Lyon: Hauptstadt der Gourmets - DER SPIEGEL
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Lyon Hauptstadt der Gourmets

Nach Lyon kommen Besucher aus vielen Gründen: Sie schätzen die Allgegenwart der römischen Geschichte, sie möchten in der Stadt speisen, die die meisten Spitzenköche in ganz Frankreich vorweisen kann, oder sie haben Lust, sich in einem malerischen Labyrinth zu verlaufen – in den so genannten "traboules" in der Altstadt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Steil geht es bergauf. Wer keinen festen Halt hat, kommt gefährlich ins Wanken. Auf dem Weg zum Gipfel des Fourvière-Hügels schiebt sich die Drahtseilbahn Meter um Meter vorwärts. Seit 1860 ersparen die "Funiculaires" den Lyonaisern den schweißtreibenden Aufstieg auf die Hügel. Früher zog das Gewicht der Talbahn die Gipfelbahn nach oben, heute haben die Bahnen einen eigenen Antrieb. Auf dem Gipfel bietet sich von der Terrasse neben der Basilika Notre-Dame de Fourvière eine grandiose Aussicht auf die zweitgrößte Metropole Frankreichs. An klaren Tagen reicht die Sicht bis zu den Alpen.

Basilika und Bleistift prägen die Shilouette der Stadt

Als einziges Hochhaus weit und breit ist im Osten der "Bleistift" der Crédit Lyonnais, der Bank der Seidenfabrikanten, zu erkennen. Am Fuß des Hügels windet sich die Saône, gleich dahinter die Rhône durch die Stadt. Auf dem Fourvière breiten sich zwei römische Theater aus: Hier wurde Lyon von den Römern 43 vor Christus als Lugdunum gegründet und stieg schon bald zur Hauptstadt Galliens auf. "Dass Lyon vor Paris Hauptstadt war, ist den sonst so unprätentiösen Lyonaisern wichtig", sagt Stadtführerin Françoise Vomscheidt. Bis heute haben sie nicht vergessen, wie die Pariser Konventionstruppen 1792 das ebenso bourgeoise wie katholische Lyon ausradieren wollten.

Auf dem Fourvière thront über allem und weithin sichtbar die Basilika von 1872. Die Kirche hatten die Lyonaiser der Jungfrau Maria versprochen, sollten die Preußen im Krieg 1870/71 die Stadt verschonen. Die Armee stoppte bei Dijon. Die Geschichte der römischen Theater gleich neben der Basilika erklärt das in den Hang konstruierte Gallo-Romanische Museum. Dort sind auch prachtvolle Mosaiken und andere Fundstücke aus der Römerzeit zu sehen. Von Juni bis August erweckt das Festival "Nuits de la Fourvière" die Theater mit Konzerten, Schauspiel und Kino zum Leben.

Der Abstieg vom Fourvière hinunter in das Vieux Lyon gleicht einer Zeitreise in das Italien des 16. Jahrhunderts: Hunderte von Häusern im Stil der Spätgotik bis hin zur italienischen Renaissance geben der Altstadt ihr Gesicht. Das Viertel verdankt seine florentinische Architektur den italienischen Banken, Geschäftsleuten und Handwerkern, die sich dort vor 400 Jahren niederließen. Mit ihnen kamen die Webstühle, und die Stadt begann auf königlichen Befehl, den Faden der Seidenraupe zu verarbeiten. Die Fassaden und prachtvollen Höfe erstrahlen seit einigen Jahren in südländischen Farben, die je nach Sonnenstand zwischen Orange, Terrakotta und Rot changieren. Mit der Industriewüste im Süden der Stadt, die von der Autobahn aus zu sehen ist, hat dies nichts gemein.

