Lissabon Neues Leben in alten Gassen
Ein Meer von Häusern, Kirchen und Palästen. Ein Meer, das sich über die Hügel erstreckt und sich hinunter zu den Hafenanlagen am Tejo senkt: Der erste Blick auf Lissabon ist voller Nostalgie. Für den Schriftsteller José Cardoso Pires war sein Lisboa ein "Stadtschiff" mit Straßen und Gärten - und "selbst die Brise, die darin weht, schmeckt salzig".
Die Stadt, einst Metropole eines Weltreiches und lange vom Verfall bedroht, besinnt sich ihrer Geschichte. Mit der Expo 98, der Weltausstellung unter dem Motto "Die Ozeane - ein Erbe für die Zukunft", kehrte das Leben nach Lissabon zurück.
Zwei Jahre nach der Weltausstellung ist wieder Alltag eingekehrt. Doch selbst "wenn es nur für die neuen Straßen und die Metrolinie war", sagt Joanna Coreira, "dann hat sich die Expo schon gelohnt". Die Lehrerin lebt am östlichen Stadtrand von Lissabon, in der Nähe des Parque das Nações , wo die Weltausstellung stattfand.
Mindestens eine Stunde lang stand ihr Bus morgens im Stau auf dem Weg ins Stadtzentrum. Heute ist sie mit der Metro in einer Viertelstunde in ihrer Schule. Jahrelang war nicht nur das alte Hafengelände am Ufer des Tejo eine gigantische Baustelle, sondern ganz Lissabon. Doch wer im Jahr 2000 die Metropole besucht, reibt sich verwundert die Augen: Die Stadt funktioniert wieder. "Und sie ist so schön geworden", schwärmt Joanna Correira.
Für die Weltausstellung wurde ein verseuchtes Hafengelände im Osten der Stadt saniert, wurden alte Erdölraffinerien abgerissen und Giftmüll entsorgt. Als Industriedenkmal blieb nur ein Gasometer stehen. Ein komplett neuer Stadtteil mit futuristischer Architektur ist entstanden.
Konzerte, Ausstellungen und Theater finden auf dem ehemaligen Gelände der Weltausstellung statt. Öffentliche Tennis- und Golfplätze, Parks und Wassergärten, ein Segelclub und ein Schwimmbad ziehen Lissaboner aus den anderen Stadtteilen an. Für den "Parque das Nações" gibt es ein Leben nach der Expo.
Die Expo war Anlass für eine längst überfällige städtebauliche Modernisierung. Die neue fast 18 Kilometer lange Brücke über den Tejo wurde eingeweiht, Umgehungsstraßen wurden eröffnet und die Metro hat neue Haltestellen bekommen. So auch im 1988 vom Feuer zerstörten Viertel Chiado, das heute wieder in alter Frische erstrahlt: Edel-Boutiquen und ein Fünf-Sterne-Hotel eröffneten hinter den alten Fassaden. Unten in der Baixa, der Unterstadt, strahlen am zentralen Platz Rossio wieder zwei der letzten traditionellen Caféhäuser, das "Nicola" und das "Suiça".
Undenkbar waren bis vor einigen Jahren die Veränderungen, die heute am Tejo zu sehen sind. Eine Mauer aus Lagerhallen, Fabrikgebäuden und Hafenanlagen versperrte das Ufer. Erst mit den Planungen für die Weltausstellung wurde auch am Fuß der Altstadtviertel begonnen, das Ufer neu zu gestalten - angefangen bei der Praça do Comércio, einem quadratischen Platz, der sich wie eine prächtige Eingangshalle zum Ufer des Tejo öffnet. Jahrzehntelang war die Praça als Europas schönster Parkplatz verschrien. Jetzt wurde sie den Flaneuren zurückgegeben.
Nahe der Brücke 25 de Abril wurden die alten Lagerhäuser restauriert, Bars, Restaurants und Discotheken zogen ein - vom irischen Pub bis zum portugiesischen Nobelrestaurant. Ab Mitternacht drängeln sich die Massen im Salsa Latina, einem ehemaligen Zollgebäude, das heute von Karibik-Sound erfüllt wird.
Wem's zu heiß wird, der schlendert hinaus auf die Dachterrasse und blickt in die Nacht über dem Tejo: dem Arm des Meeres, der einst die Segelschiffe empfing, die aus unbekannten Welten zurückkehrten.