MoMA in Berlin: Geduldsprobe mit Event-Charakter - DER SPIEGEL
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MoMA in Berlin Geduldsprobe mit Event-Charakter

Wer sich vier Stunden lang im Schneckentempo um ein Gebäude herum bewegt, muss verrückt sein, ein Bauarbeiter - oder ein "MoMa"-Besucher in Berlin. Dieser erlebt allerdings einen ganz besonderen Kulturgenuss während dieser wenige Meter langen Reise, die manchmal fast genauso lange dauert wie ein Flug nach New York.
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Berlin - Morgens um 8 Uhr, zwei Stunden vor Einlass, beziehen die ganz Disziplinierten bereits Posten. Eher lässig veranlagte Kulturinteressierte versuchen ihr Glück dagegen erst, wenn im "Einsteinkaffee" an der Nordseite der Neuen Nationalgalerie alle essbaren Artikel schon ausverkauft sind und die Wartenden im Abendschatten zu frösteln beginnen.

Mit der Ausstellung "Das MoMA in Berlin" sind mehr als 200 Meisterwerke des Museum of Modern Art in New York nach Deutschland gekommen - sehr zur Freude von Kunstbegeisterten aus ganz Europa. Seit der Eröffnung der Schau am 20. Februar verfolgen Einheimische und Berlin-Besucher staunend, wie sich am Rande des Verkehrsgetöses auf der Potsdamer Straße täglich neu die lockere Gesellschaft der wartenden Kunstfreunde formiert. Zumindest an wärmeren Tagen besitzt die kollektive Geduldsprobe trotzig-fröhlichen Event-Charakter.




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Zum Kulturprogramm vor dem "MoMa"-Besuch gehört ein schwarz gewandetes Straßenmusiker-Duo, das an der dem Verkehr abgewandten Seite der Nationalgalerie in die Saiten greift und die Wartenden auch mal mit sanftem Druck in die Sonne dirigiert. Auch Querflötenspieler, geschäftstüchtige Brezel-Austräger und schwer bepackte Jugendliche mit mobiler Softeis-Station auf dem Rücken haben den unschätzbaren Wert einer Menschenmenge erkannt, die nicht einfach davonlaufen kann.

Unentgeltlich lassen sich die Dienste des älteren Herren mit der großen Müllkarre nutzen. Und umsonst sind auch die Auskünfte der Männer in dunkler Uniform sowie der "Momanizer" - junger Kunststudentinnen mit T-Shirts im grellen "MoMA"-Pink. Die freundlichen Mitarbeiter machen Besucher beispielsweise darauf aufmerksam, dass an einem ganz normalen Freitagvormittag, nachdem bereits eine Stunde in der Schlange vor dem Ticketkontor vergangen ist, noch vier Stunden Wartezeit vor der Einlasstür zu erwarten sind.

Besuch beim wild-romantischen Straßenkiosk

Der kluge "MoMa"-Besucher baut vor und packt sich eine dicke Tageszeitung in die Tasche oder kauft zum Ticket gleich den Ausstellungskatalog hinzu, Zeit zum Durchblättern gibt es reichlich. Noch besser ist es, ein oder zwei gute Freunde mitzunehmen, und sich beim Schlangestehen abzuwechseln. Dann ist auch Zeit für einen Besuch beim wild-romantischen Straßenkiosk in Richtung Potsdamer Platz, wo Sandwich und Latte Macchiato verhältnismäßig preiswert sind und sich Verkehrslärm und Brasilectro-Klänge zum stimmigen Metropolen-Soundtrack mischen. Warteschlangen gibt es auch hier.

Gruppenreisende und so genannte VIP-Besucher kommen schneller zum Zuge. Während das Ticket für alle anderen Besucher 10 oder 12 Euro kostet, zahlen "VIP-Besucher" 27 Euro - beziehungsweise 22 Euro, wenn sie Besitzer einer Bahncard sind. Dafür erhalten die VIP-Gäste die Garantie, dass sie an einem festgelegten Datum zwischen 10 und 11 Uhr durch einen separaten Eingang Einlass finden. Allerdings sind die Tickets laut der zentralen Reservierungsstelle im Hotel Intercontinental zurzeit für drei Wochen im Voraus ausgebucht.

Zwischen Stolz und Verzweiflung wechselndes Gruppengefühl

Weniger gut Betuchte können die Wartezeit verkürzen, indem sie sich mit anderen absprechen. Ein Besucher sollte sich gegen 8 Uhr oder 8.30 Uhr vor dem Ticket-Kontor einreihen, während der andere vor dem Eingang Stellung bezieht, empfehlen MoMa-Mitarbeiter. Einzelkämpfer können das Ticket auch an einem beliebigen Tag vor dem Museumsbesuch kaufen. Am kürzesten ist die Schlange vor dem Karten-Container von 15 bis 16, heißt es beim MoMa-Infotelefon.

Was den gut organisierten Besuchern entgeht, ist das zwischen Stolz und Verzweiflung wechselnde Gruppengefühl. Dieses stellt sich eben nur ein, wenn man mit Hunderten von Menschen gemeinsam für den Kunstgenuss leidet - während einer wenige Meter langen Reise, die manchmal fast genauso lange dauert wie ein Flug nach New York.

Von Swantje Werner, gms