Romantisches Labyrinth: Die "traboules"

Die Seele der Altstadt ist ein System versteckter Gänge. Haustüren verbergen die Eingänge. Dahinter warten dunkle Flure, Innenhöfe, Treppen und feuchte Gewölbe. Einst brachten Weber so ihre wertvollen Stoffe trockenen Fußes und auf schnellstem Wege zu den Händlern. In den so genannten "traboules" versteckten sich aber auch die Feinde der Jakobiner, Weber probten dort den Aufstand, und Widerstandskämpfer der Résistance flüchteten sich vor den deutschen Besatzern in die Gänge. Eine besonders schöne der noch rund 300 begehbaren traboules führt von der Rue du Bouf 27 in die Rue Saint-Jean 54.

Bei einem kleinen Abendspaziergang präsentiert Lyon sein zweites Gesicht. Von 22.00 Uhr an werden viele Gebäude festlich angestrahlt. Die Basilika von Fourvière schwebt dann auf einer blauen Wolke, die Kuppel des Rathauses schimmert golden, und die Oper pulsiert purpurrot. Der Lichterglanz der illuminierten Quais und Brücken zeichnet den Flusslauf von Rhône und Saône nach. Mit der jährlichen "fête des lumières" Anfang Dezember wird Lyon endgültig zur Stadt des Lichts. "Unsere Lichtkünstler haben ihre Installationen schon nach Sankt Petersburg und Havanna exportiert", sagt Françoise Vomscheidt. Großen Erfolg mit Licht und Schatten hatten bereits die Lyonaiser Brüder Lumière: Sie erfanden vor 110 Jahren das Kino.

Die Altstadt verfiel nach dem Weggang der Weber und wurde erst vor 15 Jahren restauriert. Fourvière, Vieux Lyon, die Presqu'île genannte Halbinsel zwischen den Flüssen und das Weberviertel sind seit 1989 Weltkulturerbe. Mit der Erfindung der Kunstseide 1889 war die Weberei in ihrer bisherigen Form auch auf dem Croix Rousse am Ende. Heute beherrschen noch zwölf Lyonaiser die Jacquard-Technik. "Ihr Wissen geben sie nur an jeweils eine Person weiter, weil kaum noch Aufträge für aufwendige Seidenarbeiten, wie sie Könige und Klöster orderten, kommen", sagt Françoise Vomscheidt.

Innereien gehören zu den lyonesischen Spezialitäten

Den besten Zugang zu Lyons berühmter Küche finden Gourmets bei einem Spaziergang über den Markt auf dem Boulevard de la Croix Rousse. Seit dem 15. Jahrhundert werden hier nicht nur Gemüse und Käse aus der Region verkauft. Vor allem Fleisch und Geflügel in allen Variationen bieten die Händler auf dem Hügel feil. Darunter auch kräftige Innnereien wie Pansen (tripes) oder Kalbshirn (tête de veaux), mit denen sich die Weber nach ihrer harten Arbeit sättigten. Verkauft werden die deftigen Spezialitäten in bouchons, kleinen Gaststätten, die früher oft von den Webersfrauen betrieben wurden.

Würstchen aus Innereien mit dem Namen Andouillettes, die Quenelles genannten Kalbsklößchen, Linsensalat oder Kochwurst sind nur einige bekannte Speisen der Lyonaiser Küche, von denen Besucher wenigstens eine probiert haben sollten. "Paul Bocuse oder Nicolas Le Bec kann man frühmorgens auf dem Markt am Saône-Quai Saint Antoine treffen", sagt Sylvie Bonnafond vom Tourismusbüro. Lyon wird auch die Hauptstadt der Gastronomie genannt, weil es nirgendwo in Frankreich mehr Sterneköche gibt. Neben Luxustempeln und bouchons variieren tausende Bistros und Restaurants die Lyonaiser Küche.

"Kinder schließt die Augen, gleich nach dem Tunnel kommt Lyon", soll der französische Schriftsteller Alphonse Daudet gemahnt haben, wenn der Zug von Paris in die Provence die Metropole querte. Grau und verkommen muss es an Saône und Rhône Ende des 19. Jahrhunderts ausgesehen haben. Ein Bild, das die Stadt zu Beginn des 21. Jahrhunderts umgekehrt hat: Südfrankreich und sein savoir-vivre beginnen in Lyon.

Von Dirk Averesch, gms