Liverpool: Schilderklau in der Penny Lane - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Liverpool Schilderklau in der Penny Lane

Cavern Club, Strawberry-Field-Waisenhaus, Penny Lane: Die populärsten Sehenswürdigkeiten Liverpools verdanken ihre Beliebtheit den Beatles. Bis heute dreht sich für viele Besucher alles um die Fab Four – doch nicht alle Pilgerstätten sind frei zugänglich.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Liverpool - "'Pete Best forever, Ringo never', skandierten die Beatles-Fans vor dem Liverpooler Cavern-Club", erzählt Phil Hughes. Dabei war der heute 44-Jährige noch viel zu jung, um die Auswechslung des Schlagzeugers der Gruppe durch Manager Brian Epstein miterlebt zu haben. Aber er kennt sich in der Szene aus. Mit seinem Minibus und sichtbarer Begeisterung führt er die Gäste zu allen mit der Band in Verbindung stehenden Plätzen der Stadt. Die meisten Besucher kommen wegen der Beatles nach Liverpool. Vor genau 800 Jahren erhielt das einstige Fischerdorf, dessen Name so viel bedeutet wie "dunkle Bucht", das Stadtrecht. Später spielte sein Hafen eine führende Rolle im lukrativen Sklavenhandel, was die Stadt am Mersey-Fluss zu einer der wohlhabendsten des englischen Königreichs machte.

Phil spricht in dem schnellen Liverpooler Dialekt. Wenn er sich auf den Straßenverkehr konzentriert, erklingen aus dem kleinen Lautsprecher "Penny Lane" oder "Strawberry Fields forever". Jeder kennt die Adressen in der Vorstadt durch die Songs, in denen John Lennon und Paul McCartney Kindheitserlebnisse aufarbeiten. Das Schild von Penny Lane, der Bushaltestelle mit den Fotos im Friseurladen und dem Banker, der ein Auto fährt, während die anderen arm sind, wurde immer wieder von Fans gestohlen. Phil rüttelt daran: "Jetzt ist es sicher verankert." Das Gelände des ehemaligen Waisenhauses von Strawberry Field, wo John bei den Sommerfesten Limonade verkaufte, darf nicht betreten werden. Die Kritzeleien am roten Gartentor aber zeigen, dass trotzdem viele Fans hier waren.

Starthilfe von Mona und Mimi

In der Nachbarschaft steht Tante Mimis Haus, in dem John aufwuchs. Das Mendips wie auch das ehemalige Wohnhaus der McCartney-Familie in der Forthlin Road 20 mit Originalmöbeln und Fotos an den Wänden gehört dem National Trust. Die Besichtigung beider Kindheitsstätten muss dort gebucht werden, bedauert Phil. Der wahre Geburtsort der Beatles sei ohnehin der "Casbah" in West Derby, tröstet er. In dem bis heute original erhaltenen "Coffeeclub" von Petes Mutter, Mona Best, konnten die vier Jungs damals ungestört üben.

Der Cavern-Club in der Mathew-Street, in dem die Beatles von 1961 bis 1963 fast 300-mal auftraten, feiert in diesem Jahr sein 50. Jubiläum. Obwohl das Kellergewölbe unter einem alten Lagerhaus nicht mehr im Original erhalten ist, gilt es als berühmtester Rock-Tempel der Welt und das gleichnamige Viertel mit den Souvenirs und Erinnerungsstücken der sechziger Jahre als Paradies der Beatlesfans. Wohl kaum einer, der sich nicht gegenüber vor dem Cavern-Pub, dessen Backsteinwand 1800 Künstlernamen zieren, neben der Bronzestatue von John Lennon fotografieren lässt.

Auch die erste Begegnung zwischen John und Paul jährt sich 2007 zum 50. Mal. Phil macht einen Stopp an der St. Peters Church, in deren Nähe sich auch das Grab von Eleanor Rigby befindet. Ein Schild erinnert an das Kirchenfest, bei dem Johns Band "The Quarrymen" auftrat, in der Paul McCartney gern mitspielen wollte. Phil macht auf der Tour auch auf andere Sehenswürdigkeiten Liverpools aufmerksam: das Empire Theater, die St. George's Hall, die Wellington-Säule, den Radio-City-Turm mit dem drehenden Restaurant oder die weltgrößte anglikanische Kathedrale. In dem roten Sandsteingebäude im neogotischen Stil wurde 1991 ein Orchesterwerk Paul McCartneys uraufgeführt. Die Hope-Street verbindet es mit der katholischen Kathedrale, in deren Krypta jährlich ein Bierfest stattfindet, weiß Phil, der noch zum "Empress Pub" fährt.

Stadttour mit der "Yellow Duck Marine"

Ringo Starr setzte dem Pub in der High Park Street mit seinem Soloalbum "Sentimental Journey" ein bleibendes Denkmal. In der benachbarten Madryn Street 9 wohnte Ringos Patentante Maurin Mc Guere, die ihm Lesen und Schreiben beibrachte, als er so oft krank war. Hier im Vorort Dingle im Süden von Liverpool, der früher als Jagdforst diente, gibt es noch heute viel Grün und Wasser. Zu den Grünanlagen gehört der Sefton Park, bekannt durch "Liverpool's Women's 10K", einen jährlichen Wettlauf für Frauen. Das Pflanzenhaus wurde von George Harrison gesponsert. Das Geburtshaus des "leisen" Beatles steht auch in Dingle. Den Straßennamen Arnold Crove nutzte er oft als Pseudonym.

Endstation und gleichermaßen Höhepunkt der Tour ist nicht die weltweit älteste und größte öffentliche Einrichtung zum Thema Beatles, denn die steht im deutschen Halle an der Saale, sondern das Beatles-Museum am historischen Albert Dock am Mersey. Die fünf Lagerhäuser beherbergen heute auch andere Museen, Galerien, Restaurants, Bars und Läden. Gegenüber grüßen die mystischen Liverbirds vom Royal Liverbuilding, dem Wahrzeichen der Stadt. Hier startet auch die "Yellow Duck Marine". "Ein unvergessliches Erlebnis, mit dem Amphibienfahrzeug Liverpool zu erkunden", räumt Phil neidlos ein und spielt den Song "Yellow Submarine".

2008 will Liverpool als europäische Kulturhauptstadt auch mit anderen Attraktionen Gäste anlocken. Aber schon auf dem Flughafen, der den Namen "John Lennon Airport" trägt, werden sie unweigerlich auf die Beatles eingestimmt. Und auch im offiziellen Programm dürfen die Beatles nicht fehlen: So spielt Paul McCartney am 1. Juni 2008 im berühmten Anfield Football Stadium. Ringo Starr wird zusammen mit anderen Stars beim Eröffnungskonzert am 12. Januar 2008 auftreten.

Cornelia Höhling, ddp

Mehr lesen über