder

Krupp hat schon gewusst, warum er seine Villa in Essens Süden bauen ließ: Der Norden gehörte den Zechen und den Malochern. Der Süden dagegen ist grün. Und heute liegt fast vor der Haustür der Baldeneysee, der allerdings erst in den 1930er Jahren angelegt wurde. Auch der älteste Stadtteil Werden ist nicht weit entfernt. Auf der Fahrt dorthin sind Bauernhöfe zu sehen, Pferdeweiden und Sonnenblumenfelder. Hier zeigt sich Essen überraschend ländlich. Bekannt ist Werden allerdings mehr für die Folkwang Hochschule für Musik, Theater und Tanz, die dort seit 1964 in einer barocken Abtei untergebracht ist.

Ihre Absolventen machen weit über das Ruhrgebiet hinaus immer mal wieder von sich reden. Die Choreografin Pina Bausch ist eine von ihnen. Dass sie maßgeblich dazu beigetragen hat, dass das Tanztheater Wuppertal in diesem Jahr von Kritikern als das beste in NRW gekürt wurde, nimmt ihr in Essen sicher keiner übel - obwohl sie damit das Aalto Ballett Theater vom ersten Platz verdrängt hat.

Aha-Erlebnisse in moderner Architektur

Das Essener Aalto Musiktheater selbst dagegen hat seinen Spitzenplatz behauptet. Direkt neben der Philharmonie im Stadtgarten gelegen, ist es sogar dann einen Besuch wert, wenn es keine Vorführungen gibt. Die Touren, bei denen das Labyrinth der Gänge und Räume erkundet wird, dauern eineinhalb Stunden. Und dabei gibt es mehr zu sehen als Kulissen von hinten: Schon der Blick erst aufs Treppenhaus und dann von dort herunter ist ein Aha-Erlebnis.

Der Theaterbau stammt von dem finnischen Architekten Alvar Aalto - und seine Geschichte klingt selbst nach Theater. Erst hatte Aalto Ende der fünfziger Jahre den Wettbewerb für den besten Entwurf gewonnen, dann passierte Jahrzehnte lang nichts. 1983 wurde doch noch gebaut. Einweihung war fünf Jahre später - zwölf Jahre nach Aaltos Tod. Die Fachwelt war begeistert, das Opernhaus gilt als einer der schönsten Theaterbauten der Nachkriegszeit.

Die Innenausstattung ist eher schlicht, die Eingangshalle niedrig. Die Zuschauer sitzen zwischen Weiß und Blau, den finnischen Nationalfarben. Und obwohl es mehr als 1000 Plätze gibt, fühlt sich niemand verloren: Kein Sitz im Zuschauerraum ist mehr als 25 Meter von der Bühne entfernt. Die 680 Mitarbeiter stemmen gut 25 Inszenierungen pro Jahr.

Andreas Heimann, gms

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