Nizza Wie eisgekühlter Champagner
Für ein paar Tage waren Anfang Dezember alle Augen in Europa auf Nizza gerichtet. Das Treffen der Staats- und Regierungschefs der EU-Länder versetzte die Metropole an der Côte d'Azur in eine Art Ausnahmezustand. Der Anblick der Reichen und Mächtigen dieser Welt ist für die Nissardis allerdings nichts Neues. Sie sind es gewohnt, dass sich Nizza im Winter in die heimliche Hauptstadt Europas verwandelt.
Die europäische Aristokratie hat das Stadtbild nachhaltig geprägt. Die gekrönten Häupter und der Adel bauten Nizza zu ihrer persönlichen Wintermetropole aus. Da ist zum Beispiel der einstige Prachtbau von Königin Victoria oder das Quartier Russe mit seinen Châteaux und Palais. Die Kathedrale Saint Nicolas am Boulevard du Tzarevitch ist noch heute die prachtvollste der russischen Orthodoxie außerhalb Moskaus und wurde 1903 bis 1912 im Auftrag von Zar Nikolaus II. errichtet.
Heute sind die einstigen Prunkbauten umgewandelt in Eigentumswohnungen, Hotels oder Museen. Vorbei sind die Zeiten, als Leopold II., König der Belgier, sich über "diese unglaublichen Stauungen" beschwerte, als er nacheinander König Oscar II. von Schweden, Queen Victoria und Zarin Alexandra begegnete.
Dafür ist die Promenade des Anglais, die sich entlang des Meeres an die Baie des Anges schmiegt, mittlerweile eine sechsspurige Straße, auf der der dichte Verkehrsfluss lediglich in den Nachtstunden etwas nachlässt. Ursprünglich maß der Boulevard nicht mehr als zwei Meter.
Insgesamt hat die Stadt aber von ihrem Charme nicht viel eingebüßt. Die Luft ist prickelnd wie eisgekühlter Champagner, und das mediterrane Klima sorgt auch im Winter für volle Straßencafés am Boulevard. Am Quai des Etats Unis öffnet sich gleich hinter zwei großen Torbögen eine erlebnispralle Welt: Schmalbrüstige Häuschen behaupten sich gegen die breiten Steinhäuser der frühen Bourgeoisie, deren Fassaden von Ockerfarben dominiert werden.
Nizza bekennt sich aber auch zur Neuzeit. In den Gärten von Cimiez zwischen dem Franziskanerkloster und dem Musée Matisse findet jedes Jahr im Juli ein weltberühmtes Jazz-Festival statt, während das Museum der Moderne die Geschichte der europäischen und amerikanischen Avantgarde der sechziger Jahre zeigt. Auf der Bühne der zwischenzeitlich mit viel Liebe zum Detail restaurierten Oper in der Rue St. François de Paule gastieren prominente Namen wie José Carreras und Placido Domingo.
Aus ihrer italienischen Vergangenheit hat sich Nizza ihre ungezwungene Lebensfreude, ihren Charme, ihre Farben und Düfte bewahrt. Am Fuße des Schlosses, das einst die Wiege der Stadt war, liegt Vieux Nice mit seinen verwinkelten Gässchen. In diesem Teil der Stadt wähnt man sich eher in Genua oder Neapel. Die gesamte Altstadt duftet nach Gewürzen, Kräutern, Knoblauch und Krustenbrot, nach Kaffee, Wein und Blumen.
Während das übrige Europa in Eis und Schnee versinkt, können Nizza-Besucher nicht selten im T-Shirt in den Straßenbistros des Cours Selaya zu Mittag zu essen. Schlägt das Herz dieser lebensfrohen Stadt in Vieux Nice, so bildet die Place Masséna das Zentrum. Die Nordseite schmücken elegante Häuser mit Jugendstilfassaden, deren Arkadenläden zum Bummeln einladen.
Inmitten dieses Treibens erklingt noch immer das alte Provenzalisch, eine eigenständige Sprache, die von Katalonien bis in das Limousin und die Täler des Piemont verbreitet ist. Zahlreiche Kulturvereine und Theatergruppen tragen dazu bei, dass diese Sprache weiterlebt und nicht dem Vergessen anheim fällt.
Udo J. Sabock, gms