Ljubljana: Metropole im Kleinstadtformat - DER SPIEGEL
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Ljubljana Metropole im Kleinstadtformat

Römische Wurzeln, viel Barock und Jugendstil, dazu Pariser Flair mit mediterraner Leichtigkeit - Ljubljana. Ihre Bewohner lieben sie, verlassen sie und können doch nicht ohne sie leben. Denn "Ljuba" heißt "die Geliebte". Kann es einen schöneren Namen für eine Stadt geben?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie hätten einander begegnen können Ecke Slovenska und Gosposvetska: Die Stadt ist so klein; aus den Gesprächen an zwei Kneipentischen wäre im Laufe des Abends eines geworden. "Die achtziger Jahre waren eine gute Zeit", würde der Künstler gesagt haben, der außerdem Theaterregisseur ist. "Die achtziger Jahre in Ljubljana waren gefährlich genug, um sich als Kunstschaffender radikal zu fühlen. Aber nicht so gefährlich, als dass wir ein existenzielles Risiko eingegangen wären." Der junge Dichter könnte erwidert haben: "Ich empfinde es als Freiheit, nicht angreifen zu müssen. Ohne großen Gegner Kunst zu machen, die nicht um jeden Preis provokativ sein muss."

Diese Sätze fallen tatsächlich - an anderen Abenden, anderen Menschen gegenüber. Zwischen zwei Generationen, von denen die eine den Sozialismus als Gegner jugendlicher Rebellion, die andere ihn gerade noch als Kindheitserinnerung gespeichert hat. Es sind zwei Ufer einer Gegenwart, die einem ruhigen Fluss gleicht.

Bei Regen verschwindet die Stadt hinter Schirmen, verschwinden die barocken Turmspitzen, die Burg. Der Statue von France Prešeren, des verliebten, verlassenen Nationaldichters, rinnt das Wasser die Wangen herunter. Kein Mensch zu seinen Füßen. Das Leben zieht sich zurück an Orte, die warm hinter Glas leuchten.

Als Kind hätte Domen Fras zur Bande der Roten Zora gehören können, aber vielleicht glaubt man das von zu vielen Männern, die klein sind, dunkle Kinnbärte tragen und südlich von Wien aufgewachsen sind. Durch die orangefarbenen Gläser seiner Brille stellt sich Ljubljana als provinzielle Hauptstadt dar, kaum 300.000 Einwohner, "zu bourgeois"' um sie zu lieben, zu gemütlich, um sie zu hassen. Eine Zeit lang war Domen in London, zum Studieren. Dann kam er zurück wie die meisten, die gehen, um wieder nach Hause zu kommen. "Ich habe hier alles, was ich brauche: ein Büro, das ich mit zwei Kollegen teile, ein altes Auto, ein Fahrrad, und ich habe eine kleine Wohnung ohne Wohnzimmer. Aber das brauche ich auch gar nicht - mein Wohnzimmer ist Ljubljana." Domen Fras ist Designer und 32 Jahre alt.

Zum Mobiliar des Wohnzimmers gehört der Altstadtkern, wo Kanal-Romantik die Bauten des legendären Architekten Jože Pleãnik umspült, mit dessen Tod 1957 die Geschichtsschreibung der slowenischen Baukunst endet. In den Erdgeschossen restaurierter Palais und Wohnhäuser haben sich Kreative, Designer, Galeristen niedergelassen. Von ihrer Produktion leben können die wenigsten Künstler: Sie sind eingeklemmt zwischen dem stumpfen Glanz der k.u.k.-Monarchie, die viele Spuren in der Stadt hinterlassen hat, und der letzten großen Avantgardebewegung, dem Kollektiv "Neue Slowenische Kunst" (NSK), das in den achtziger Jahren mit seinen Musik-, Kunst- und Performance-Sektionen antrat, die Selbstgerechtigkeit der Post-Tito-Ära zu stören.

So wurde die NSK-Band "Laibach" international bekannt - mittlerweile feiert sie ihr zwanzigjähriges Bestehen, die Mitglieder der Künstlergruppe "IRWIN" sind in den Vierzigern: Es ist nicht leicht, auf diesem Boden etwas Neues entstehen zu lassen. Aber überall in Ljubljana sprießen Keime aus dem Pflaster.

Designverpackung für Kamillentee

Draußen, am Stadtrand, kleben noch Reste der realsozialistischen Kruste - viel Platte und breite Alleen, deren Anblick Flaneure frieren lässt. Irgendwo dazwischen treffen Vergangenheit und Zukunft aufeinander: meterhohe Vitrinen, in denen das internationale Kapital seine Produktpalette zur Schau stellt. Der Privatisierungsprozess dauert an.

Metelkova, das besetzte Haus mit Veranstaltungsräumen nahe dem Bahnhof, hat vor Jahren zum letzten Mal für Schlagzeilen gesorgt. "Die alternative Szene von Ljubljana ist tot", sagt Domen. Was lebt, sind DJ-Kultur und Drum & Bass, "nichts, was politisch codiert wäre". Also mehr Schlange stehen als Widerstand, nachts vor dem Türsteher der Edel-Disco "Global" beispielsweise, wo die Drinks teuer und die Blicke stechender sind als in anderen Kneipen der Stadt.

