Mallorca: Insel der Inspiration - DER SPIEGEL
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Mallorca Insel der Inspiration

Auf der Deutschen liebsten Ferieninsel tummeln sich nicht nur Touristen. Auch die Künstlerdichte ist extrem hoch. Ein Blick in die Ateliers auf der "Insel der Farben".
Von Helge Sobik
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Eiland im Mittelmeer lockt Maler und Bildhauer an - und das nicht erst, seit Joan Miró sich hier niederließ. Ein paar hundert Künstler leben und arbeiten auf Mallorca - manche Schätzungen sprechen von bis zu 3000. Die Insel und ihr geheimnisvolles Licht inspirieren. "Als Kind", so hat Miró einmal gesagt, "habe ich den Himmel Mallorcas bewundert. Und in der Nacht hat mich hier die Spur einer Sternschnuppe, das Leuchten eines Glühwürmchens verzaubert - selbst das Blau des Meeres bei Dunkelheit." Das Atelierhaus des katalanischen Künstlers, der 1983 starb, in Cala Major ist heute ein viel besuchtes Museum.

Auch der dänische Künstler Anders Nyborg, der eine stillgelegte Klosterkirche in Calonge zum Atelier umbauen lassen will, ist vom Licht auf der Insel verzaubert. "In den Wintermonaten ist es schlicht zwei Stunden länger hell als zu Hause in Dänemark." Nyborg kommt seit über zehn Jahren regelmäßig nach Mallorca und hat längst auch künstlerisch seine Spuren auf der Insel hinterlassen - am augenfälligsten in Cala d'Or: Auf einem Kreisverkehr am Eingang des Ferienortes erhebt sich neun Meter hoch seine Stahl- und Eisenskulptur "Aves de Paso" ("Zugvögel"), eine Anspielung auf die Touristenschwärme, die vom Sommer hierher gelockt werden.

Nyborgs Nachbar ist Jørn Utzon, der hochbetagte Architekt der Oper von Sydney, der mit seiner Frau zurückgezogen bei S'Horta lebt und genießt, dass ihn auf der Insel kaum jemand kennt oder gar über die verschlungenen Pfade durch Mandelbaumreihen und Weinreben zu seinem Alterssitz findet. Utzons mallorquinische Zeichnungen werden in einer kleinen Galerie in Manacor ausgestellt: Dort, wohin fast nur Einheimische den Weg finden und niemand Deutsch versteht, weit weg vom "Ballermann"-Mallorca der Playa de Palma.

An manchen Tagen fährt der rundliche Mann stundenlang mit seinem kleinen Holzboot vor der Steilküste im Westen Mallorcas auf und ab. Während er meditiert, tanzt die Nussschale auf den Wellen. Ab und zu erwacht er aus seinen Träumen, dann schießt er ein paar Fotos von den Mittelmeer-Brechern, die gegen die meterhohen Felsen klatschen.

Die Eindrücke verschmelzen auf der Leinwand

Auch der mallorquinische Künstler Joan Riera Ferrari sucht in der See Inspiration. Zu Hause in Manacor, der zweitgrößten und vom Tourismus dennoch nur gestreiften Stadt der Insel, stapelt er Diamagazin über Diamagazin: Alles Fotos der Steilküste. Blitzschnell jagt er sie durch den Projektor: 50 Dias in weniger als einer Minute. "Gleich danach beginne ich zu malen, verschmelze alle diese Eindrücke der Fotos im Kopf und forme daraus auf der Leinwand ein einziges Steilküstengemälde." Zentimeterdick trägt Riera Ferrari seine mit Erdpigmenten und Leim angereicherten Farben auf - erst mit der Maurerkelle, später für die Feinarbeit mit dem Pinsel. Die Bilder, die er malt, sind so dreidimensional, dass sie sich auf der Grenze zwischen Gemälde und Skulptur bewegen. Aus der Nähe erscheinen seine Werke völlig abstrakt und verschlüsselt, von weitem sind sie fotorealistische Abbildungen mediterraner Küstenlandschaften. Egal aus welcher Entfernung: Riera Ferraris Arbeiten sind Verkaufsschlager unter Mallorca-Liebhabern, derzeit zählt er zu den gefragtesten Künstlern der Baleareninsel und feiert auch international Ausstellungserfolge: Rom, Barcelona, Hamburg - alles Stationen eines Jahres.

In seinen kraftvollen, fröhlichen Werken ist Leichtigkeit zu spüren. Für düstere Traurigkeit ist auf der Insel des Lichts kein Platz. "Ich könnte woanders nicht leben, nicht arbeiten", schwärmt Riera Ferrari. "Ich würde den Sonnenaufgang vermissen. Und diese Steilküste! Die Felsen hier sind Anfang und Ende der Zeiten, sind spannender als Strände oder Wiesen. Die wären zu kurzlebig."

Auch junge Maler haben hier alle Chancen für einen guten Start: Ausstellungen in Bars oder Restaurants, in einer der zahllosen Galerien in Palma oder in kleinen Dörfern im Hinterland, in denen eigentlich niemand mit einer Kunstausstellung rechnen würde. Acht Galerien gibt es alleine im nur 12.000 Einwohner starken Pollença. "Sammler können hier heute leichter Entdeckungen machen als in den Kunstmetropolen Paris oder New York", erzählt Galerist Toni Marquet, selbst Maler.

Auch Mäzenatentum ist ausgeprägt vorhanden. Die Bankiersfamilie March etwa unterhält einen riesigen Skulpturengarten hoch über Cala Ratjada - zugänglich allerdings nur nach Voranmeldung im Rahmen organisierter Führungen. Dafür veranstaltet und fördert der Clan regelmäßig Ausstellungen in den Bankfilialen - Starthilfe für junge Künstler wie kürzlich für den expressiven Bildhauer Rafel Sunyer Forteza.

Für Llorenç Ginard ist das Licht auf seiner Heimatinsel Mallorca unwichtig. In seinem Atelier in der Altstadt von Manacor arbeitet er in einer düsteren und scheinbar seit Generationen nicht mehr aufgeräumten Kammer. Hier formt er expressive Skulpturen menschlicher Torsos. "Ich lebe für die Kunst, nicht für die Ordnung", sagt er. Seine Arbeiten sind verkauft, ehe er sie begonnen hat. Ruhm ist ihm egal, Showeffekte sind ihm fremd, über spontane Besucher freut er sich. Auch das ist typisch für Mallorca: Kunst nicht als elitäre Minderheitenveranstaltung, sondern als gelebter Alltag.