München - Stadtführung als Krimi - DER SPIEGEL
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Krimi-Führung in München: Eine Tote, ein Mörder, viele Ermittler

Foto: TMN

Krimi-Stadtführung in München Touri, ermitteln Sie!

Ein Opfer, ein Mörder (oder eine Mörderin) und Dutzende Ermittler: Auf einer Tour in München testen Krimifans ihren Spürsinn und mischen die Innenstadt auf. Bewaffnet sind sie mit Stadtplan, Block und Bleistift.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Fall ist undurchsichtig: Sabine Köhler, eine Krankenschwester, wurde tot in ihrer Wohnung in der Blumenstraße in München gefunden, vergiftet. Ihr Mann, ein Arzt, weilte zur Tatzeit auf einem Kongress in Wien. Mit der Putzfrau hatte das Opfer noch am Abend vor ihrer Ermordung telefoniert. Immerhin gibt es einen Hinweis: Eine ihrer Kolleginnen sitzt an der Feldherrnhalle. In der Klinik wird gemutmaßt, die Tote könnte ein Verhältnis mit dem Freund dieser Kollegin gehabt haben.

"Giftcocktail" heißt der fiktive Kriminalfall, der mit vielen Handlungsfäden und verschiedenen Schauspielern mitten in der Münchner City spielt, im typischen Gewusel, das am Samstagnachmittag dort herrscht. Die Teilnehmer der Verbrecherjagd sind Krimifans, die Spaß daran haben, ihren Spürsinn zu testen. Barbara Jung und Sebastian Herrmann sind aus dem Westerwald zu Besuch. "Für uns ist das eine interessante Möglichkeit, die Innenstadt ein bisschen genauer kennenzulernen", sagt Jung.

Ein Codewort gibt es, wenn die Ermittler ihre Zeugen und Verdächtigen auf der Straße ansprechen: "Sie sollen nach Watson fragen", erklärt Andi Wagner, der den Citythriller  vor knapp zehn Jahren mit seiner Frau Rosi in Köln ins Leben gerufen hat. "Die Hinweise sind eindeutig - aber wenn auf einmal in einem Café zwei junge Frauen mit langen blonden Haaren sitzen, sollte man schon sichergehen, dass man die Richtige befragt."

Mit Krimis hatte der gelernte Werbefachmann Wagner eigentlich nichts zu tun. Doch heute schreibt das Paar die Drehbücher für seine Fälle selbst, seine Touren bietet es in Köln, Düsseldorf, Bonn, München und Hamburg an und führt Thriller-Freunde auf viele falsche und einige richtige Fährten.

Feldherrnhalle, Theatinerkirche, Hofbräuhaus

Ausgerüstet mit Stadtplan, Block und Bleistift macht sich das Ermittlerteam aus sechs Münchnern und Auswärtigen auf den Weg. Sie müssen Zeugen finden und befragen, Hinweisen nachgehen und aus den Informationen ein Tatmotiv stricken, das sie schließlich zum Mörder führt. Weiteres Utensil: ein Handy, mit dem sie Anrufe von Tatzeugen erhalten und mit dem sie bei der Einsatzzentrale anrufen können. Die kann wiederum Angaben prüfen und Spuren bestätigen.

Feldherrnhalle, Theatinerkirche, Residenz, die Frauenkirche, der Alte Peter, der Viktualienmarkt und Hofbräuhaus - lauter markante Orte in der Landeshauptstadt. Hier sitzen, laufen oder stehen Zeugen oder Verdächtige, die wertvolle Hinweise zum Fall liefern können, zum Beispiel die Kollegin von Frau Köhler. Sie erzählt davon, wie unbeliebt die inzwischen verstorbene Krankenschwester in der Klinik war.

Als sich die Befragung dem Ende entgegenneigt, rückt sie noch mit einem Tipp heraus. Gerade eben erst habe sie den Ehemann der Toten gesehen, "mit einer merkwürdigen Mütze auf dem Kopf, Jeans und Tweedjacke". Auf geht's also für die Freizeitkriminalisten, der genannte Ort ist nicht weit entfernt.

Ratlosigkeit ist groß

Und tatsächlich: In einem Geschäft läuft, leicht aufgescheucht, der vermeintliche Doktor Köhler herum. Leicht erkennbar an der Kopfbedeckung - und nicht willens, sich befragen zu lassen. Immer wieder versucht er, zu entwischen. Sogar die Passanten haben schon einen Blick auf den Mann und die kleine Gruppe mit dem Klemmbrett geworfen. Der Schauspieler stellt einen arroganten Zeitgenossen dar, der keine große Hilfe ist.

Eine Ermittlerin, die im richtigen Leben Psychologin ist, hat die verschiedenen Stränge und Hinweise in einem Diagramm auf den Block gezeichnet. Doch die Ratlosigkeit überwiegt. Die Teilnehmer versuchen, in alle Richtungen zu denken und alle Hinweise zu berücksichtigen. "Das ist total frustrierend", sagt Julia Haas, die voll in der Rolle der Polizistin aufgeht.

Doch dann kommen nach und nach die Telefonate, auf die die Kommissare gewartet haben - und die Indizien verdichten sich. Alle Ermittlerteams - insgesamt 32 Teilnehmer in fünf Gruppen - treffen sich nun wieder. Die Gruppe mit der besten Argumentationskette darf schließlich eine Verhaftung vornehmen, die wiederum für Aufsehen in der Fußgängerzone sorgt. Andi Wagner freut sich darüber. "Es soll ein großes Finale geben", sagt er.

Verena Wolff/dpa/beh