In der Cafeteria des "Building of Fun" knallt die neue Laibach-CD aus den Lautsprechern. Die Corporate Identity des Elektro-Großhändlers auf der gar nicht so grünen Wiese ist auf der 19. Design-Biennale von Ljubljana mit einer goldenen Medaille bedacht worden - neben einem Kochgerät aus Finnland, einer Geschirrspülmaschine und der Gedächtnistafel für das Konzentrationslager Kampor-Rab.

Die Ladenhalle selbst ist dunkel, nur von Strahlern erhellt wie nach einem Konzert, wenn die Band längst von der Bühne verschwunden ist und die letzten Gäste ihr Bier austrinken. Wir sprechen über den Biennale-Entwurf einer Designerin, die als Verpackung für Kamillentee blütenförmige Beutel ersonnen hat. Maja zischt einen Satz auf Slowenisch, aus dem der Wortstamm "Idiot" ragt. Verkaufen würden sie sich aber, die Beutel. Maja sagt: "Klar, alles, was ich blöd finde, verkauft sich gut."

Slowenischer Minderwertigkeitskomplex

Maja Jančič, 34, ist Illustratorin. Sie teilt ihr Büro mit Domen Fras. "Ich könnte hier die Regale entlanglaufen, mir alle CDs anhören - Pop, National-Rock, Ex-Ju - und würde doch nichts finden, was mir gefällt." Sie trägt eine rote Jacke mit chinesischem Muster, schwarze Hosen, orangefarbene Nylonstrümpfe und Samtschuhe. Domen, meint Maja, sei viel patriotischer, was Musik betrifft. Es klingt wie eine Entschuldigung.

"Ich würde nicht sagen, dass wir einen Minderwertigkeitskomplex haben", meint Domen. "Es ist eher eine Art innerer Zwang, slowenische Errungenschaften immer und überall herauszustellen, weil wir so klein sind und selten in den Nachrichten vorkommen." Also doch ein Minderwertigkeitskomplex.

Mittagessen im Stadtteil Trnovo. Zehn Gehminuten vom Zentrum entfernt beginnt das ländliche Schrebergartenidyll Laibachs. Aus der Plečnik-Brücke wachsen Bäume, vor der Kirche St. Johannes der Täufer, wo der traurige Dichter Prešeren seiner unerfüllten Liebe zum ersten Mal begegnete. "Trnovo! Unglücksort, zur zehnten Stunde / hat Unheil, Schmerz geschlagen mich in Ketten / es drang der Stahl aus reiner Augen Gründe."

Die Hähnchenschenkel auf meinem Teller tragen eine Blume in der Beuge. Architekturstudenten laufen mit Pappmodellen über die Straße. "Wie ich vor zehn Jahren", sagt Domen. Vor seinem Studium und während des slowenischen Unabhängigkeitskriegs 1991 war Domen beim Militär. Er hatte überlegt, ob es sich lohnt zu desertieren. Ein paar Tage später war der Krieg vorbei, die slowenischen Wehrdienstleistenden wurden entlassen.

Gehasst und geliebt

Maja sagt, die Leute seien früher reflektierter gewesen. Nicht auf Dinge reingefallen wie "Building of Fun". Vor sechs, sieben Jahren habe das angefangen, der Run auf Statussymbole, bei dem es nicht um Inhalte, sondern um das geht, was auf der Verpackung steht. Leute, die zwei Betten bestellen, obwohl sie nur in einem schlafen können. Sie glaubt, dass etwas vorbei ist, das nicht wiederkommt. Und manchmal hat sie das Gefühl, die einzige zu sein, der es fehlt. Im gesamten Stadtgebiet wirbt ein Handyhersteller mit dem Slogan "Totalna Revolucija"; den Hammer zur Sichel ersetzt ein Mobiltelefon.

Die Mehrzahl der Gassen tragen Namen von Schriftstellern, doch das Gespräch mit dem jungen Dichter Aleš Šteger kann nicht in Laibach stattfinden - auch er ist im Ausland unterwegs. Auf dem Prešernov trg krabbelt ein Kleinkind über das Stadtmodell aus Metall. In Flussläufen und Innenhöfen trocknen Regenpfützen. Junge Menschen sitzen auf den Stufen zum Denkmal in der Sonne, Autos und Passanten teilen sich die drei Plečnik-Brücken, die Alt- und Neustadt miteinander verbinden.

Tage kann man damit zubringen, der Musik vom Ufer der Ljubljanica zuzuhören, Aktivisten von Amnesty International und Markthändlerinnen zuzusehen, die bewegte Szene aus Sitzern und Läufern zu betrachten, die sich in ihren Rollen abwechseln wie ein Perpetuum Mobile. Wäre Maja da, würde sie fragen, warum es alle eigentlich immer so verdammt eilig haben. Und dabei die Augen schließen, ihr Gesicht in die Sonne halten, lächeln und für sich behalten: Dass sie Ljubljana hasst und zugleich liebt.