Mön: Nimm eine Prise Salz - DER SPIEGEL
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Mön Nimm eine Prise Salz

Die kleine Insel Mön ist typisch für Dänemark. Und dann doch wieder nicht: Hügel, Felsen, Wald - im übrigen Süden Skandinaviens findet man dies alles eher selten. Das Archipel ist auch im Herbst eine Reise wert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hier und dort rieselt es geräuschlos in die Tiefe, anderswo kullert irgendetwas den Abhang hinab.

Und tief unten lauert die Brandung wie ein nimmersattes Krokodil. Langsam, aber sicher fressen sich die Wellen von unten durch den Kalksand, so dass alles, was sich in hundert Metern Höhe auf den Klippen befindet, irgendwann dem porös gewordenen Untergrund zum Opfer fällt.

Ein bizarres Schauspiel der Natur, das seit Hunderttausenden von Jahren an den berühmten Steilufern Möns geboten wird. Jahrmillionen zuvor schaufelten Gletschermassen Steinsedimente aus dem äußersten Norden Europas durch die heutige Ostsee Richtung Süden, Schicht für Schicht. So entstanden die Kreidefelsen.

Dazu das unvergleichliche Farbspiel des Meeres - ein Kontrast zur weißen Kreide und zum grünen Buchenwald, der, vom ewigen Ostwind drangsaliert, ein schräges Dasein fristet.

"Wenn ich nach Mön fahre, ist das Ziel meiner Reise stets dasselbe", bemerkte schon 1852 der Klippenbesucher Hans Christian Andersen und stellte fest: "Jedes Mal finde ich eine Kulisse vor, als sei ich noch nie hier gewesen."

Im Schlosspark von Liselund, jener Grünanlage voll von seltenen Pflanzen und märchenhaften Pagoden, schrieb der berühmteste dänische Erzähler sein Märchen vom Mädchen mit den Zündhölzern.

Seitdem sind auch Teile von Liselund ins Meer gerutscht. Und seitdem präsentieren sich die Kreidefelsen stets mit einem neuen Gesicht. Vor Kletterallüren muss an diesen Klippen deshalb eindringlich gewarnt werden.

Die Ostsee schimmert türkis, bei klarer Sicht kann man Südschweden erkennen. Keine Frage: "Store Klint" ist die erste Attraktion der zwischen Falster und Seeland gelegenen Insel.

Was aber den besonderen Reiz des östlichen Archipels ausmacht, ist geradewegs ein Paradoxon: Mön ist mit seiner Größe von gerade einmal 217 Quadratkilometern und 11.000 Menschen, die das Eiland ständig bewohnen, einerseits überschaubar. Von der Europastraße 55 aus, die nordwärts weiter Richtung Kopenhagen und den Öresund führt, kann man schon vom Farøbroen aus rechter Hand die dunklen Steiluferwälder erkennen, die im Osten die berühmten Kreidefelsen einzäunen.

Andererseits ist Mön abwechslungs- und kontrastreich wie keine andere Ecke Dänemarks. Im äußersten Norden führt die Straße durch einen der letzten Urwälder, dunkel vor Ursprünglichkeit, Ulvshale Skov ist für jeden reizvoll, der gerne seine Hand ausstreckt, damit im Vorbeigehen ein Sortiment an essbaren Beeren hängen bleibt. Feuersteine gibt es hier zuhauf, denn Wind und Wasser haben die Ablagerungen der Kreidefelsen bis hierher getragen.

Weiter nördlich liegt der Strand von Ulvshale, breit und flach ins Meer abfallend gehört er sicher zu den kinderfreundlichsten des Kontinents, in der Nebensaison sind neben unerschrockenen Surfern und Seglern Reiter unterwegs.

Nicht weit von hier erreicht man eine leere einspurige Brücke, die so unwirklich erscheint wie die rote Ampel, die durch eine Kontaktschleife umschaltet. Sie führt aber nicht ins Nichts, wie der Erstbesucher spontan annehmen könnte, sondern rüber zu Nyord, einer kleinen Nachbarinsel, die zugleich Ort ist.

Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein: Die Höfe und Häuser sind in Gruppen vereint, wie dies in den meisten dänischen Dörfern vor schon 200 Jahren üblich gewesen ist. Ein anheimelndes dänisches Klischee, zu dem der alte Kaufmannsladen mit seinen emaillierten Reklameschildern ebenso gehört wie der "Lolles Gård", einem traditionellen Landgasthof, in dem Insulaner besonders gerne zum fetten Aal und etlichen Aquavits greifen.

Und auch im Præstekilde unweit des mittelalterlichen Hauptortes Stege kehren trotz des Hotelcharakters in erster Linie Einheimische zu "frokost" und "middag" ein. Hier, in der Mitte der elchkopf-förmigen Insel, entdeckt man weite Rasenflächen wie auf Jütland: Hier liegt der Golfplatz von Møn. Die 18 Löcher, die auf zwei grundverschiedenen Geländeteilen zu finden sind. Auf dem leicht kupierten, nördlichen Teil liegen die Löcher in kleinen Abständen von einander entfernt, südlich des Boddens von Stege ist das vom Wind verwehte Gelände offen und die Distanzen größer.

An der rauheren Südküste Møns liegt Klintholm Havn, einem Fischerdorf, wie es die Prospekte nicht idyllischer zeigen könnten: Trawler, die gerade von der Fangtour einlaufen, Fischer beim Nähen der Netze, kleines, buntes dänisches Fachwerk; zur Räucherei mit den frischen Delikatessen kommt die Kundschaft auch von der anderen Inselseite.

Der Besucher findet alle Dänemark-typischen Attribute auf Mön. Und doch ist Møn nicht austauschbar, was nicht nur der Steilküste im Osten zu verdanken wäre, die zweifellos zu den Besonderheiten zählt. Ebenso wie die zuweilen - für Dänemark völlig untypische - hügelige Landschaft sind die einzigartigen Kalkmalereien eine örtliche Spezialität. Man findet sie in den Kirchen von Keldby und Fanefjord. Die mitunter brutalen Bibeldarstellungen wurden zuerst in der aus dem 11. Jahrhundert stammenden Steinkirche von Elmelunde entdeckt.

Und weil der Name des Künstlers unbekannt geblieben ist, haben die Möner den anonymen Maler kurzerhand zum "Meister von Elmelunde" ernannt. Im Ålekoren zu Klintholm Havn erinnert man sich heute noch gerne an eine ganz andere Spezialität. Der Rat des Wirts an einen hektischen deutschen Feriengast, alles "med en nype salt" zu nehmen, nahm dieser ausgerechnet beim Bier wörtlich. Dabei ist die dänische Redewendung, alles "mit einer Prise Salz" zu nehmen, eher als Aufforderung zum Relaxen zu verstehen.