New York Manhattan ohne MoMA
Bisher mussten Touristen nur einmal um die Ecke biegen: Der Hort moderner Kunst in New York, das MoMA, war nur einen halben Block von der vertrauten Fifth Avenue entfernt. Lange Schlangen bis auf den Bürgersteig zeugten von der großen Popularität des zentral gelegenen Kulturtempels.
In Zukunft werden Besucher hingegen eine kleine Abenteuerreise auf sich nehmen müssen, um die Highlights von Matisse und Miro, Picasso und Pollock, bestaunen zu können. Denn heute, mit dem Ende der laufenden Gerhard-Richter-Ausstellung, schließt das 73 alte Museum seine Pforten, es wird teilweise abgerissen und umgebaut. Für die nächsten drei Jahre wird die milliardenteure Sammlung daher nach Queens ausgelagert.
Dort hatte MoMA-Direktor Glenn Lowry vor drei Jahren die Swingline Staple Factory gekauft. Die Heftklammerfabrik sollte ursprünglich nur als Lager dienen, um die auf 18 verschiedene Standorte verteilten Schätze des MoMA an einem zentralen Ort zusammenzuführen.
Doch als dann die Diskussionen über den Umbau des Haupthauses in Manhattan begannen, entschied die Museumsführung, das Lager auch als provisorischen Ausstellungsraum zu nutzen. "Die Mietpreise für Ausweichräume in Manhattan waren viel zu hoch. Da kam uns die Idee: Hey, wir haben allen Platz der Welt in Queens, lasst uns dahin ziehen", sagte Lowry bei einer Presseführung durch die frisch gepinselten Räume. Der Architekt Michael Maltzan wurde beauftragt, dem Lagerhaus eine Museums-Atmosphäre zu geben. Am 29. Juni ist Eröffnung.
Nun hat die neue Heimat einen offensichtlichen Haken: Die sorgfältig ausgeklügelte Sightseeing-Route der meisten Touristen führt nicht am Queens Boulevard vorbei. Zwar kommen die meisten in Queens, auf den Flughäfen JFK oder La Guardia an, verlassen danach Manhattan aber nicht mehr. 70 Prozent des MoMA-Publikums sind Touristen, knapp die Hälfte davon aus dem Ausland.
Lowry ist dennoch überzeugt, dass er die Touristenströme zumindest teilweise umlenken kann. Vor der MoMA-Baustelle in Manhattan werden Mitarbeiter auf die nicht Eingeweihten warten und ihnen den Weg zur U-Bahn-Station weisen. Mit der U-Bahn ist der neue Standort in 15 bis 20 Minuten zu erreichen, plus Fußmarsch. Von der Haltestelle in Queens führt ein fast ununterbrochenes Band von Neonröhren bis zum Eingang des Museums.
"Die meisten werden eh ein Taxi nehmen", hofft Lowry. Nun ist das in New York nicht unbedingt der sicherste Weg, um eine Adresse in Queens zu erreichen. Zu viele Taxifahrer kennen sich außerhalb Manhattans schlicht nicht aus. Zumindest am Wochenende gibt es aber einen Shuttle-Bus vom alten zum neuen Standort.
Lowry ist sich bewusst, dass der Umzug Besucher kosten wird. Statt einer Million wie in Manhattan erwartet er in Queens nur 400.000 pro Jahr. Die finanziellen Einbußen seien eingeplant, sagt er. Und letztendlich habe er keine Wahl: Der Umbau des Haupthauses war überfällig, die Sammlung platzte aus allen Nähten. Und in Manhattan stimmten weder Preis noch Platzangebot.
So steht nun ein freundlich-blauer, fensterloser Klotz mit vier übergroßen Buchstaben in einer Kulisse, die für Verfolgungsjagden in Gangsterfilmen erbaut zu sein scheint. Rostige U-Bahn-Stelzen, Lagerhallen mit Stahltüren und Stacheldraht, Trucks - in dieser Gegend ist New York noch sehr industriell.
Doch das ist Teil des Charmes von Long Island City, wie dieser Teil von Queens heißt: Echte Kunstfans sind schon lange hierher gepilgert. P.S.1, das New Yorker Zentrum für Avantgarde-Kunst und MoMA-Partner, ist nur wenige Fußminuten entfernt. Auch zum Wohnen und Arbeiten ziehen immer mehr Künstler in die raue Gegend. Nachdem selbst im hippen Williamsburg inzwischen die Kinderwagen die Bürgersteige erobert haben, wie die "New York Times" kürzlich feststellte, suchen die Kreativen nach neuen "authentischen" Orten.
Auch Lowry, der knallrote Socken zu seinem dunklen Nadelstreifenanzug trägt, ist sehr angetan von der unpolierten Umgebung. Der Coolness-Faktor dürfte dem ehrwürdigen Museum gut tun. "Neue Dynamik" nennt der Direktor das. Darum wurde auch der Fabrikboden einfach so belassen: Purer Beton. "Das strahlt Ehrlichkeit aus", meint Lowry.
Die Verwandlung einer mit Maschinen voll gestellten Fabrik in ein modernes Museum mit allen Sicherheitsanforderungen (Klimaanlage, Brandschutz, erschütterungsfreier Fahrstuhl, Diebstahlsicherung) dauerte nur ein Jahr. 70 Millionen Dollar steuerte die öffentliche Hand bei, 50 Millionen Dollar das private Museum.
Seit Anfang des Jahres läuft der Umzug der kostbaren Sammlung. "Wir arbeiten 24 Stunden am Tag", sagt Lowry. Ungekennzeichnete Trucks fahren auf verschiedenen Routen von Manhattan nach Queens, die teuersten Meisterwerke dürfen nicht im selben Transport reisen - alles eine Frage der Sicherheit.
Insgesamt überqueren 100.000 Gemälde, Skulpturen, Drucke und Designerstücke den East River. Auch 400 der 550 Mitarbeiter ziehen mit um. Sie haben das Abenteuergefühl im wilden Queens bereits kosten können. Eine Mitarbeiterin sagte der "New York Times": "Es ist wie der Umzug in ein neues Land".