Montreal Mosaik der Kulturen
Montreal - Ein überwältigendes Wechselspiel von Wassern, Wäldern, Wiesen und Wolken: So erlebte der Franzose Jaques Cartier 1534 den Blick von der Anhöhe der Insel im St. Lorenz-Strom. Als ersten Weißen hatten ihn die damals dort siedelnden Mohawk-Indianer mit auf ihren Hausberg genommen. Cartier reklamierte alles Land, das er von oben überblicken konnte, umgehend für Frankreich - und taufte die einzige größere Umgebung der Region "Mont Royal", den königlichen Berg. Daraus entwickelte sich später der Name Mont Real, und so wurde auch die Stadt benannt, die sich später am Fuße des Berges auszubreiten begann.
Heute ist Montreal mit rund 3,3 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Kanadas hinter Toronto - und die nach Paris größte französischsprachige Stadt der Welt. Die frankophonen Bewohner der Provinz Quebec verteidigen ihre Sprache und ihre Kultur vehement bis fanatisch und manche von ihnen streben sogar die Unabhängigkeit von Kanada an - zwei entsprechende Referenden sind jedoch knapp gescheitert.
Nach wie vor einer der schönsten Wege, sich Montreal anzunähern, ist der Ausblick vom Hausberg. Zu beiden Seiten des Berges breiten sich die vornehmsten Viertel der Stadt aus. Westmount zum Beispiel ist als Gartenstadt im englischen Stil angelegt worden, in der prächtige Villen in gepflegten Parks an die viktorianische Zeit erinnern - nach der Eroberung durch die Engländer mussten die Franzosen 1713 Kanada räumen und machten so britischen Einflüssen Platz. Das französische Gegenstück ist Outremont, wo die frankophone Oberschicht der Stadt zu Hause ist. Direkt unterhalb der Aussichtsterrasse des Chalet de Belvedere schmiegen sich die Bauten der traditionsreichen McGill Universität an den Berg.
Fast zum Greifen nah liegen auch die Hochhäuser der Innenstadt. Weil die Montrealer streng darauf achten, dass kein Gebäude höher als der von ihnen so geschätzte und 233 Meter hohe Mont Royal ist, bringt es Montreals höchstes Haus, das 51 Stockwerke zählende "1000 de la Gauchetiere", auf genau 232 Meter. Am Horizont schließlich schimmert der mächtige St. Lorenz-Strom, der sich wie ein blaues Band um die Stadt legt.
Ins Auge fällt auch das Olympiagelände mit dem markanten, schräg über das Stadion aufragenden Turm. Sonderlich stolz sind die Montrealer auf den architektonisch beeindruckenden Olympiapark allerdings nicht: Noch bis zum Jahr 2006 müssen sie die Schulden für den viel zu teuer geratenen Komplex abzahlen, der 1976 nicht einmal rechtzeitig zur Eröffnungsfeier fertig wurde.
Neben den Olympischen Spielen 1976 war es vor allem die Weltausstellung Expo 67, die die Stadt zum Anlass für eine radikale Erneuerung nahm. Sie genehmigte sich zum Beispiel ein modernes U-Bahn-System und mit dem anfallenden Erdreich wurde eine künstliche Insel im Fluss und damit Platz für das Expo-Areal geschaffen. Heute ist die Ile Notre-Dame vor allem als Schauplatz des Formel-1-Grand-Prix bekannt.
Auch die Idee von einer unterirdischen Stadt wurde Anfang der sechziger Jahre beim Bau eines Hochhauses im Stadtzentrum geboren. Schrittweise ist eine riesige "Stadt im Untergrund" entstanden. Überall in Downtown führen Rolltreppen hinab in die "Ville souterraine", ein verschachteltes Netz von Passagen und Tunnels, Galerien und unterirdischen Plätzen mit einer Länge von mehr als 30 Kilometern.
Vor allem im Winter, wenn die Stadt meterhoch im Schnee versinkt und die Temperaturen nicht selten 20 Grad Celsius unter den Gefrierpunkt fallen, ist die Unterwelt mit ihren 200 Restaurants, 40 Kinos, Theatern und Konzertsälen, sieben Hotels und 1700 Läden ein beliebter Treffpunkt der Montrealer. Über 500.000 Menschen frequentieren täglich diese Unterwelt und erfüllen sie mit pulsierendem Leben.
Doch schon beim ersten Sonnenstrahl im Frühling werden draußen - ganz französisch - Stühle und Tische auf den Gehweg gestellt und im Handumdrehen füllen sich die unzähligen Straßenlokale. Im Stadtteil Plateau Mont-Royal etwa wimmelt es in den Erdgeschossen der zumeist nur zweistöckigen Häuser von Cafés, Bars, Restaurants und Diskotheken.
Zu den Sehenswürdigkeiten Montreals gehört auch die Altstadt, mit ihren kopfsteingepflasterten Gassen und Straßen ein Stück altes Europa auf dem nordamerikanischen Kontinent. Hier finden sich französische Kolonialbauten und die Basilika Notre-Dame, einer der artenreichsten Botanischen Gärten der Welt und eine Vielzahl interessanter Museen. Ebenfalls reges Treiben herrscht in den Sommermonaten noch spätabends am Alten Hafen, von wo aus auch Ausflugsschiffe zu Hafenrundfahrten und Schnellboote zu den Lachine-Stromschnellen starten.
Das einst etwas heruntergekommene Viertel wurde sorgfältig herausgeputzt: Aus stillgelegten Hafenspeichern wurden moderne Lofts und kleine Boutique-Hotels, überall gibt es kleine Galerien, Kinos, Kneipen mit Live-Musik und Experimentierbühnen - und der Besucher fühlt sich beinahe so, als wäre er in den Straßen von Paris unterwegs.
Von Detlef Berg, gms