Metropolentest Warum die Berliner so freundlich tun
Hamburg - Vor gar nicht allzu langer Zeit war Berlin noch eine Hauptstadt der meisterlich formulierten Unhöflichkeiten. Das unter "Berliner Schnauze" bekannte Phänomen durfte etwa die Bäckerkundin spüren, die es wagte, neumodisch einen Kaffee zum Mitnehmen zu bestellen. Da bellte die Bäckereifachverkäuferin schon mal: "Ja, wennse hier noch Wasser rinlassen, dann könnse hier ooch schwümmen." Das waren die Zeiten, als noch auf den Ämtern Sprüche hingen wie: "Ich bin auf der Arbeit, nicht auf der Flucht."
Berühmt für ihre Unfreundlichkeiten waren vor allem die Angestellten der Berliner Verkehrsgesellschaft BVG. Ungehemmt brüllten sie "Zurückbleiben, Mensch, ick hab jesagt zurückbleiben" über die Bahnhöfe. Das ist Geschichte. Vor Jahren schon hat die BVG ihre Leute dazu verpflichtet, "bitte" hinter dem "Zurückbleiben!" anzufügen. Auf der legendären 100er-Touristen-Buslinie beglückt mancher Busfahrer die Gäste inzwischen mit Sightseeing-Infos, für die WM haben etliche BVG-Mitarbeiter gar Englisch gepaukt.
Kein Wunder, dass Berlin bei dem ausgeklügelten Test von "Reader's Digest" so gut abgeschnitten hat, gerade in den Rubriken "Türaufhalten" und "Kundenbedienung". Schließlich wissen die armen Berliner, die sich mit einer Arbeitslosenquote von 17 Prozent und dem bundesweit niedrigsten Wirtschaftswachstum herumplagen, dass die wachsende Tourismusbranche ihre größte Chance ist.
"Arm, aber sexy", mit diesem Slogan verkauft Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit die Stadt. Richtig wäre auch: "Arm, aber diensteifrig." Schließlich tun die Berliner fast alles für ihre Touristen, unter anderem strampeln sie die Besucher in einer modernen Rikscha, genannt Velotaxi, durch die Gegend. Und Polizisten verwenden - wie vor ein paar Tagen - schon mal viel Zeit darauf, einem schwedischen Fußballfan dabei zu helfen, nach einer durchzechten Nacht sein Hotel wieder zu finden.
Ein Paradies für Touristen
Wenn man sich dieser Tage mit einem Cocktail in eine der zahlreichen Spree-Strandbars setzt, dem Sprachgewirr der versammelten WM-Touristen lauscht, dann kann man sich ein bisschen vorkommen wie in einem Urlaubsort in Thailand oder Costa Rica. Zu günstigen Drinks gibt's gut gelaunte Eingeborene. Hinter dem Tresen steht das schickste junge Volk, das die Stadt zu bieten hat. Schlampig und pampig - damit kommt man auf dem Arbeitsmarkt der Hauptstadt, die einst für ihre schlecht gekleideten Bewohner berüchtigt war, längst nicht mehr weiter. Die Tourismusbranche hat die Wahl aus einem großen Heer phantastischer Arbeitskräfte. Da hat auch der gemeine Souvenierverkäufer mindestens Abitur, so mancher Taxifahrer ist gar promoviert.
Berlin konnte also gar nicht anders, als in der "Reader's Digest"-Studie, für die insgesamt 35 Metropolen getestet wurden, die meisten hinter sich zu lassen. Sogar London und etliche asiatische Städte wie Seoul, Bangkok und Singapur hat die deutsche Hauptstadt abgehängt. Dabei gelten die Asiaten und die Engländer gemeinhin als ausnehmend höflich. Noch. Wenn die Berliner so weitermachen, wird ihre Freundlichkeit sicher viel legendärer. Man kann ihn schon vor sich sehen, den Werbespruch: "Zu Gast in der Stadt des Lächelns".
Allerdings gibt es in Berlin bis dahin noch eine Menge zu tun. Schließlich gilt es, Zürich, Toronto und New York einzuholen, die in dem Nettigkeitsranking noch vorne liegen. Wie konnte das eigentlich passieren? Da sind wir beim wunden Punkt des gemeinen Berliners: der coolen Einstellung zum Müll. Nur die Hälfte der geprüften Hauptstädter bewährten sich beim Punkt "Papier aufheben" und eilten einem Tester zur Hilfe, der einen Dokumentenstapel fallen ließ.
Immerhin: Zur Fußball-WM gibt's eine Kampagne mit Hertha-Spielern. Sie soll die Hauptstädter dazu bringen, für die Gäste mal aufzuräumen. Da sieht man etwa Marcelinho im orangenen Outfit der Stadtreinigung, unter ihm steht "Du willst meinen Respekt? Dann kick es in die Tonne!" Richtig lustig ist das nicht, schon gar nicht Berliner Schnauze. Die Aufräumaufrufe waren da schon mal lustiger. So warb etwa eine Antihundehaufen-Kampagne vor ein paar Jahren mit Sprüchen wie: "Vorne rein und hinten raus, nur bleibt's nicht liegen vor dem Haus!" und "Frauchen hat in der Jacke, immer 'ne Tüte für die Kacke!" Das ist eben der Preis für das neue, liebe Berlin: Ein bisschen mehr Langeweile. Sorry, sorry, sorry, tourists, but you can't have everything.