Manchester Eine Stadt im Fußballfieber
Manchester - Spätestens seit den sportlichen Höhenflügen von Manchester United in den neunziger Jahren gilt die Stadt in Nordwestengland als eine der Fußballstädte Europas schlechthin. Das Finale des wichtigsten europäischen Fußballwettbewerbs, der Champions League, wurde trotzdem noch nie im Stadion der nach der Farbe ihrer Trikots benannten "Red Devils" ausgetragen. Das wird sich am 28. Mai ändern - obwohl feststeht, dass United nach dem Ausscheiden gegen Real Madrid im Viertelfinale nicht mit von der Partie ist. Doch auch vor dem Anpfiff und ebenso nach der Übergabe des Champions-League-Pokals lohnt sich ein Besuch in Manchester.
Wer heute in das ehemalige Zentrum der Baumwollindustrie reist, das Ende des 19. Jahrhunderts den Weltmarkt beherrschte, reist grundsätzlich auch in die Fußballstadt Manchester: Neben den "Reds" kicken auch der "Arbeiterverein" Manchester City und der Vorortclub Bolton Wanderers in der höchsten Spielklasse Englands, der Premier League. Unangefochtene Nummer eins ist jedoch United, das 1999 in einem spektakulären Champions-League-Finale Bayern München besiegte und spätestens seitdem als eines der besten Fußball-Teams der Welt gilt.
Old Trafford, das Stadion von Manchester United, heißt bisweilen auch "theatre of dreams", "Theater der Träume" - und scheint nicht zuletzt auch Traumtheater von Architekten zu sein: In den neunziger Jahren wurde es in mehreren Schritten umgebaut. Dabei wurde unter anderem die Stehplatztribüne der hartgesottensten und lautstärksten Fans, das "Stretford End", zum "West Stand" mit Sitzplätzen - eine Folge von Ausschreitungen in den achtziger Jahren. Die VIP-und Presseräume von Old Trafford ähneln hippen Szene-Restaurants oder Clubs.
Doch wie schon vor Jahrzehnten können Stadionbesucher, die auf den unteren Rängen der Tribünen und damit direkt am Spielfeldrand sitzen, das Gras beinahe riechen. Wen interessiert es da schon, dass es mittlerweile aus Holland eingeflogen wird? Und die Spruchbänder, die die Ränge zieren, wirken selbst im leeren Stadion: "Republic of Mancunia", "Republik Manchester", heißt es da zum Beispiel lokalpatriotisch.
Sogar Menschen, die sich nur wenig für Fußball begeistern, dürften bei einer Besichtigungstour in Old Trafford vor Sitzplätzen, die für Legenden des Ballsports aus Manchester reserviert sind - Sir Bobby Charlton oder Matt Busby etwa - ehrfurchtsvoll innehalten. Nach dem Tod Busbys 1994 blieb der Platz jahrelang leer, heute wird der mit rotem Leder überzogene Sitz von seinem Sohn benutzt.
Auch ein Radio-Studio gibt es im Stadion. "We are totally United", sagt Matt Proctor, schrulliger Moderator und Produzent, der an jedem Spieltag acht Stunden lang aus seinem Kämmerchen überträgt. Das ist mehr als nur ein Notbehelf für die vielen Fans, die ohne Karten geblieben sind: Tickets für ein Ligaspiel von Manchester United sind ohne Beziehungen praktisch nicht zu bekommen - für eine Jahreskarte soll die Wartezeit rund acht Jahre betragen. Auf das 8,50 Pfund (12 Euro) teure Ticket für die Besichtigungstour, die auch die Umkleidekabinen und das Vereinsmuseum einschließt, müssen Besucher dagegen nicht lange warten.
Außerhalb von Old Trafford scheint Manchester ebenfalls von "König Fußball" regiert zu werden: So lacht United-Star David Beckham von zahlreichen Litfass-Säulen. In der Buchhandlung "Sportpages" wird ausschließlich Fußballliteratur verkauft. Und in den Läden hängen die roten Schals und Trikots von Manchester United - oder eben die blauen für Manchester-City-Anhänger.
Rund 50 Kilometer nördlich der Stadt wurde vor zwei Jahren das nationale Fußball-Museum Englands eröffnet - im Stadion des Clubs Preston North End FC, dem ersten Premier-League-Sieger des Landes. Hier sind unter anderem Schwarz-Weiß-Übertragungen mit Fußballern zu bestaunen, die noch auf dem Spielfeld ihre Zigarette zu Ende rauchen. Auch Aufzeichnungen von Fan-Ausschreitungen sind zu sehen - wenn auch eher voyeuristisch als aufklärerisch.
Über ein Museumsstück dürften sich deutsche Fußballfreunde nicht freuen: der orangefarbene Ball aus dem Finale der Weltmeisterschaft 1966 zwischen England und Deutschland. "Der Ball war damals natürlich nicht hinter der Linie", gibt selbst der Museumsdirektor zu.
Zu einem ähnlichen Mythos wie das "Wembley-Tor" von 1966 sind in Manchester die "Red Devils" geworden. Verantwortlich dafür ist ein Ereignis, das in der Stadt mit "München" umschrieben wird. Damit ist jedoch nicht der Sieg gegen Bayern München 1999 gemeint, sondern der Ort, über dem 1958 die Mannschaft Manchester Uniteds auf dem Weg zu einem Spiel in Belgrad mit dem Flugzeug abstürzte. Acht Spieler starben, Trainer Busby überlebte schwer verletzt.
Zumindest finanziell ist das tragische Unglück längst verschmerzt: Gilt der Lokalrivale Manchester City weiter als bodenständig, zählen die inzwischen an der Börse notierten "Red Devils" heute nicht nur zu den besten, sondern auch zu den reichsten Clubs der Welt.
Auch die Stadt Manchester versucht, das Renommee des hochkarätigen Fußballensembles für sich zu nutzen und damit Besucher in ihre Sehenswürdigkeiten zu locken. Dazu zählt das Lowry an den Salford Quays, ein gigantischer Stahl-Glas-Komplex mit zwei Theatern und mehreren Ausstellungsräumen. Im Stadtzentrum kann beispielsweise das Urbis-Museum besucht werden, eine Ausstellung rund um das Thema Urbanität.
Sein Proletarier-Image hat Manchester, das weltweit erste Modell einer Industriestadt, längst hinter sich gelassen. Heute gilt die Stadt, die selbst nur gut 400.000 Einwohner hat, deren Umland aber etwa 2,5 Millionen Menschen bevölkern, auch als schickes Bankenzentrum. Vergleichbar verlief auch die Entwicklung der "Red Devils": Die heutige Fußball-Topadresse Manchester United war 1902 aus dem "Newton Heath Football Club" hervorgegangen - einem Eisenbahnerverein.
Von Dietmar Telser, gms