Mannheim: New Yorks Zwilling am Rhein - DER SPIEGEL
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Mannheim New Yorks Zwilling am Rhein

Mannheim hat nicht den besten Ruf, ist aber beileibe keine Stadt für Underdogs. Zum 400-jährigen Jubiläum putzt sich die Heimat der Quadrate heraus und wuchert mit ihren kulturellen Pfunden. Da ist ein Vergleich mit New York gar nicht mehr so abwegig.
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Seit der Verleihung der Stadtrechte im Jahre 1607 hat sich in Mannheim vieles bewegt. Die einstige kurpfälzische Residenzstadt mauserte sich zum Zentrum einer Metropolregion, in der Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Kunst wichtige Rollen spielen. Im neuen Jahr wird nun Jubiläum gefeiert: Mannheim ist 400 Jahre alt.

Nachdem die erste Blütezeit unter Kurfürst Karl Theodor mit der Verlegung der pfälzischen Residenz nach München im 18. Jahrhundert vorüber war, bedurfte es großer Industriegründungen, um Mannheim wieder nach vorn zu bringen. Grundlage waren bedeutende Erfindungen, die in der Stadt gemacht wurden. "Bei uns wurde die Welt auf die Räder gestellt", sagt Waltraud Schlepps vom Stadtmarketing. "Freiherr von Drais entwickelte mit der Draisine das erste Zweirad, und Carl Benz bastelte in seiner Werkstatt so lange an der Motorisierung seiner Kutsche, bis das weltweit erste Auto fahrbereit war. Heinrich Lanz schließlich produzierte die ersten Traktoren." Dank der Lage am Zusammenfluss von Rhein und Neckar entwickelte sich Mannheim aber auch zu einer bedeutenden Handels- und Hafenstadt.

"Bereits zum 300-jährigen Stadtjubiläum konnte sich Mannheim mit dem Friedrichsplatz eine der schönsten Jugendstilanlagen Europas leisten", sagt Schlepps. Rund um den 60 Meter hohen Wasserturm, das Wahrzeichen der Stadt, entstanden Parkanlagen und Wasserspiele. Gesäumt wird die Anlage von Arkaden und dem Kongress- und Veranstaltungszentrum "Rosengarten". Der Hauptsaal mit 3600 Sitz- und 1400 Stehplätzen war lange der größte seiner Art. Im Foyer erinnert eine Sepp-Herberger-Büste an den berühmten Sohn Mannheims. 1954 führte er die deutsche Nationalelf als Trainer zur Weltmeisterschaft.

Das Besondere wird zum 400. saniert

Zum Ensemble am Friedrichsplatz gehört auch die Kunsthalle. Hier wurde eine Sammlung mit Weltniveau aufgebaut, die sich heute, 100 Jahre später, mit einem neuen Ausstellungskonzept präsentiert, das so in noch keinem anderen Museum existiert. "Wir zeigen die Kunst nicht mehr traditionell in ihrer zeitlichen Abfolge von Stilen und Epochen", sagt Direktor Rolf Lauter. Unter dem Motto "Lebendigmachen des Kunstbesitzes" werden Werke des Museums und Leihgaben zu neuen Ausstellungsgruppen zusammengefügt. "Dadurch ergeben sich für den Betrachter völlig neue Perspektiven", ist Lauter überzeugt. Zum kulturellen Programm, das die 400-Jahr-Feiern im Jahr 2007 begleitet, steuert das Museum eine Ausstellung zu seiner Geschichte bei.

Wie die Kunsthalle wurde auch die Universität vor 100 Jahren gegründet. Heute stehen hier Abiturienten für einen Studienplatz Schlange. In den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften belegt die Hochschule seit vielen Jahren Spitzenplätze in Rankings. Die Vorlesungen finden in Deutschlands größtem Barockschloss statt, dessen 440 Meter lange Fassade im Vorfeld des Jubiläums vom Staub befreit wurde. Auch im Inneren wurde renoviert: Eine neue Bibliothek entstand, viele Säle und das Schlossmuseum wurden aufwendig saniert.

Auch die "Kurpfalzachse", die Schloss und Neckar verbindet, wird aufgewertet. Die in die Jahre gekommene Flaniermeile erhält solide Granitplatten, eine Allee aus neu angepflanzten Kaiserlinden und eine moderne Straßenbeleuchtung. Zusammen mit den "Planken" bildet sie das Rückgrat der Innenstadt, die in Quadrate aufgeteilt ist.

Mannheim und New York: Das zweieiige Zwillingspaar

Die quadratische Struktur geht auf den Festungs- und Stadtbau von Kurfürst Friedrich IV. im Jahr 1606 zurück. Der Ingenieur Barthel Janson entwarf das gitterförmige Straßennetz, das durch ähnlich große Baublöcke - die Quadrate - gebildet wird. Die Straßen haben keine eigenen Namen. Vielmehr wurden, ähnlich wie bei Schachbrettern, die Quadrate mit Buchstaben und Ziffern bezeichnet. Hier wohnt also niemand in einer Friedrich-Ebert-Straße oder Konrad-Adenauer-Allee, sondern die Postadressen lauten beispielsweise einfach S6 oder G7.

"Mannheim ist etwa gleich alt wie New York und hat ein ähnlich regelmäßiges Straßenraster wie die amerikanische Metropole", sagt die Stadtführerin Kathrin Axt. "Und wie New York ist auch Mannheim eine Musikstadt. Basis des Erfolgs waren Künstler wie die Söhne Mannheims und Xavier Naidoo. Inzwischen haben aber auch die Popakademie und der Musikpark unsere Stadt zu einer Popmetropole gemacht", erzählt Axt.

Die Popakademie ist einzigartig in Deutschland und bietet auf drei Jahre angelegte Studiengänge in Musikbusiness und Popmusikdesign. Das benachbarte Existenzgründerzentrum für die Musikbranche ist ebenfalls ein voller Erfolg. Beide Einrichtungen befinden sich im Stadtteil Jungbusch. Das Quartier an der Schnittstelle von Innenstadt und Hafen war einst ein Nobelviertel von Reedern und Kapitänen. Später wurde es zum sozialen Brennpunkt mit brachliegenden Industrie- und Wohnbauten. Seit einigen Jahren ist der Jungbusch jedoch ein Stadtteil im Umbruch. Viele Bauten sind renoviert worden. In ihnen entstanden Lofts, Ateliers und Gewerbeflächen sowie erste Szenekneipen.

Detlef Berg, gms