Luftverkehr: Die neue Art zu fliegen - DER SPIEGEL
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Luftverkehr Die neue Art zu fliegen

Für 29 Mark nach London und zurück- Ryanair macht's möglich. Aber nicht bei allen billigen Linienfluggesellschaften laufen die Geschäfte so gut wie bei den Iren, und außerhalb der London-Strecken gibt es kaum Angebote.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Heute ist Fliegen in Europa ganz anders als noch vor wenigen Jahren: Die Flugzeuge vor allem der neuen Billig-Linienflieger sind in schreienden Farben bemalt, knallrot etwa bei Virgin Express oder grellgelb bei Buzz, oder gleich mit Produktwerbung versehen: Bei Ryanair fliegt zum Beispiel eine Boeing 737 in der Bemalung eines Bierglases, gefüllt mit rotbraunem irischem Gerstensaft, die Schaumkrone perlt sanft um das Cockpit herum. Dann das Innenleben der Flieger, zum Beispiel in den gelben Jets der holländisch-englischen Gesellschaft Buzz: Die Frontwand mit giftgrüner Folie beklebt, die Sitze mit lila Bezügen und debil anmutenden Mustern aus weißen Linien versehen.

Und erst die männlichen Flugbegleiter: Giftgrüne Hemden und wirre Linien sogar auf den Krawatten, ihre weiblichen Kollegen dafür etwas dezenter gekleidet. Die Botschaft ist klar: Fliegen ist easy, Fliegen ist fun, ein billiges Vergnügen für alle. Kein Wunder, dass die Kundschaft manchmal entsprechend aussieht: Vor allem im Sommer klagen die Besatzungen über Gäste, die kaum mehr als Strandbekleidung am Leib tragen. Pioniere sind Niedrigpreis-Fluggesellschaften, sogenannte Low Cost Carrier, die den Flug auf die eigentliche Transportleistung reduzieren und auf allen Komfort verzichten, dafür aber Spottpreise bieten. Vorbild sind die USA, wo schon seit über zwei Jahrzehnten Southwest Airlines mit zur Zeit über 50 Millionen Passagieren im Jahr und mehr als 300 Flugzeugen vormacht, wie so etwas zum Erfolg wird.

"Das ist jetzt das am stärksten wachsende Marktsegment in Europa", sagt Floris van Pallandt, Chef von Buzz, "während in Amerika ein Viertel aller Passagiere mit Low-Cost-Gesellschaften fliegen, ist es in Europa erst jeder 20. - da herrscht ein großer Nachholbedarf". Noch ist die Anzahl der Strecken, auf denen es überhaupt eine Billig-Alternative gibt, sehr beschränkt. Am besten haben es England-Fans: Der Flughafen London-Stansted nördlich der britischen Hauptstadt hat sich zum Mekka der billigen Linienflüge entwickelt, und auch Etablierte wie die Lufthansa ziehen zu erstaunlich günstigen Preisen nach.

Platz für drei Mark

Bereits seit zehn Jahren hat sich die irische Ryanair als größte Niedrigpreisgesellschaft etabliert. Sie befördert mit 31 Flugzeugen 7,2 Millionen Passagiere (2000) und fliegt dabei kräftige Gewinne ein. Erstaunlich, wenn man ihre Flugpreise betrachtet: Für ein britisches Pfund, gut drei Mark, plus Gebühren kann man mit Glück bereits einen Platz zwischen Dublin und Stansted bekommen. Natürlich zahlen die meisten Kunden mehr, aber Ryanair und alle anderen Billigflieger verkaufen nicht nur ein paar Plätze zu den günstigsten Tarifen, sondern normalerweise mindestens die Hälfte der Sitze.

Seit bald zwei Jahren fliegt Ryanair auch nach Deutschland. Im April 1999 starteten die Iren mit Flügen ab Hahn in Rheinland-Pfalz nach Stansted, zunächst zweimal, kurz darauf dreimal täglich. Außerdem fliegt Ryanair je einmal täglich nach Glasgow-Prestwick und nach Shannon. Vor einem halben Jahr begannen die zwei täglichen Flüge zwischen Lübeck und Stansted - die Abflüge von beiden deutschen Städten entwickelten sich glänzend, 400.000 Passagiere nutzten bisher diese Routen.

Schnäppchenpreise im Internet

Bereits im Februar soll die Aufnahme von Diensten zu einem dritten deutschen Flughafen bekannt gegeben werden. Grund für den Erfolg sind die Schnäppchenpreise der Ryanair: Wer im Internet bucht, zahlt mit Glück manchmal nur 29 Mark für den Hin- und Rückflug nach London plus 62 Mark Gebühren. Die regulären Flugpreise beginnen bei 149 Mark, kaum jemand mit etwas zeitlicher Flexibilität muss mehr als 200 Mark für Hin- und Rückflug plus Gebühren zahlen - undenkbar noch vor wenigen Jahren.

Für diesen Preis wird er an sein Ziel gebracht, sonst aber auch nichts. Die Sitzabstände sind mit 73 Zentimeter wesentlich enger als etwa bei Lufthansa, Snacks und Getränke (sogar Wasser kostet 1,50 Mark) sind zu bezahlen, Kaffee und Tee gibt es gar nicht.

Doch nicht alle billigen Liniengesellschaften sind in Deutschland so erfolgreich wie Ryanair. Die British-Airways-Tochter Go zog sich nach einem Streit mit Lufthansa, die ihre Tarife unterboten hatte, für ein halbes Jahr aus München zurück und ist erst seit September wieder mit zwei täglichen Flügen nach Stansted an der Isar präsent.

Inzwischen will BA ihre Tochtergesellschaft verkaufen, Interesse hat unter anderem die spanische Iberia signalisiert. Buzz hat sich aus Hamburg zurückgezogen, auch eine Folge des Erfolges von Ryanair im benachbarten Lübeck, und fliegt jetzt nur noch von Berlin-Tegel, Düsseldorf und Frankfurt nach Stansted. Nur nach Berlin, dem größten deutschen Markt, wagte sich bisher Virgin Express.

Die Gesellschaft des Milliardärs Richard Branson schreibt aber rote Zahlen und streicht zum 15. Januar ihr Streckennetz massiv zusammen. Davon sind auch die Flüge von Berlin-Schönefeld betroffen, die bisher nach Brüssel, Rom (je einmal täglich) und Stansted (zweimal täglich) führten.