London: Weinberge unter S-Bahn-Bögen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

London Weinberge unter S-Bahn-Bögen

Als große Weinnation gilt Großbritannien nicht gerade. Londons neueste Attraktion, "Vinopolis" genannt, hat sich trotzdem ganz dem edlen Rebensaft verschrieben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

London - Das nach eigenen Angaben größte Weinmuseum  der Welt lädt zu einem vielseitigen Rundgang durch die Welt des Rebensaftes ein - vom ersten Tropfen der Geschichte über die Geheimnisse der Kelterei bis hin zur feucht-fröhlichen Kostprobe. Noch ist die Ausstellung am Themse-Ufer erst wenigen bekannt.

Gegründet wurde das Museum vom Weinhändler Duncan Vaughan-Arbuckle, dem vor zwölf Jahren - natürlich bei einem Gläschen Wein - seine wahre Bestimmung klar wurde. Mit umgerechnet 90 Millionen Mark ist die Aufklärungsidee Wirklichkeit geworden.

"Die meisten Menschen haben nicht die Möglichkeit, in ein Anbaugebiet zu reisen, also bringe ich den Weinberg einfach zu ihnen." Der Standort unter S-Bahn-Bögen ist dabei gar nicht so abwegig: Nur wenige Meter entfernt wurden bei Ausgrabungen die Relikte eines römischen Weinkellers entdeckt.

Mit dem geschichtlichen Ursprung des Weines wird der Rundgang auch eröffnet. Ein über 8000 Jahre alter Tonkrug steht am Anfang des rund 20 Stationen umfassenden Parcours - und ist zugleich das wertvollste Stück der Ausstellung.

Die Länge des Rundgangs wird davon bestimmt, wie lange man dem Audio-Guide zuhören will: Wer keinen Kommentar zu den Exponaten auslässt, schlendert mindestens vier Stunden durch die rund 12.000 Quadratmeter große Ausstellung.

Erklärt wird dabei der Werdegang einer Beere vom Rebstock bis zum Flascheninhalt, das komplizierte Verfahren der Champagner-Herstellung und vor allem der feine Unterschied zwischen unendlich vielen Weinsorten: Beaujolais, Cabernet Sauvignon, Rioja, Chianti oder Müller-Thurgau.

Deutschlands respektablem Ruf als Weinland ist ein eigener Ausstellungsraum gewidmet, in dem auch zu einer von fünf Gratis-Proben eingeladen wird: 240 Weine stehen dabei zur Auswahl. Professionelles Ausspucken ist zwar erlaubt, in London  aber noch unüblich.

Die einzelnen Weinregionen werden im passenden Ambiente vorgestellt: So geht es auf dem Sitz einer knatternden Vespa durch Italien. Virtuell natürlich: Die toskanischen Weinberge flimmern lediglich über die kleine Windschutzscheibe.

Im Raum nebenan blickt der Liebhaber amerikanischer Tropfen durch eine Hollywood-Filmkamera, um mehr über das kalifornische Anbaugebiet Napa Valley zu erfahren. Australiens Rebstöcke sind aus dem Cockpit eines Propeller-Flugzeugs zu bestaunen.

Natürlich darf am Ende der Ausflug ins Wissenschaftliche nicht fehlen: Kann Rotwein wirklich einem Herzinfarkt vorbeugen? Auch in der "Stadt des Weins" in London ist man sich uneinig: "Bürgermeister" Vaughan-Arbuckle lädt dazu ein, das Problem bei einem Gläschen zu diskutieren - dem Museum angeschlossen sind eine gemütliche Weinbar sowie zwei Restaurants. Den neu entdeckten Lieblingstropfen können sich Besucher im Souvenir-Shop dann gleich für den eigenen Weinkeller einkaufen.

Informationen:

"Vinopolis - City of Wine" ist täglich von 10 bis 17.30 Uhr geöffnet, samstags, sonntags und montags sogar bis 22 Uhr. Die Adresse lautet: 1 Bank End, London SE1 9BU (U-Bahn-Station: London Bridge). Der Eintrittspreis liegt bei umgerechnet 35 Mark, darin enthalten sind die Führung per Audio-Guide sowie fünf kleine Weinproben. Karten können auch im Internet  vorbestellt werden.