London Hochgefühle in Hampstead
Rings um den höchsten Berg der Hauptstadt - dem 150 Meter hohen Whitestone Pond - reihen sich die Residenzen gut betuchter Bürger, von Liberalen, Intellektuellen und zahlreichen Politikern. Bürgermeisterin des Viertels ist Glenda Jackson, vielen besser bekannt als Schauspielerin.
Bevorzugte Tageszeitung ist der "Guardian". Etwas zerlesen, aber sorgfältig zusammengefaltet, hängt er am Garderobenhaken von Louis P'tisserie. Wer etwas auf sich hält, frühstückt hier - im kleinen Innenraum oder an den wenigen Tischen. Die Fensterfront der Traditionscafés, 1963 von Emigranten aus Ungarn gegründet, ist eine einzige Verführung: zentimeterhohe Tortenträume mit Mandeln und Marzipan, Früchtebrote, Obstkuchen, Petit Fours und Pralinés, perfekt präsentiert zwischen Bergen von Brezeln und Bagels, Croissants und Cornish Pasties, salzig gefüllten Teigtaschen.
Kalorien, die ein Klassiker lässig vernichtet: der Spaziergang über Hampstead Heath. Bergauf und bergab winden sich ausgewaschene Sandwege über die 325 Hektar große Heide-, Wald- und Wiesenfläche. Knorrige alte Eichen säumen den Wege, dann bilden Buchen eine Allee. Einsame Wege wechseln sich ab mit belebten Hängen und Hügeln. Am Primrose Hill strickt eine ältere Dame auf einer Bank. Ab und an blickt sie von ihren Nadeln hoch und lässt den Blick schweifen. London liegt ihr zu Füßen - von den Bürotürmen der Canary Wharf im Osten, vorbei an der Kuppel von Saint Paul's Cathedral, dem spitzen Turm von Saint Martin-in-the-Fields, weiter gen Westminster, hin zum Big Ben und der Themse-Brücke bei Putney, die im Dunst entschwindet.
Gen Norden dominiert seit 1765 ein strahlend weißer Prunkbau die Parklandschaft: Kenwood House. In seiner Konzertmuschel am See werden des Sommers Konzerte geboten: Jazz, Klassik und Opern unter freiem Himmel. Umgeben von Rembrandt und Vermeer, Gainsborough und Guardi, blickt Lady Hamilton im Iveagh Bequest von Kenwood House auf die Besucher: die Geliebte von Admiral Nelson.
John Keats, der mit seinen Dichterkollegen Coleridge und Wordsworth über die Heath wanderte, fand seine Geliebte im Nachbarhaus. Der romantische Poet verliebte sich 1818 in die Mieterin von nebenan, Fanny Brawne. Im gemeinsamen Garten entstand sein berühmtes Liebesgedicht, die Ode "To A Nightingale". Ein Pflaumenbaum ersetzt heute den Baum, unter dem Keats einst die Verse geschaffen hat. Noch original erhalten sind sämtliche Möbel von Keats - Wohn-, Schafzimmer und Küche bilden heute ein kleines, feines Museum.
Ebenfalls sehenswert ist das einstige Wohnhaus von Sigmund Freud, der 1938 vor den Nationalsozialisten aus Wien nach London geflohen war. In der Villa von Maresfield Gardens verbrachte der Psychoanalytiker sein letztes Lebensjahr. Hier vollendete Freud sein Spätwerk "Moses und Monotheismus", empfing Besucher wie Herbert George Wells und Salvador Dalí und saß stundenlang in der Loggia im Garten. Die berühmte Analyse-Couch, kunstvoll drapiert mit türkischen Teppichen, steht im Erdgeschoss.
Ein Cembalo, auf dem Georg Friedrich Händel gespielt hat, bildet ein Highlight der Benton-Fletcher-Collection. Die Sammlung früher Tasteninstrumente ist im Fenton House ausgestellt - und im Sommer zu hören. Alle zwei Wochen werden Klavichord und Clavicimbel, Spinett oder Tafelklavier bei Barockkonzerten vorgestellt.
Als der National Trust auch das Anwesen 2 Willow Road erwarb, hielten es viele für eine mutige Tat: Die Architektur, die der gebürtigen Ungar Ern-Goldfinger in seinem Wohnhaus beispielhaft umsetzte, war beispielsweise 007-Autor Ian Fleming so verhasst, das er einen seiner Bond-Verbrecher nach ihm benannte. Heute gilt der Pionierbau der Moderne als bestes Beispiel für Goldfingers Philosophie des "structural rationalism". Einstündige Führungen verraten, wie im gesamten Gebäude Platz äußerst ökonomisch genutzt wurde - von den Betten bis zum Bad.
Ganz und gar nicht modern, sondern bestes Bilderbuch-Britannien bieten die stillen Straßen und steilen Gassen, die Hampstead zwischen den beiden geschäftigen Lebensadern Heath Street und Hill Street durchziehen. Church Row, eine hohe Häuserzeile mit reichem Fassadenschmuck und schmiedeeisernen Gittern, gilt als bestes Beispiel einer georgianischen Straße. Auch The Mount hat sich kaum verändert, seit Ford Madox Brown sie vor rund hundert Jahren malte. Lauter feine, kleine Shops mit Tand und Trödel, Lifestyle und Lebensart säumen den Flask Walk, der sich am gleichnamigen populären Pub zum Well Walk öffnet.
Einzig ein Springbrunnen erinnert hier daran, dass Hampstead im 18. Jahrhundert eine kurze Hochzeit als Heilbad erlebte. Pope und Gay labten sich an den Heilwassern - während im sumpfigen Vale of Health, dem Tal der Gesundheit, Malaria die Menschen dahinraffte. Thackeray und Dickens hingegen schworen auf süffigen Gerstensaft. Wie Shelley, Byron, Keats und andere Künstler zechten sie in Spaniard's Inn, dessen Bar in Teilen noch von 1585 erhalten ist. Urtümlicher als Jack's Straw Castle, dessen "historische" Einrichtung aus den sechziger Jahren stammt, ist der Pub Holly Bush.
Das fahle Licht einer Gaslaterne beleuchtet den Eingang. Fünf Stuben, dunkel und niedrig, gruppieren sich um eine altertümliche Bar aus Holz. Ebenso der Zeit entrückt scheint so mancher Zeitgenosse, der im Schein der Lampen an schlichten Holztischen und tiefen Balken bestes Bier genießt: Benskins, Burton's und Tetley's. Wie in allen britischen Pubs sind Religion und Politik am Tresen tabu.
Und die Liebe? Sie machte den Magdala Pub berühmt. Draußen vor der Tür erschoss Ruth Ellis ihren früheren Lebenspartner. Die Einschusslöcher von 1955 sind noch heute erhalten.